Geburt

Geburt: Was erwarten Schwangere in Sachsen-Anhalt von Hebammen und Ärzten?

Halle (Saale) - In der Theorie ist alles klar geregelt: Schwangere Frauen werden vor der Geburt ihres Kindes über all die Dinge informiert, die sie wissen müssen. Frauenärzte und Hebammen arbeiten Hand in Hand, werdende Mütter fühlen sich bestens betreut. In der Wirklichkeit sieht es offenbar nicht so rosig aus. Diesen Schluss lassen die Ergebnisse eines Forschungsprojekts des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaften der Martin-Luther-Universität in Halle zu. Danach gibt es erhebliche Defizite was das Wissen von Schwangeren über die Hebammenhilfe, deren Zugang zu Hebammen sowie die allgemeine Versorgungsstruktur ...

Von Walter Zöller 21.09.2016, 08:00
Ein Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe untersucht in seiner Praxis für pränatale Diagnostik und Ultraschall eine im dritten Monat schwangere Frau
Ein Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe untersucht in seiner Praxis für pränatale Diagnostik und Ultraschall eine im dritten Monat schwangere Frau dpa-Zentralbild

In der Theorie ist alles klar geregelt: Schwangere Frauen werden vor der Geburt ihres Kindes über all die Dinge informiert, die sie wissen müssen. Frauenärzte und Hebammen arbeiten Hand in Hand, werdende Mütter fühlen sich bestens betreut. In der Wirklichkeit sieht es offenbar nicht so rosig aus. Diesen Schluss lassen die Ergebnisse eines Forschungsprojekts des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaften der Martin-Luther-Universität in Halle zu. Danach gibt es erhebliche Defizite was das Wissen von Schwangeren über die Hebammenhilfe, deren Zugang zu Hebammen sowie die allgemeine Versorgungsstruktur betrifft.

„Viele Schwangere haben wenig Kenntnisse über die Versorgungsangebote“, sagt Gertrud Ayerle, unter deren Leitung das Forschungsprojekt steht. „Diese Frauen wissen beispielsweise nicht, dass Hebammen schon während der Schwangerschaft beraten und das dies auch von den Krankenkassen bezahlt wird.“

Für ihre Studie, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, haben Ayerle und ihre Mitarbeiterinnen in 14 Gruppen mit insgesamt 50 Frauen sowie 20 Hebammen gesprochen. Diese Treffen fanden nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern auch in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Hamburg und Berlin statt. In den Gesprächen ging es nach Angaben von Ayerle vor allem darum, welche Erwartungen Schwangere an die Hebammenversorgung haben - und ob diese erfüllt oder enttäuscht werden.

Über die Ergebnisse der Untersuchung wird demnächst in einer Tagung diskutiert, die an der Universität in Halle stattfindet und zu der neben Wissenschaftlern auch Politiker und Verbandsvertreter eingeladen sind. Gesprächsstoff gibt es genug, denn viele der befragten schwangeren Frauen äußerten sich unzufrieden. Hier die wichtigsten Punkte.

Was wissen Schwangere über die Hilfe durch Hebammen?

Offenbar viel weniger, als das, was von den Frauen selbst erwartet wird und auch in der medizinischen Versorgung eigentlich vorgesehen ist. Viele Schwangere erführen eher zufällig von der Hebammenhilfe, heißt es in einer Zusammenfassung der Studie. Und weiter: „Frauen erwarten aber Aufklärung darüber von ihrer Frauenärztin oder ihrem Frauenarzt.“ Dass eine Familienhebamme im Gegensatz zur Hebamme ein viel breiteres Spektrum an Leistungen anbietet, sei vielen der befragten Schwangeren nicht bekannt gewesen. Außerdem gaben Frauen an, „Fachpersonen“ hätte ihnen unterschiedliche Ratschläge gegeben. „Sie erhalten so eigentlich keine verlässliche Information über Entscheidungsmöglichkeiten, sondern werden verunsichert“, stellt die Studie fest.

Kommen Schwangere leicht mit Hebammen in Kontakt?

Es sieht nicht so aus - in den Gruppengesprächen wiesen die werdenden Mütter jedenfalls auf eine Reihe von Hürden hin. So wünschten sie sich Informationen über die Hebammenhilfe, die leicht verständlich und umfassend sind. Zwar klärten viele Hebammen im Internet über ihre Angebot auf, nicht aber über die „philosophische Ausrichtung“, wie es Gertrud Ayerle formuliert. Ob eine Hebamme beispielsweise einen ganzheitlichen Ansatz vertritt, müssten Schwangere wissen. In vielen Ballungsgebieten gibt es nach ihren Angaben zudem zu wenig Hebammen. Das erhöhe den Druck auf schwangere Frauen.

Wie steht es grundsätzlich um die Versorgungsstruktur?

„Frauen erwarten eine gleichberechtigte Betreuung und Zusammenarbeit von Arzt/Ärztin und Hebamme in der Schwangerschaft“, heißt es in der Zusammenfassung der Studie. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Doch tatsächlich gibt es zum Beispiel Konflikte, wenn zwischen Arzt und Hebamme nicht geklärt ist, wer welchen Teil der Vorsorgeuntersuchung übernimmt. „Bei der ärztlichen Vorsorge wünschen sich Frauen eine ausführliche und verständliche Aufklärung und mehr Einfühlungsvermögen“, lautet eine der Schlussfolgerung aus den Gruppengesprächen. „Es gibt zu wenig Kooperation zwischen beiden Berufsgruppen“, sagt Gertrud Ayerle.

Hinzu kommen praktische Probleme. „Es werden individuelle Geburtsvorbereitungskurse benötigt, zum Beispiel für Frauen mit Lernbehinderung oder geringer Bildung“, heißt es in der Studie. Und viele Frauen wünschten sich, dass die gleiche Hebamme, die sie bereits während der Schwangerschaft betreut hat, auch während der Geburt dabei ist. Dies ist nach den Erfahrungen von Gertrud Ayerle längst nicht die Regel.

Wie ist das Verhältnis zwischen Frauenärzten und Hebammen?

Pauschale Urteile führen sicherlich in die Irre. Aber offensichtlich trennt beide Berufsgruppen einiges - diesen Schluss lassen auch die Äußerungen der Schwangeren zu, die in der Studie zu Wort kommen. Das könnte mit den unterschiedlich Ansätzen zu tun haben. So favorisieren Frauenärzte tendenziell eher eine Entbindung in einem Krankenhaus, nicht zuletzt um medizinische Risiken möglichst klein zu halten. Hebammen dagegen reden im Normalfall einer Geburt außerhalb einer Klinik das Wort.

Mehr Hilfe nach Tod eines Neugeborenen

Viele Frauen, deren Kind kurz vor, während oder kurz nach der Geburt stirbt, wünschen sich eine bessere Betreuung. Auch das ist nach Angaben von Gertrud Ayerle ein Ergebnis der Studie. „Diese Frauen brauchen sehr viel Zeit zum Abschiednehmen von ihrem toten Kind“, sagt die Wissenschaftlerin. Die Betroffenen sollten zum Beispiel nicht sofort aus dem Krankenhaus entlassen werden. Da fehle es in manchen Fällen noch an der notwendigen Sensibilität.

„Die Kliniken versuchen in solchen Fällen schon zu reagieren. Sie müssten aber mit den Frauen noch mehr über die vorhandenen Betreuungsmöglichkeiten sprechen, sagt Gertrud Ayerle. (mz)