Nur schlanke Kinder am Fenster

Halle (Saale): In der Rosa-Luxemburg-Grundschule müssen Schüler auf dem Flur lernen

Halle (Saale) - In der Grundschule „Rosa Luxemburg“ in Halle (Saale) lernen die Kinder zusammengepfercht auf engstem Raum. Die Räume sind zu klein. Die Schulleiterin schlägt Alarm.

Von Julia Rau

Wenn ein Lehrer in der Grundschule „Rosa Luxemburg“ in Halle-Neustadt die Tafel aufklappt, müssen die Schüler in der ersten Reihe die Köpfe einziehen. Die Unterrichtsräume sind dort so eng, dass zwischen Schulpult und Lehrer nur wenige Zentimeter bleiben - und lediglich sehr schlanke Kinder in der Fensterreihe sitzen können.

Grundschule in Halle-Neustadt völlig überfüllt: Lernen ist hier unmöglich, sagt die Schulleiterin

Schulleiterin Corina Kups schlägt deshalb jetzt Alarm. „Die kleinen Räume hier sind für Lehrer und Schüler eine Zumutung“, sagt sie. Auf 40 Quadratmetern müssen bis zu 24 Kinder unterrichtet werden - 1,6 Quadratmeter für jedes Kind. Das ist weniger als einem Bio-Mastschwein per Gesetz zusteht. „Lernen ist unmöglich, wir können keine Gruppenarbeit machen, die Lehrer kommen teilweise ja nicht mal mehr an die hinteren Reihen, wenn die Ranzen neben den Tischen stehen“, so Kups.

Grundschule in Halle-Neustadt völlig überfüllt: Statt 80 Kindern lernen hier 200

Eine Hälfte des Problems: Das Schulgebäude ist eigentlich ein Kindergartenbau aus DDR-Zeiten - Typ Erfurt, das kleinste Modell. Ursprünglich sei es für 80 Kinder ausgelegt worden, heute lernen hier 200 Erst- bis Viertklässler. Die Stadt hat das große Gebäude nebenan der ehemaligen Oberschule Karl-Liebknecht/Rosa Luxemburg vor acht Jahren geschlossen und im vergangenen Jahr abgerissen, „weil alle angenommen haben, man brauche nicht mehr so große Schulen“, erzählt Kups.

Als plötzlich durch Zuwanderung und Bevölkerungszustrom die Nachfrage rasant stieg, mussten die Schüler immer enger zusammenrücken. Mit fatalen Folgen: „Die Luft ist dick, die Kinder stecken sich noch schneller mit Krankheiten an und sind deutlich aggressiver, wenn sie so zusammengepfercht sitzen“, hat Kups beobachtet.

Katastrophale Zustände an Grundschule in Halle-Neustadt: Zu dem Platzmangel kommt auch noch Lehrermangel

Dennoch stehen einige Räume der Schule leer. Wie passt das zusammen? „Wir haben nicht genug Lehrer, um kleine Klassen bilden zu können, die in die Räume passen“, erklärt Kups. Schon in diesem Jahr hätte die Schulleiterin statt jetzt neun am liebsten zehn Klassen zusammengestellt. Das ging aber wegen des Lehrermangels nicht. Das fehlende Personal ist der zweite große Pferdefuß in der Neustädter Grundschule.

„Schulgartenunterricht, PC-Kurse und Werken liegen brach“, sagt die verzweifelte Schulleiterin. Für diese Fächer müsste man die Klassen allein aus Platzgründen in zwei Gruppen aufteilen. Unmöglich, da jede Gruppe einen Lehrer bräuchte. Die Schule ist ohnehin unterversorgt, dazu kommen krankheitsbedingte Ausfälle.

Grundschulleiterin in Halle-Neustadt schlägt Alarm: „Hier wird gerade eine ganze Grundschulgeneration verbrannt.“

„Meine Lehrer haben nicht nur Schnupfen, die sind am Ende“, sagt Kups. „Hier wird gerade eine ganze Grundschulgeneration verbrannt“, sagt sie, „die Lehrer arbeiten am Limit und die Kinder sehen später gegenüber Schülern aus Schulen, denen es besser geht, keinen Stich. Das ist einfach so.“

Der Gipfel des Platzproblems: Kups musste eine zweite Klasse übernehmen, als ein Kollege ausfiel. Die einzige Möglichkeit, 50 Kinder gleichzeitig zu unterrichten und sie dabei alle im Auge haben zu können, war die, eine Klasse mit Tischen und Stühlen in den Flur zu setzen. Kups stand im Türrahmen zum Klassenzimmer und unterrichtete nach innen und außen.

Grundschule Rosa-Luxemburg wird bald saniert: Doch im schlimmsten Fall ändert das nichts am Platzproblem

Im Februar beginnt die Sanierung der Schule. Im Fahrwasser des Investitionsprogramms Bildung 2022 wird sie innerhalb eines halben Jahres brandschutztechnisch auf Vordermann gebracht. Laut Stadt entstehen werden sieben weitere Räume nutzbar, zwei neue Lernwerkstätten sollen entstehen. „Somit steht genügend Platz für 240 Schüler zur Verfügung“, heißt es aus der Verwaltung. Die Kapazität der Schule steigt nach dem Umbau. Die bestehenden Räume werden allerdings dabei nicht größer und der Zuweisungsschlüssel für Lehrer ändert sich ebenso wenig, die Klassen werden also voraussichtlich auch nicht kleiner.

Im schlimmsten Fall bleiben am Ende trotz Sanierung zu große Klassen in den zu kleinen Räumen. Kups ist mit ihrem Latein am Ende und setzt auf eine Entscheidung zur Maximalzahl in einer Klasse seitens der Politik.

Während der Bauarbeiten werden die Grundschüler übrigens in der ehemaligen Sportsekundarschule in der Dölauer Straße untergebracht. „Die ist alt, aber dort haben wir Platz“, sagt Kups. Sie könnte sich die Sekundarschule sogar als Dauerlösung vorstellen. Auf dem letzten Elternabend wurden weitere Details bekanntgegeben. Auf den Einladungen stand: „Bitte nur eine Person“ – für mehr war in der 40 Quadratmeter kleinen Aula einfach kein Platz. (mz)