Tod einer Radfahrerin

Nach tödlichem Unfall in Halle: Diskussionen über Pedelecs - Forderung nach Abbiegeassistenten

Halle (Saale) - Der tödliche Unfall einer Radfahrerin in Halle führt auch zu Diskussionen über so genannte Pedelecs. Was die Polizei sagt und der Fahrradclub fordert.

Von Dirk Skrzypczak 03.11.2018, 07:00

Der tragische Unfalltod einer Radfahrerin in der Raffineriestraße macht betroffen und wirft Fragen auf. Die 53-Jährige war am Dienstag mit einem Pedelec, einem Fahrrad mit elektrischer Antriebsunterstützung, in Richtung Innenstadt unterwegs, als sie vom einem Lkw erfasst und tödlich verletzt wurde.

Der Fahrer des Lkw wollte nach rechts auf eine Baustelle abbiegen. Hatte er die Geschwindigkeit der Radfahrerin unterschätzt? Bis Tempo 25 hilft der Elektromotor mit. „Ausschließen können wir es nicht. Allerdings sind unsere Ermittlungen noch nicht abgeschlossen“, sagt am Freitag Thoralf Bade, Unfallexperte im Polizeirevier in Halle.

Drei Unfalltote 2018 in Halle - alle fuhren Rad

Auf den Straßen der Stadt starben in diesem Jahr bislang zwei Frauen und ein Mann - sie alle waren mit Fahrrädern unterwegs. „So eine Entwicklung hatten wir schon lange nicht mehr. Wir befassen uns auch als Verein intensiv mit den Umständen“, sagt Volker Preibisch vom Fahrradclub ADFC.

Der Unfall in der Raffineriestraße erinnert an die tödliche Kollision am 16. Juli an der Kreuzung Regensburger Straße/Merseburger Straße. Auch damals hatte ein Lkw beim Rechtsabbiegen eine Radfahrerin übersehen - eine 62-Jährige bezahlte das mit ihrem Leben. „Wir fordern, dass Lkw mit Abbiegeassistenten ausgestattet werden. Die Technik ist nach unseren Informationen vorhanden“, meint Preibisch.

In Halle seit 2015 bis dato 63 Unfälle zwischen Lkw und Radfahrern

Nach Angaben der Polizei haben sich in Halle seit 2015 bis dato 63 Unfälle zwischen Lkw und Radfahrern ereignet. In 23 Fällen hatten die Lkw-Fahrer die Biker beim Rechtsabbiegen erfasst. „Auf die Gesamtzahl aller Verkehrsunfälle gesehen, und da sprechen wir im Durchschnitt von 7.700 pro Jahr, ist das also kein auffälliges Problem“, sagt Bade.

Ähnliche sind die Erkenntnisse der Polizei beim Thema Pedelecs. An 28 Unfällen waren die Elektroräder in den vergangenen vier Jahren beteiligt, ein verschwindend kleiner Anteil. „Dennoch bringen die Pedelecs ein gewisses Risiko mit sich, weil man mit ihnen viel schneller unterwegs ist“, erklärt der Hauptkommissar. Seinen Worten zufolge hatte sich die Versicherungswirtschaft mit den E-Rädern beschäftigt. Im Vergleich zu herkömmlichen Drahteseln stellten Gutachter einen gravierenden Unterschied fest. „Normalerweise kann man an der Trittfrequenz ganz gut abschätzen, wie schnell Radfahrer unterwegs sind, die einem entgegenkommen. Bei den Pedelecs passt das nicht.“

ADFC: Radwege in Halle viel zu schmal?

Preibisch sieht Verkehrsplaner in der Pflicht. „Städte müssen über ihre Infrastruktur neu nachdenken“, sagt der Hallenser. Wie es aus Branchenkreisen heißt, hätten 70 Prozent aller verkauften Räder schon heute einen E-Antrieb. „Hier hat sich die Elektromobilität tatsächlich durchgesetzt“, sagt Preibisch. Er erneuerte die Forderung des ADFC an die Stadt, breitere Radwege zu bauen. „In Halle kennen wir bei Radwegen nur die Mindeststandards. Durch die Pedelecs wird aber öfters überholt. Und dann wird es gefährlich, wenn der Platz fehlt.“

In Halle sind nach Schätzungen des ADFC etwa 100.000 Einwohner mehr oder minder regelmäßig mit Rädern unterwegs. Und die Zahl der Berufspendler, die auf den Drahtesel setzt, nimmt zu. Pedelecs sind eine gute Alternative auch für Autofahrer, die aus dem nahen Umland zur Arbeit in die Stadt müssen. Durch das E-Herz im Drahtesel verlieren Berge ebenso ihre Schrecken wie Gegenwind. „Das hat die Politik noch nicht auf dem Schirm“, sagt Preibisch. (mz)