Straßenumbenennung in Halle

Straßenumbenennung in Halle: OB Wiegand unterstützt Wissenschaftler

Halle (Saale)/MZ - In die Diskussion um die Umbenennung der Emil-Abderhalden-Straße, an der künftig das neue Geisteswissenschaftliche Zentrum der Universität liegen wird, hat sich jetzt auch Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) eingeschaltet. 43 Professoren und Mitarbeiter der Hochschule haben den Stadtrat  aufgefordert, der Straße angesichts der Nähe Emil Abderhaldens zum Naziregime einen anderen Namen zu geben. Wiegand will nun selbst einen entsprechenden Antrag in den Kulturausschuss einbringen: „Dieser Bereich darf nicht mit dem Namen Abderhaldens belastet ...

Von Silvia Zöller 23.10.2013, 14:53

In die Diskussion um die Umbenennung der Emil-Abderhalden-Straße, an der künftig das neue Geisteswissenschaftliche Zentrum der Universität liegen wird, hat sich jetzt auch Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) eingeschaltet. 43 Professoren und Mitarbeiter der Hochschule haben den Stadtrat  aufgefordert, der Straße angesichts der Nähe Emil Abderhaldens zum Naziregime einen anderen Namen zu geben. Wiegand will nun selbst einen entsprechenden Antrag in den Kulturausschuss einbringen: „Dieser Bereich darf nicht mit dem Namen Abderhaldens belastet werden.“

Der Oberbürgermeister unterstützt die  Initiative der  Hochschuldozenten und  hält es ebenso wie sie nicht für notwendig, ein Gutachten der Leopoldina zur Vergangenheit des  Biochemikers  und Mediziners abzuwarten. Dieses soll erst im Frühjahr 2014 vorliegen. „Es gibt genug Bedenken und genug Nachweise“, so Wiegand. Dass 2010 ein von der Fraktion Bündnis90/Die Grünen eingebrachter Antrag zur Umbenennung der Emil-Abderhalden-Straße vertagt wurde und die Sache somit ein „liegender Prozess“ war, sei Wiegand  bis dato nicht bekannt gewesen. 

Fall hat schon Berlin beschäftigt

Während die Abderhalden-Frage in Halle bereits seit längerem diskutiert wird, hat man an der Berliner Humboldt-Universität bereits 2010 Konsequenzen gezogen: Ein Institut für Biologie in der Nähe der Charité war bis dahin nach Abderhalden benannt. Vor drei Jahren wurde es in Leonor-Michaelis-Haus umbenannt. Die Begründung: „Der Biochemiker Emil Abderhalden ist wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens aber auch auf Grund seiner Rolle in der Akademie während des Nationalsozialismus kein Vorbild für wissenschaftliches und gesellschaftliches Handeln in unserem Land“, so Ibou Diop von der Pressestelle der Berliner Hochschule.

Der gebürtige Schweizer Emil Abderhalden (1877-1950) war Physiologe, Mediziner und Biochemiker. Er lehrte ab 1911 an der Universität Halle und trat 1919 der liberalen DDP bei. Mitglied der NSDAP war er nicht, gehörte aber dem NS-Lehrerbund an.

Von 1932 bis 1950 war Abderhalden Präsident der Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der heutigen Nationalen Akademie der Wissenschaften, die letzten fünf Jahre allerdings nur noch formal an der Spitze. Abderhaldens Rolle im Nationalsozialismus ist ambivalent. Auf der einen Seite wird ihm vorgeworfen, dass er die nationalsozialistische Rassengesetze, Zwangssterilisation und die Euthanasie befürwortete. Auf der anderen Seite schlug er während seiner Amtszeit auch jüdische Forscher als Neumitglieder vor, darunter auch Albert Einstein.

Allerdings soll er sich 1938 widerstandlos dem Beschluss gefügt haben, jüdische Mitglieder aus der Akademie zu entfernen. Abderhalden ließ die Streichungen auf den Personalblättern aber mit Bleistift durchführen und nicht mit der für Urkunden üblichen Tinte. 1945 setzte Abderhalden sich in die Schweiz ab, wo er 1950 starb. Trotz seiner schon damals bekannten Rolle im Nationalsozialismus wurde 1946 eine Straße in Halle nach ihm benannt.

Auch sein Ruf als Forscher ist umstritten. Die von ihm angeblich entdeckten „Abwehrfermente“ (eine Art Antikörper bei Reaktionen mit Eiweißen) konnten nicht nachgewiesen werden - was mit Rücksicht auf seinen Ruf unter den Tisch gekehrt wurde.

Mit dem neuen Namen wird der Wissenschaftler geehrt, der bereits 1914 mit einer Arbeitsgruppe bewiesen hatte, dass Abderhaldens angeblich entdeckte Abwehrfermente nicht existieren. Leonor Michaelis, der bis 1922 in Berlin lehrte, blieb als Juden der berufliche Aufstieg verwehrt. Er emigrierte 1922 in die USA. Nicht nur wegen seines unwissenschaftlichen Arbeitens, auch weil er die nationalsozialistischen Rassengesetze, Zwangssterilisation und  Euthanasie befürwortete, ist Abderhalden umstritten.