Das Ende einer LegendeSchorre in Halle steht vor dem Abriss - Ende eines legendären Clubs

Halle (Saale) - Es wird noch mit Aluchips gezahlt an diesem Abend, an dem am Ende das Wasser von der Decke des halleschen Jugendklubhauses „Philipp Müller“ tropfen wird. Dabei regnet es nicht etwa durch, nein, es ist der Schweiß von tausend Menschen, der aufsteigt, kondensiert und wieder niedergeht, während auf der Bühne eine Band steht, die ein Jahr zuvor noch auf der Stelle durch die Stasi festgenommen worden ...

Von Steffen Könau 03.12.2018, 13:00

Es wird noch mit Aluchips gezahlt an diesem Abend, an dem am Ende das Wasser von der Decke des halleschen Jugendklubhauses „Philipp Müller“ tropfen wird. Dabei regnet es nicht etwa durch, nein, es ist der Schweiß von tausend Menschen, der aufsteigt, kondensiert und wieder niedergeht, während auf der Bühne eine Band steht, die ein Jahr zuvor noch auf der Stelle durch die Stasi festgenommen worden wäre.

An diesem Apriltag des Jahres 1990 aber sind die Toten Hosen aus Düsseldorf tatsächlich da - auf Fahrrad-Tour durch die untergehende DDR. Und zwischendurch zu Gast im FDJ-Klubhaus mit dem Siegel „Blaues T“, das die Jugendorganisation dem nur „Schorre“ genannten Haus in Halle für „niveauvollen Jugendtanz“ verliehen hat.

Hier ist der große Rock, den die Fans bis dahin nur aus dem Westfernsehen kennen, in dieser Nacht angekommen. Wo bis dahin DDR-Größen wie Pankow oder Gerhard Gundermann aufspielten und nur gelegentlich West-Stars wie Billy Bragg zu Gast waren, taucht alles auf, was Rang und Namen hat: Live-Aid-Erfinder Bob Geldof, die Pogues, die Hooters, Ian Gillan und die Stereophonics. Die Einstürzenden Neubauten bringen eine „brutal schwere Turbine mit“, wie sich Bühnenarbeiter Marc Beyer erinnert: „Wir wären beim Aufbau fast erschlagen worden.“

Während die Kulturhäuser ringsum schließen, wird die „Schorre“ zum Tor zur Rockwelt für die Ostdeutschen. Hierher pilgern die Fans aus nah und fern, um Willy de Ville, die Metaller Pantera und Velvet-Underground-Pianist John Cale zu erleben.

Schorre in Halle: Stars aus Ost und West spielten hier

Aus dem Westen Deutschlands reisen Wolf Maahn, die Ärzte, Philipp Boa, Fury in the Slaughterhouse und Konstantin Wecker an. Und dazwischen bleibt Platz für die junge Ost-Szene: Keimzeit, Sandow und die Inchtabokatables, Die Prinzen und die Hallenserin Bobo haben in der Schorre regelmäßig Heimspiele.

New York hat sein CBGB's, London seinen 100 Club und Essen die Gruga-Halle. Mitteldeutschland hat die Schorre. Jahre im Rausch, in denen sich Künstler und Fans nicht nur im Konzert, das in der Regel ohne Absperrung vor der Bühne stattfindet, sehr nah sind. Bob Geldof etwa sitzt nach seinem Konzert einfach an der Bar.

Billy Bragg zeigt noch auf der Bühne Fotos herum, die er von seinem Sohn Jack bei sich trägt. Die New Model Army spielt im Hof Fußball mit ihren Fans. Und die Band M. Walking on the Water dreht alle Verstärker ab, steigt von der Bühne und spielt im wahrsten Sinne des Wortes unplugged mitten im Publikum stehend.

Schorre in Halle: Martin Niemöller macht aus Jugendclub eine Konzerthalle

Als es den Kieler Diskotheker Martin Niemöller kurz nach dem Ende der DDR nach Halle verschlägt, sieht der Erlebnisgastronom jede Menge neuer Chancen in dem altehrwürdigen Gemäuer. Hier, wo 1890 der Parteitag stattgefunden hat, auf dem sich die SPD unter August Bebel ihren Namen gab, will der Norddeutsche die „geilste Konzerthalle Deutschlands“ aufbauen.

Niemöller, gerade knapp über 30, ist ein Macher, der nicht lange plant, sondern einfach anfängt. Er pachtet das Haus von der Stadt, lässt Wände herausreißen und Bars bauen, ein Ufo, das die Prinzen nach einem Auftritt dagelassen haben, kommt unter die Decke und ein neues Dach obendrauf.

Mit dem Spaßlokal „Genschman“ baut Niemöller den seine Angestellten „Puschi“ nennen, eine Absackerkneipe neuen Stils. Selbst der Namensgeber Hans-Dietrich Genscher, eilt herbei, um unter dem Logo mit den Elefantenohren ein paar kühle „Genschbräu“ vom Fass zu zischen.

