Flüchtlingsansturm verebbt

Flüchtlingesunterkunft in Halle: Wie geht es mit dem Maritim weiter?

Halle (Saale) - Ein Jahr nachdem im ehemaligen Hotel am Riebeckplatz ein Flüchtlingsheim eingerichtet wurde, ist der Ansturm verebbt.

Von Anja Förtsch

So groß das Gebäude von außen mit seinen sechs Stockwerken wirkt, so pompös die Eingangshalle mit den Goldverzierungen und den schweren Teppichen erscheint - so leer ist das ehemalige Maritim-Hotel am Riebeckplatz. Im Herbst 2015 wurde in dem Gebäude eine Aufnahmestelle und Unterkunft für Geflüchtete eingerichtet. Die platzte damals beinahe aus allen Nähten, heute ist nur noch ein Sechstel der Betten belegt.

Geringe Auslastung im Maritim in Halle

Dass ein großer Teil der Unterkunft derzeit nicht benötigt wird, liegt schlichtweg daran, dass aufgrund der politischen Entscheidungen auf europäischer Ebene weniger Geflüchtete nach Deutschland kommen, sagt Denise Vopel, Sprecherin vom Landesverwaltungsamt in Halle. „Das dürfte sich auch hinsichtlich einer Prognose für die Zukunft nicht ändern.“

Ob Unterkünfte weiter genutzt werden, hänge von deren Wirtschaftlichkeit ab. Derzeit befasse sich die Landesregierung im Rahmen der Haushaltsaufstellung für 2017 damit. Der aktuelle Vertrag des ehemaligen Maritim-Gebäudes läuft noch bis Oktober 2018. Ob es danach weiter als Flüchtlingsunterkunft genutzt wird, ist laut Vopel derzeit in der Diskussion.

Nur ein Stockwerk im DDR-Plattenbau durch Flüchtlinge belegt

Rund 100 Bewohner leben derzeit in dem DDR-Plattenbau. Von den sechs Stockwerken ist nur eines belegt. Zu Beginn der Nutzung als Flüchtlingsunterkunft waren es etwa 640 Bewohner, sagt Ina Tiedemann von den Maltesern. Die Hilfsorganisation betreut rund um die Uhr die Geflüchteten. 18 Mitarbeiter sind dafür insgesamt im Haus im Einsatz, fünf pro Schicht.

Tiedemann ist von Anfang an im ehemaligen Maritim dabei. In dieser Zeit habe sich bereits viel verändert, erzählt sie. Zwischen 11.000 und 12.000 Menschen sind so schon durch die Einrichtung gegangen, schätzt Tiedemann. Mittlerweile bleibt der Großteil der Bewohner volle sechs Monate lang - für die Dauer der Asylverfahren.

Malteser in Halle: „Ehrenamtliches Engagement merklich abgenommen“

In dieser Zeit erhalten sie im Haus Deutschkurse, es gibt mehrmals pro Woche Sportkurse und jeden Nachmittag Kinderbeschäftigung. Ehrenamtliche kommen, um mit den Kindern zu basteln oder Skate-Workshops mit ihnen zu veranstalten. Der freie Kindergarten Riesenklein lädt die Kinder einmal pro Woche zu sich ein. „Das ist toll“, sagt Tiedemann. „Gegenüber den Anfängen hat das ehrenamtliche Engagement aber schon merklich abgenommen.“ Das gilt auch für die Sach- und Kleiderspenden. Mittlerweile seien für einige Kinder auch Schulplätze gefunden worden, dafür bräuchten sie beispielsweise Ranzen oder Sportsachen. „Das können sich die Eltern oft nicht leisten“, so Tiedemann.

Deutlich geändert hätten sich der Betreuerin zufolge auch die Nationalitäten im ehemaligen Maritim. Im vergangenen Herbst seien vor allem Syrer und Afghanen angekommen, sagt Tiedemann. Derzeit wohnen in dem Haus größtenteils Afrikaner und Inder. So wie Mahen Dev. Er hatte sich in seinem Heimatland in eine Frau verliebt, die aber einige Kasten über ihm stand. Das indische Kastensystem ist streng, Beziehungen zwischen verschiedenen Kasten, einer Art Klassen, sind verboten. Als der Vater der Frau von der Beziehung erfuhr, bedrohte und verfolgte er Dev, bis dieser keinen anderen Ausweg sah als Flucht. Nun lebt der frühere Inneneinrichter gemeinsam mit drei weiteren Männern auf gut 15 Quadratmetern.

Flüchtlinge in Halle: „Die Sprache ist das Wichtigste“

In dem Zimmer gibt es nur zwei richtige Betten, die restlichen beiden Matratzen wurden einfach auf den Boden gelegt. Dev ist trotzdem dankbar. „Es gefällt mir sehr gut in Halle. Wir wurden sehr gut aufgenommen und untergebracht“, sagt der Inder. Seit drei Monaten lebt er jetzt in Halle, in den nächsten Tagen soll er nach Wittenberg weitergeleitet werden. „Ich will mir hier ein neues Leben aufbauen und nicht mehr über meine Vergangenheit nachdenken“, erzählt Dev. Dazu will er unbedingt Deutsch lernen und eine Arbeit finden. „Die Sprache ist das Wichtigste. Ohne Sprache kann man sein Talent nicht beweisen und keinen Job bekommen.“

Mohamad Rachid hat bereits eine Arbeitsstelle gefunden. Der Syrer war in seinem Heimatland Krankenpfleger, nach seiner Ankunft in Halle hatte er noch als Bewohner ehrenamtlich in der Sanitätsstation der Unterkunft ausgeholfen. Ab November wird er offiziell bei den Maltesern arbeiten - in eben der Flüchtlingsunterkunft, in der er ein neues Leben in Deutschland angefangen hat. (mz)