Gustav rappelt sich nach Sturz wieder auf

Halle/Höhnstedt/MZ. - Die Räder surren auf Höchstgeschwindigkeit, bis plötzlich sechs Fahrer stürzen. Auch der 22-jährige Gustav - so nennen ihn die Sportfreunde - fällt. Während er sich nach dem Sturz aufrappeln kann, stürzt Erich Schulz von der Berliner Post-Mannschaft ...

Von Michael Deutsch 04.08.2006, 16:05

Die Räder surren auf Höchstgeschwindigkeit, bis plötzlich sechs Fahrer stürzen. Auch der 22-jährige Gustav - so nennen ihn die Sportfreunde - fällt. Während er sich nach dem Sturz aufrappeln kann, stürzt Erich Schulz von der Berliner Post-Mannschaft tödlich.

Verhakte Flügelmuttern

50 Jahre sind vergangen. Ein Gedenkstein am Abzweig nach Höhnstedt erinnert noch an den Todessturz, bei dem einst auch Wolfgang Terpe zu Boden ging. Der 72-jährige Hobby-Winzer, dessen Weinberg nur einen halben Kilometer vom Unglücksort entfernt liegt, wird noch heute von engen Freunden Gustav gerufen. Er gehörte zu den erfolgreichen Rennfahrern der Nachkriegszeit und war bei sechs DDR-Rundfahrten dabei.

Angesprochen auf die 56er-Rundfahrt stellt Terpe gleich den entscheidenden Satz voran. "Keiner von uns hat geahnt, wie schlimm es um Erich stand", sagt Terpe, der damals für den Verein BSG Chemie Buna fuhr. Noch gut erinnere er sich an die Steilfahrt und an ein kurzes, hässlich klingendes metallisches Geräusch. "Vermutlich verhakten sich bei zwei Fahrern die Flügelmuttern an den Vorderrädern. Dann ging es sehr schnell, und ich stürzte auf die Seite", sagt der gebürtige Hallenser. "Mir ist nichts passiert - ich fuhr weiter. Erst im Zieleinlauf wurde uns gesagt, dass Erich tot ist", wird Terpe leise und braucht eine Pause.

"Die zusätzliche Tragik", steigt er wieder in die Geschichte ein, liege im letzten Gespräch, dass er mit Erich Schulz am Vorabend der Tour geführt habe. Pessimistisch habe der Kollege geklungen, weil er im laufenden Wettkampfjahr Pech hatte. "Jedenfalls habe ich noch seine letzten Worte im Ohr", schluckt Terpe: "Er sagte ,ich höre bald auf'".

Radrennen im Gedenken

Dass Schulz unvergessen bleibt, dafür sorgt auch Terpe, der in seiner aktiven Zeit sage und schreibe 191 Siege errang, unter anderem dreimaliger DDR-Jugend-Meister wurde und oft mit Radsportlegende Täve Schur fuhr. Mit Sportfreunden organisiert er am 3. September das neunte Gedenk-Radrennen zum Höhnstedter Winzerfest.

Terpe, der den Spitznamen Gustav bekam, weil Vater und Großvater so hießen, sitzt noch fest im Sattel. So bezwang er nach der Wende noch die Bergpässe der Tour de France. Schnell rechnet er vor, dass er im vorletzten Jahr 6000, im letzten 5000 und aktuell schon 2000 Kilometer zurückgelegt habe. Da kommt er ins Grübeln und lacht: "Mensch, ich werde ja langsamer."