Schorre in Halle war das Herz des Rock’n’Roll im Osten

Das Herz des Rock’n’Roll im Osten, es schlägt hier, zwischen ein paar maroden Hochhäusern, den Franckschen Stiftungen und Gewerberruinen. Generationen von Hallensern, Merseburgern und Eislebern haben hinter der Kassenluke, aus der stets die legendäre Elfriede schmunzelte, ihre Jugend erlebt.

Erste Liebe, erster Kuss, erster schwerer Kopf und erster Faustkampf - die „Schorre“ ist in der Erinnerung Tausender der Ort, an dem sie zu „Geh zu ihr“ von den Puhdys ihre spätere Frau kennenlernten, wo sich später die Tochter und ihr erster Freund zu Michael Jacksons „Billy Jean“ verliebten, ehe die Enkel hier das letzte Konzert von Rio Reiser und die Ärzte oder die Fantastischen Vier zum ersten Mal erlebten.

Schorre in Halle: 1991 spielten hier sogar Nirvana

Am 28. August des Jahres 1991, einem heißen Sommertag, kommt die Zukunft des Rock'n'Roll zu Besuch in die Schorre. Als Vorgruppe hat die US-Band Sonic Youth eine Combo namens Nirvana eingeladen, drei junge Männer, der Sänger mit filzigem Blondhaar, der Bassist groß und sehr schlecht gelaunt. „Sie waren schnell betrunken“, beschreibt ein Bühnenarbeiter seine Begegnung mit Kurt Cobain und Co., die einen Monat nach ihrem Halle-Auftritt das Album „Nevermind“ veröffentlichen und zur berühmtesten Band der Welt werden.

500 Dollar bekommen sie in Halle, bar auf die Hand von Matthias Winkler, dem Mann, der gemeinsam mit Schorre-Booker Dirk Götze all die Bands heranholt, die Halle in den 90er Jahren zum Mekka für Rockfans machen. „Es war der erste und einzige funktionierende Klub im Osten“, beschreibt Winkler heute, „dort wurde Rockgeschichte geschrieben.“

Schorre in Halle: 1994 sorgen Rammstein für Furore

Etwa im September 1994, als erneut eine Vorgruppe die Halle erschüttert: Das Septett tritt oberkörperfrei hinter einem Gitter auf, der Sänger ist ein röhrender Riese, der Flammen spuckt, die Band spielt Marschmusik auf E-Gitarren. Rammstein haben die Arena betreten, heute Deutschlands international erfolgreichste Rockgruppe.

Niemöllers Easyschorre GmbH aber ist der Sonne zu nahe gekommen. Als der Gastro-Unternehmer das ehemalige Buna-Klubhaus X 50 übernimmt, fördert das Land den Umbau zu einer „multifunktionellen Konzertarena“ mit Millionen - doch nach einem Regierungswechsel platzt der Fördermittelbescheid. Disco-König Martin Niemöller landet vor Gericht und wegen Betruges für zwei Jahre im Gefängnis. Im Zuge einer Insolvenz verliert er alles.

Schorre in Halle: Nach Niemöller beginnt der Abstieg des Hauses

Es ist der Anfang vom Ende auch für die Schorre. Zwar findet sich mit einem Getränkelieferanten ein neuer Pächter für das Haus, dem der Stadtrat schließlich sogar den Kauf der Schorre gestattet. Doch außer Diskoabenden findet kaum noch etwas statt, wo früher jede Woche Stars gastierten. Trotzdem kommt Konzertveranstalter Winkler, mit dem Plan, die Schorre zu übernehmen und daraus einen „Rockklub wie in den 90ern“ zu machen, mit seinem Kaufangebot nicht zum Zuge - der Stadtrat hat bei der Privatisierung vergessen, eine kulturelle Zweckbindung in den Kaufvertrag zu schreiben.

Stattdessen erwirbt ein Shishabar-Betreiber das Haus, der verkündet, er wolle künftig Konzerte mit Helene Fischer und anderen Größen veranstalten. Doch dazu kommt es so wenig wie zu einer wirklichen Übernahme. Vor kurzem beschließt der Getränkeverleger daraufhin, die Schorre an eine Immobilienfirma zu veräußern, die das Haus abreißen und ein Altenheim errichten will.

Schorre in Halle soll jetzt Seniorenwohnungen weichen

Dirk Götze, der heute für Winkler Konzerte organisiert, sagt, er könne es einfach nicht fassen. Der Shishabar-Betreiber erklärt, er wolle die Schorre „woanders wiedereröffnen“. Matthias Winkler würde immer noch gern übernehmen. „Sowas wie die alte Schorre, das fehlt in Halle.“ Ebenso, klagt er, wie die Erkenntnis, „dass man soviel Geschichte nicht einfach wegbaggern darf“.

Noch ist es nicht soweit. Noch „liegt der Stadt kein Antrag auf Abriss des Gebäudes vor“, wie der zuständige städtische Beigeordnete René Rebenstorf betont. Das Objekt sei zwar kein Baudenkmal, allerdings befinde es sich in einem Denkmalbereich. „Daher unterliegen Veränderungen einer Genehmigungspflicht nach dem Denkmalschutzgesetz“, sagt Rebenstorf, so dass über einen Abriss „eine Abwägungsentscheidung durch die Stadt zu treffen“ sei.

(mz)