Tattoos für die Toten

Tattoos für die Toten - Wenn Trauer unter die Haut geht

Halle (Saale) - Viele Menschen lassen sich Tattoos stechen, um an ihre verstorbenen Liebsten zu erinnern. Aber kann das über den Schmerz hinweghelfen?

Von Janine Gürtler 26.11.2017, 09:30

Wenn Anja Seifert auf ihren Unterarm schaut, hat sie den Tod vor Augen. „Fly on your own wings“ steht da in feinen, geschwungenen Buchstaben. „Fliege mit deinen eigenen Flügeln“ - das hat für die 37-Jährige eine doppelte Bedeutung. Es steht für ihre verstorbenen Kaninchen, deren Seelen nach dem Tod in den Himmel fliegen sollen. Und es ist auch ein Zuspruch an sie selbst, stark zu sein, nachdem die Hallenserin lange Zeit gegen eine schwere Krankheit gekämpft hat.

Trauertattoos sollen das Trauern sichtbar machen

Die Trauer über den Tod geliebter Menschen oder Haustiere per Nadel auf die Haut zu bringen, ist heute so normal geworden, wie ein Foto des Verstorbenen mit sich herumzutragen. Nur steckt die Erinnerung eben nicht mehr im Portemonnaie, sondern auf der eigenen Haut. „Jedes Trauertattoo ist ein individueller Ausdruck der Trauer“, sagt Katrin Hartig. Die Fernsehjournalistin hat sich von Menschen aus ganz Deutschland die Geschichten ihrer Trauertattoos erzählen lassen und sie in einer Ausstellung festgehalten. Vielleicht wichtigster Unterschied zu anderen Trauerritualen: Die Tinte auf der Haut zeigt die Wunden in der Seele ganz offen, für jedermann sichtbar. Deshalb entstehen die Tattoos auch meist nicht aus irgendeiner Laune heraus. „Zum Teil haben sich die Menschen jahrelang damit auseinandergesetzt“, sagt Hartig.

Trauertattoos: Tod und Verlust treffen Menschen in jedem Alter

Auch Anja Seifert trug den Gedanken an ihr Tattoo jahrelang mit sich herum, bis sie an einem grauen Novembertag endlich vor in einem Tattoostudio in Halle steht. An den freundlich-gelben Wänden hängen Dutzende Zeichnungen. Seifert betrachtet den Aufkleber auf ihrem Unterarm immer wieder im Spiegel, lässt ihn viermal neu auf ihre Haut aufbringen, bevor die Tätowiererin tatsächlich zur Nadel greift. Schließlich verändert ein Tattoo für immer.

Das weiß auch Lisa Ehrlich. Die 26-Jährige arbeitet seit sieben Jahren als Tättowiererin und hat die Geschichten unzähliger Menschen gehört. „Die Menschen öffnen sich eher, man arbeitet ja Haut an Haut.“ Als Psychiaterin sieht sie sich deshalb nicht, aber manche Erlebnisse ihrer Kunden gehen ihr trotzdem nah. „Eine 60-Jährige hat sich bei mir ihr erstes und einziges Tattoo stechen lassen.“ Eine Rose in schwarz und grau, die sie an ihrer Mutter erinnert. Tod und Verlust treffen Menschen in jedem Alter.

Trauertattoos sind keine Therapie

Dabei müssen Trauertattoos längst nicht klischeehaft mit dunkler Farbe gestochen sein oder ein trauriges Motiv haben. „Manche lassen sich den Handabdruck ihres verstorbenen Kindes stechen“, erzählt Ehrlich. Es sind oft Erinnerungen an die schönen Momente mit dem Verstorbenen, die die Menschen auf der Haut haben wollen. Als die Nadel auf Anja Seiferts Haut einsticht, schließt sie für einen kurzen Moment die Augen. Sie hat Angst vor dem Schmerz, aber der kommt nicht. „Es fühlt sich eher an wie Epilieren“, sagt sie. Aber kann ein bisschen Tinte unter der Haut wirklich den emotionalen Schmerz verjagen? Sind Tattos am Ende Pflaster für die emotionalen Wunden?

„Trautertattoos sind keine Therapie“, meint Trauerbegleiterin Hartig. Deshalb geht es den wenigsten Betroffenen beim Tattoostechen auch vordergründig darum, Schmerzen zu spüren. Denn, so sagt Hartig: „Gegen den Schmerz des Verlusts, ist das Tattoostechen ein Witz“. (mz)