Trauerfeier in der Marktkirche in Halle

Trauerfeier in der Marktkirche in Halle: Abschied von Mariya

Halle (Saale)/MZ - Die Musik strahlt, sie glänzt, ja sie jubelt beinahe. Zwar sind da auch die tiefen Töne, die traurigen, mächtigen, raumfüllenden, manchmal markerschütternd drohenden. Doch was hängen bleibt und ergreift, sind die hellen Klänge, wie das Zwitschern eines freien Vogels, wie die klare Stimme eines fröhlichen Mädchens - Töne, die am Ende wie im Echo verhallen. Organist Lukas Storch improvisiert über das Leben der Mariya N., jener bulgarischen Studentin, die vor über zwei Monaten Opfer brutaler Gewalt geworden ist. Beim Joggen. Vergewaltigt und getötet, auf der Peißnitzinsel, mitten in Halle, mitten im ...

Von Felix Knothe 15.04.2014, 13:55

Die Musik strahlt, sie glänzt, ja sie jubelt beinahe. Zwar sind da auch die tiefen Töne, die traurigen, mächtigen, raumfüllenden, manchmal markerschütternd drohenden. Doch was hängen bleibt und ergreift, sind die hellen Klänge, wie das Zwitschern eines freien Vogels, wie die klare Stimme eines fröhlichen Mädchens - Töne, die am Ende wie im Echo verhallen. Organist Lukas Storch improvisiert über das Leben der Mariya N., jener bulgarischen Studentin, die vor über zwei Monaten Opfer brutaler Gewalt geworden ist. Beim Joggen. Vergewaltigt und getötet, auf der Peißnitzinsel, mitten in Halle, mitten im Leben.

200 Hallenser sind am Dienstagabend in die Marktkirche gekommen. Viele Studenten sind darunter, viele Professoren der beiden Hochschulen - aber auch Bürger, die Mariya N. nie getroffen haben, die trotzdem Anteil nehmen am Schicksal dieser bulgarischen Bürgerin ihrer Stadt. Unter den Gästen sind auch Polizisten, die sich immer noch um die Aufklärung des Verbrechens bemühen.

An diesem Abend ist Johan-Hinrich Witzel, der Pfarrer der evangelischen Studierendengemeinde, ihr Seelsorger. Und hört man seine Worte, so ist er auch ein bisschen Seelsorger der ganzen Stadt. Witzel spricht vom schlimmen und sinnlosen Tod, der seinen Schatten auf Halle geworfen habe. „In nur einer einzigen schwarzen Stunde wurde eine Wunde geschlagen, die lange schmerzen wird - zuallererst die Eltern von Mariya und ihre engsten Freunde, aber auch die Universität und die ganze Stadt. Ein Schrecken und Schaudern wurde geweckt, Angst und Verwirrung machte sich breit.“

Staatsanwaltschaft und Polizei sind bei der Suche nach dem Täter noch keinen entscheidenden Schritt weiter. Die Auswertung von Hinweisen und der Handydaten von rund 1.000 Menschen, die sich zum Zeitpunkt des Verbrechens im weiteren Umkreis der Peißnitzinsel aufgehalten hatten, dauere an, sagte Staatsanwalt Klaus Wiechmann zur MZ. Auch die Suche im persönlichen Umfeld Mariya N.s sei bislang ergebnislos. „Wir gehen derzeit davon aus, dass es zwischen Täter und Opfer keine Beziehung gab“, so Wiechmann. (xkn)

Witzel würdigt das Leben der Studentin, der die Welt offengestanden habe, die schwer für den Erfolg im Studium und für dessen Finanzierung gearbeitet habe. „Sie hat viel geleistet, hat viele Freunde gehabt, war sorgsam und gewissenhaft, und sie passte auf sich auf, sorgte für ihre Gesundheit, unter anderem durch Joggen.“ Es ist keine leichte Reise, auf die Witzel die Zuhörer mitnimmt. Doch der Schrecken, so ist Witzels Ansatz, soll nicht verdrängt sondern gebannt und schließlich vertrieben werden, damit die Wunde verheilt.

Es ist Karwoche, im christlichen Glauben, in dem auch Mariya N. erzogen wurde, Höhepunkt des Leidens und der Hoffnung zugleich. Es ist Zufall, dass die Trauerfeier an diesem Dienstag stattfindet, aber dieser Zufall ist natürlich hoch symbolisch. Die Hoffnung, die Witzel den Zuhörern und der Stadt machen will, ist, dass die lebendige Stadt die Gewalt und den Tod hinter sich lassen kann: „Wir können verhindern, dass der Schrecken und die Angst Macht über unser Leben bekommt.“

Später strömen fast alle nach vorn, um Kerzen zu entzünden und auf die Stufen zum Altar zu stellen. Mancher verharrt kurz in Stille, mancher bringt Blumen mit. Eine Skulptur aus weißen Schrauben und Muttern steht dort. Niemand weiß, wer sie dort hingestellt hat, inmitten eines zu einem Herz geformten Kranzes aus weißen Rosen. Ihre Hände sind ausgestreckt, flehend, segnend.

Wie eine Monstranz wird sie später vor dem Lichterzug hergetragen, der vom Markt zum Tatort auf der Ziegelwiese führt. Auch so soll Mariyas gedacht werden, aber so soll auch der Schreckensort am Mühlgraben symbolisch zurückerobert werden, erobert für den normalen Alltag einer Stadt. Rund 50 Menschen ziehen dorthin, auch vorbei am Café „Roter Horizont“, in dem Mariya immer am liebsten gesessen hatte.

Auf der Würfelwiese bolzen Fußballer und dehnen sich Joggerinnen, als der Zug vorbeikommt. Verdrängt die Stadt, oder heilt die Wunde schon? Man weiß es an diesem Abend nicht. Auch in den zehn Minuten, die die Gruppe an dem Baum mit den Kerzen und Blumen und mit der Eisenskulptur verharrt, bahnen sich Radfahrer und Läufer einen Weg durch die Menge. Es ist still, bis auf das abendliche Zwitschern der Vögel. Das letzte Tageslicht dringt durch die Wolken und fällt orange auf die Bäume am Mühlgraben.