Prozess gegen Adrian Ursache

Reichsbürger Adrian Ursache vor Gericht: Prozess um getöteten Polizisten

Halle (Saale) - Am Nachmittag holt Jan Stengel den Karton mit dem Helm zurück. „Wir schauen uns das mal an“, sagt der Vorsitzende Richter der Großen Strafkammer, die seit Anfang Oktober auf der Suche nach der Wahrheit über einen Schusswechsel ist, der sich im August 2016 in Reuden (Elsteraue) ...

Von Steffen Könau

Am Nachmittag holt Jan Stengel den Karton mit dem Helm zurück. „Wir schauen uns das mal an“, sagt der Vorsitzende Richter der Großen Strafkammer, die seit Anfang Oktober auf der Suche nach der Wahrheit über einen Schusswechsel ist, der sich im August 2016 in Reuden (Elsteraue) ereignete.

Mitglieder eines Sondereinsatzkommandos der Polizei hatten damals das Grundstück des Mannes gestürmt, der heute wegen versuchten Mordes angeklagt ist. Adrian Ursache, 43, Ex-Mister Germany, Handyverkäufer und Solar-Unternehmer, soll damals versucht haben, einen der Beamten mit einem gezielten Schuss zu töten.

Ursache, der von den Behörden der Reichsbürgerszene zugerechnet wird, streitet das ab. Er habe nur versucht, seine Familie zu schützen und sei dabei von der Polizei niedergeschossen worden. Einen Schuss habe er selbst nicht bewusst abgegeben. „Als ich getroffen wurde, gingen bei mir die Lichter aus“, hatte er zu Prozessbeginn geschildert.

Axel K., Diplomphysiker und Schusswaffenexperte des Landeskriminalamtes in Magdeburg, soll an diesem Tag helfen, Licht in die fünf bis zehn Sekunden zu bringen, nach denen Ursache von drei Schüssen des SEK getroffen in Lebensgefahr schwebte, während ein SEK-Beamter bemerkte, dass ihn ein Geschoss am Hals verletzt hatte.

Die von Ursache abgefeuerte Kugel soll, so die Anklage, vom Schutzhelm des Beamten abgelenkt worden sein. Sie fand sich später in seinem Halstuch, der Aufschlag hinterließ ein Hämatom. „Die Kugel war so plattgedrückt“, sagt der Experte, „dieses Geschoss hätte tödliche Wirkung haben können.“

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Doch auch der Helm auf dem Richtertisch gibt keine Antwort auf die Frage, wie sie die Kugel nach nur vier bis sechs Metern als „Geschossrest“ (K.) im Halstuch des Beamten landen konnte. K. hat den Helm und auch die drei am Schusswechsel beteiligten Handfeuerwaffen untersucht, er könne jedoch nicht sagen, ob eine etwa einen halben Millimeter große Beschädigung am Visier tatsächlich von einer Kugel aus Ursaches Revolver verursacht worden sei.

Ebenso wenig lasse sich sicher feststellen, ob der gefundene Geschossrest mit 1,7 Gramm Gewicht überhaupt aus der eigentlich nur für Schrotmunition geeigneten Waffe stamme. „Es ist plausibel, aber eine Zuordnung ist nicht möglich.“

Anders als bei den Kugeln aus den beiden Polizeiwaffen, die die Nummer 3.1. und 4.1 tragen. Nach den Untersuchungen des LKA-Experten gab Waffe 4.1, eine Glock-Pistole mit der Seriennummer MTW 806, mindestens einen Schuss ab. Die Kugel wurde später stark deformiert auf dem Fußweg am Ursache Haus gefunden. Aus Pistole 3.1 hingegen, einer Neun-Millimeter-Waffe mit der Seriennummer MTW 798, wurde mindestens dreimal geschossen. Die drei Schüsse trafen Adrian Ursache ins rechte Handgelenk, den Oberkörper und den linken Arm.

Angesichts der mannstoppenden Wirkung der vom SEK verwendeten Action 5-Munition, die sich beim Auftreffen auf den Körper ausfaltet und damit schwerer traumatisierend wirkt als normale Geschosse, glaubt der Experte, „dass nach einem Oberkörpertreffer eigentlich niemand mehr handlungsfähig sein dürfte“.

Aber er sei kein Mediziner und einen Untersuchungsauftrag zur Rekonstruktion des Geschehens am Tattag habe er nicht erhalten. Deshalb auch wurde der von Ursache verwendete Revolver der Marke Arminus, der eigentlich zu Jagd auf Kleingetier gedacht ist, nur mit Platzpatronen beschossen. Aussagen zum Flugverhalten richtiger Kugeln, die aus der Waffe verschossen würden, könne er nicht treffen, so der Experte.

Die Waffe habe einen größeren Laufdurchmesser als die Kugeln, theoretisch könnten die also trudeln, aber auch geradeaus fliegen. „In Absprache mit dem Untersuchungsführer wurde auf eine Beschießung verzichtet, weil die Gefahr bestand, dass die Waffe dabei zerstört wird.“

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Das sorgte für Kopfschütteln der Verteidiger. Sie vermuten, dass das im Halstuch des Beamten gefundene Stück Blei auch Teil einer weiteren Kugel sein könnte, die mutmaßlich vom Schützen mit der Glock Nummer MTW 798 abgefeuert, am Tatort aber nie gefunden wurde. Waffenexperte Axel K. Widerspricht mit Nachdruck.

Das auf zwei Millimeter zusammengedrückte Geschoss, das den SEK-Beamten mit der Nummer ST 325 verletzte, enthalte neben Blei auch Kupferspuren. „Wie die Kaliber 22 Patrone, die sich noch im Arminus-Revolver befand.“ (mz)