Rätsel der Knochen

Rätsel der Knochen: Forscher finden in Schiepzig Beweis für den Niedergang einer Kultur

Halle (Saale) - Susanne Friederich hat einen fast schon triumphierenden Gesichtsausdruck, nahezu so, als hätte die Archäologin in der betonharten Erde bei Salzmünde den Heiligen Gral gefunden. „Wir haben es immer vermutet, konnten es aber nie beweisen. Nun haben wir Belege gefunden. An der Hangkante zur Saale hat man in Zeiten der Bernburger Kultur gesiedelt“, sagt die Abteilungsleiterin für Bodendenkmalpflege im Landesamt für Denkmalpflege und ...

Von Dirk Skrzypczak
Auf einem Acker bei Schiepzig ist das Grabungsteam auf diese Tierknochen gestoßen. Handelt es sich um eine Opferstelle?

Susanne Friederich hat einen fast schon triumphierenden Gesichtsausdruck, nahezu so, als hätte die Archäologin in der betonharten Erde bei Salzmünde den Heiligen Gral gefunden. „Wir haben es immer vermutet, konnten es aber nie beweisen. Nun haben wir Belege gefunden. An der Hangkante zur Saale hat man in Zeiten der Bernburger Kultur gesiedelt“, sagt die Abteilungsleiterin für Bodendenkmalpflege im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie.

Warum dieser Beweis für die Forscher so bedeutend ist? Damit steht fest, dass die Siedler, die vor etwa 5.000 Jahren vom Norden her auf die fruchtbare Hochebene kamen, die Salzmünder Kultur (3.400 bis 3.000 vor Christus) tatsächlich verdrängt haben.

Zwischen 2005 und 2008 hatten die Archäologen die doppelte Grabenanlage freigelegt 

Archäologen fanden neben Siedlungshinweisen Knochen von etwa 20 Tieren

Wie ein Puzzle setzen die Archäologen die Jahrtausende alten Spuren zusammen

Schädel bringen Erkenntnisse über Totenkult

Archäologin: manchmal wäre es besser, Funde im Boden zu belassen 

Zwischen 2005 und 2008 hatten die Archäologen die doppelte Grabenanlage freigelegt 

Im Frühjahr hatten die Archäologen noch südlich der Landesstraße 159 gegraben. Zwischen Schiepzig und Salzmünde soll in einigen Jahren die Autobahn 143 verlaufen. Hier auf dem Plateau bekommen Salzmünde und die umliegenden Dörfer ihren Anschluss an die neue Autobahn, außerdem wird der Trassenverlauf für die Landesstraße verlegt.

„So wie der Straßenbau uns Wissenschaftlern die Seele aus der Brust reißt, weil er die Archäologie zerstört, ist das Bauprojekt auch etwas Tolles, weil unser Forscherdrang gestillt werden kann“, sagt Friederich. Zwischen 2005 und 2008 hatten die Archäologen das so genannte Erdwerk freigelegt - eine doppelte Grabenanlage mit einer Gesamtlänge von 4,5 Kilometern. Hunderttausende Funde aus der Jungsteinzeit wurden gesichert.

Archäologen fanden neben Siedlungshinweisen Knochen von etwa 20 Tieren

Östlich des Erdwerks stießen die Archäologen nun im April dieses Jahres auf Grabanlagen aus der Spätbronzezeit (etwa 1.000 vor Christus) und 6.000 Jahre alte Vorratsgruben, die die Experten der Schiepziger Gruppe (4.200 bis 3.800 vor Christus) zuschreiben. Und jetzt, bei den Grabungen nördlich der Landesstraße 159, lässt die „Sprengkraft an Informationen“ nicht nach, wie es Friederich formuliert.

Hier fanden die Archäologen neben Siedlungshinweisen auch eine Grube mit Knochen von etwa 20 Tieren - zumeist Überreste von Rindern, Schafen und Ziegen. Wurden die Tiere geopfert, um Göttern zu huldigen und die Kraft der Ahnen zu erbitten? Oder litten die Tiere an Krankheiten, wurden deshalb getötet und zusammen vergraben? 

Wie ein Puzzle setzen die Archäologen die Jahrtausende alten Spuren zusammen

„Das sind spannende Fragen, auf die wir Antworten suchen. Ob die Tiere aus der Zeit der Salzmünder Kultur stammen, lässt sich heute noch nicht sagen“, meint Friederich. Angesichts der Fülle an Knochen soll der Fund im Block geborgen und von einem Osteologen - einem Knochenspezialisten - untersucht werden. „Für die Bestimmung vor Ort bleibt keine Zeit, weil der Autobahnbau weitergehen soll“, sagt Friederich.

Wie ein Puzzle setzen die Archäologen die Jahrtausende alten Spuren zusammen. Und es zeichnet sich ab, dass die Hochebene bei Salzmünde über mehrere tausend Jahre ein wichtiger Platz zum Leben, aber möglicherweise auch für den Tierhandel gewesen sein könnte. Und für mehrere Kulturen war es ein heiliger Ort.

Schädel bringen Erkenntnisse über Totenkult

So hat das Grabungsteam ganz in der Nähe der Tierknochen auch Fragmente eines menschlichen Torso gefunden - den Schädel, den Unterkiefer, Schlüsselbein und Armknochen. Gibt es eine Verbindung zur Bestattungskultur im nahen Erdwerk? Warum liegen Schädel und Unterkiefer an unterschiedlichen Stellen? 

Sollte der Schädel ursprünglich für einen Totenkult entnommen werden? „Der Kopf war für viele Kulturen ganz wichtig. Einige Völker haben die Schädel von Verstorbenen auf dem Rücken mit sich getragen, andere auf den Schädeln geschlafen. So sollte die Macht der Ahnen auf sie übergehen“, erzählt Friederich.

Archäologin: manchmal wäre es besser, Funde im Boden zu belassen 

Geholfen hatte es der Salzmünder Kultur nicht. Die „Bernburger“ sorgten für den „absoluten Schwanengesang“ der alten Salzmünder Zivilisation und für das Ende des mächtigen Erdwerks. Die einfallenden Horden überrollen es, machen es quasi platt und versiegeln Grabensysteme. Ohne den Bau der Autobahn würden die Forscher diese Geschichte nicht kennen.

Und in der Tat, meint Susanne Friederich, wäre es manchmal besser, Funde im Boden zu belassen und die Analysen der Stücke späteren Generationen zu übertragen - „wenn sich die Dokumentationstechnik noch weiter verbessert hat“. Wie rasant sich die Uhr in der Archäologie dreht, belegt die Tatsache, dass man bei Grabungen aus den 1990er Jahren schon jetzt von Altgrabungen spricht, sagt Friederich. Die Rätsel, die bei Schiepzig noch auf die Wissenschaft warten, will sie natürlich jetzt lösen. (mz)

Mit feinem Werkzeug werden die Funde freigelegt. In den Boden zu kommen, ist mühsam. Die Erde ist mehrere Meter tief hart wie Beton.
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