Fotograf Joerg Lipskoch

Fotograf Joerg Lipskoch: Projekt mit ganz normalen Menschen

Halle (Saale) - Vorbilder zu haben, kann ja grundsätzlich nicht schaden. Einerseits. Dass er sich andererseits ein ziemlich großes Vorbild ausgesucht hat, ist Joerg Lipskoch natürlich auch klar. „Das ist wahrscheinlich ein bisschen größenwahnsinnig“, sagt der hallesche Fotograf und ...

Von Peter Godazgar 12.10.2015, 07:16

Vorbilder zu haben, kann ja grundsätzlich nicht schaden. Einerseits. Dass er sich andererseits ein ziemlich großes Vorbild ausgesucht hat, ist Joerg Lipskoch natürlich auch klar. „Das ist wahrscheinlich ein bisschen größenwahnsinnig“, sagt der hallesche Fotograf und lacht.

Seit nunmehr zwei Jahren arbeitet Lipskoch an einem Projekt mit dem Titel „Menschen des 21. Jahrhunderts“. Kein zufälliger Titel, denn: Vorbild ist ein Werk des berühmten deutschen Fotografen August Sander. Sander lebte von 1876 bis 1964 und gilt als einer der wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Weltbekannt ist er für ein epochales Fotoprojekt. Titel: „Menschen des 20. Jahrhunderts“.

Lipskoch weiß gar nicht mehr genau, wann er auf Sanders Werk gestoßen ist. Was er weiß: Es hat einen ebenso immensen wie nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht. In der Tat ist „Menschen des 20. Jahrhunderts“ eine beeindruckende Porträtsammlung; die kiloschwere Gesamtausgabe umfasst auf 800 Seiten Hunderte von Porträtaufnahmen, von denen einige zu regelrechten Ikonen ihrer Zeit wurden.

Die meisten Aufnahmen stammen aus den 1920er bis 1940er Jahren. Was für die damalige Zeit komplett neu war, war die Schlichtheit, die Sachlichkeit, mit der Sander die Menschen porträtierte. „Da gibt es keinerlei Inszenierungen, wie sie bis dahin üblich waren - einfach nur Menschen, die in die Kamera schauen“, sagt Lipskoch.

Auf dieselbe Weise fotografiert auch Joerg Lipskoch seine „Modelle“. 220 Männer, Frauen und Kinder hat er auf diese Weise bereits abgelichtet und in zehn Gruppen geordnet (bei Sander waren es sieben Gruppen): „Familie und Beziehungen“, „Schule und Ausbildung“, „Arbeitswelt“, „Staat und Gesellschaft“, „Sport“ oder auch „Letzte Dinge“.

Lipskoch ist klar: Mit seinem „fotografischen Gesellschaftsporträt“ hat er sich ein Projekt vorgenommen, das eigentlich nie ein Ende findet. Nie ein Ende finden kann. „Es ist ja eigentlich unmöglich, die Gesellschaft abzubilden“, sagt der 43-Jährige, der 2010 mit seiner Familie von Berlin nach Halle zog, weil ihm die Hauptstadt zu groß und zu laut geworden war. - Wen fotografiert er? „Grundsätzlich jeden.“ Angefangen hatte er mit der eigenen Familie, es folgten Verwandte und Freunde.

Nach und nach erweiterte sich der Personenkreis. Die einzelnen Aufnahmen sind denkbar knapp untertitelt: Lipskoch, 1972 im niedersächsischen Dissen geboren, nennt nur den Beruf der abgebildeten Person und das Jahr, in dem das Foto entstand. „Ich finde es spannend, wenn Betrachter ihre Vorstellungen abgleichen“, sagt er. Da hört er dann Sätze wie: „Der sieht wirklich aus wie ein Zahnarzt.“ Oder auch: „Das hätte ich nicht gedacht, dass das ein Zahnarzt ist.“

Lipskoch sucht seine Modelle aber nicht nach bestimmten Kriterien aus. Wie auch? Jeder erfüllt ja das Kriterium „Mensch des 21. Jahrhunderts“. Wer mag, kann sich also gerne an den Fotografen wenden. Aktuell sucht Lipskoch vor allem Familien und Handwerker. Angst muss man nicht haben: Die Foto-Session dauert keine halbe Stunde, „ich räume auch nichts um“, sagt er und schmunzelt. Und natürlich erhalten die Porträtierten dann auch einen Abzug der Fotografie. Die ist übrigens immer schwarz-weiß.

Klar, dass das Projekt bislang ein reines Zuschussgeschäft ist. Geld verdient Lipskoch unter anderem mit Veranstaltungsfotografie. Aber auch August Sander veröffentlichte ein erstes Buch mit seinen Porträts erst einige Jahre nach dem Start des Projekts. Fürs erste wäre aber mal eine Ausstellung in Halle fällig - immerhin kommen ja die meisten Porträtierten aus der Saalestadt.

Wer sich von Joerg Lipskoch ablichten lassen möchte, kann sich per Mail an den Fotografen wenden: [email protected]. Infos zum Fotoprojekt und die Porträts gibt es auch unter www.menschen-des-21-jahrhunderts.de