Schlosserstrasse

Schlosserstrasse in Halle: Geballter Frust der Anwohner trifft Halles Sicherheitschef Tobias Teschner

Halle (Saale) - Bei einer Bürgerversammlung bekommt Halles Sicherheitschef den geballten Frust der Anwohner ab. Trotzdem gibt es für ihn kein Problemviertel.

Von Oliver Müller-Lorey 27.06.2018, 05:00

Tobias Teschner hat Durchhaltevermögen. Nicht nur, dass der Leiter des Fachbereichs Sicherheit am Dienstag bei einer Bürgersprechstunde unter freiem Himmel zwei Stunden lang Fragen wie am Fließband beantwortete. Nach der Versammlung wiederholte er eine Aussage, die Monate zuvor schon Grundsatzreferent Oliver Paulsen getätigt und damit viel Kopfschütteln ausgelöst hatte: „In Halle gibt es keine Problemviertel.“

Nach der Bürgersprechstunde eine bemerkenswerte Aussage, denn die anwesenden Bewohner der Schlosserstraße empfinden ihr Wohnumfeld offenbar anders. „Der soziale Frieden ist gefährdet. Es hat sich nichts getan“, sagte ein Anwohner mit erhobenem Zeigefinger. Ein anderer drohte, man werde bald eine Bürgerwehr gründen, um sich gegen die täglichen Angriffe der Roma zu wehren.

Die Roma sollen, wenn es nach den Aussagen der Besucher der Versammlung geht, an so ziemlich jedem Problem im Viertel Schuld sein. Sie würden Müll durch die Gegend werfen, betrunken mit Klappstühlen auf dem Gehweg sitzen und vor allem viel Lärm machen. „Von 17 Uhr bis spät in die Nacht wummert die Musik“, sagte eine Anwohnerin. „Wir krauchen auf dem Zahnfleisch. Die Kinder können nicht schlafen und sich nicht in der Schule konzentrieren, die Erwachsenen müssen schlafen, um auf Arbeit fit zu sein.“

Anwohnerin in Schlosserstraße in Halle: „Es ist nicht mehr auszuhalten“

Auch von sexuellen Belästigungen war die Rede. So sollen viele Schüler der nahe gelegenen Hutten-Gesamtschule einen weiteren Weg nehmen, nur um nicht durch die verrufene Schlosserstraße zu müssen. „Es ist nicht mehr auszuhalten. Mir haben Roma-Kinder aufs Auto gespuckt und Bälle extra auf mein Auto geschossen“, so eine Anwohnerin.

Zdravka Kasaliyska arbeitet bei der Awo im Projekt „Integration und Partizipation von Roma“ und hilft bei Problemen. So unterstütze sie etwa durch Begleitung zu Ämtern, Übersetzungen und Beratung bei Formularen oder unbezahlten Rechnungen. 

Kasaliyska hat nach eigenen Angaben kaum Hoffnung, dass sich die Situation in der Schlosserstraße bessert. Die Roma seien als geschlossene Gruppe dorthingezogen. „Sie brauchen keine Leute von außen“, sagt sie. Die meisten seien Analphabeten und hätten keine Lust auf Sprachkurse. Sie würden nur durch „Konsequenzen und Geldbußen“ lernen.

Teschner, auf den die Vorwürfe fast ununterbrochen einprasselten, hörte den Anwohnern geduldig zu, forderte von ihnen jedoch konkrete Hinweise. „Es hilft mir nichts, wenn Sie mir sagen, vor zwei Wochen am Dienstag kam aus der Ecke dahinten Lärm“, sagte er. „Was hilft, sind konkrete Probleme, etwa: ,Da steht ein Auto ohne Kennzeichen’ oder ,In dem Zaun ist ein Loch’.“ Denn im Nachhinein sei es fast unmöglich, den Verursachern von Problemen habhaft zu werden. Das gelte für Müll, von dem man nicht wisse, wer ihn weggeworfen hat, wie für Musik, die zu laut gespielt werde, wenn kein Verantwortlicher genannt werden könne.

„Ich glaube Ihnen die Geschichten, aber im Nachhinein kann ich nicht mehr tun, als Sie zu bedauern“, sagte Teschner. Immerhin sei man nun täglich mit dem Ordnungsamt in der Schlosserstraße präsent und veranstalte die neue Bürgersprechstunde wöchentlich dienstags zwischen 15 und 17 Uhr.

Nicht jedem Anwohner reicht das. „Das machen Sie doch nur, um uns zu beruhigen. Die Versammlung hat doch nichts Konkretes ergeben“, rief ein Anwohner Teschner entgegen. Der konterte: „Haben Sie gedacht, wir schnipsen mit dem Finger und räumen den Block?“ während er auf das mutmaßlich von Roma bewohnte Haus zeigte. Dass nicht die Stadt, sondern der Vermieter bestimmt, wer dort wohnt, leuchtete den meisten dann ein. (mz)