Buchpremiere

Buchpremiere: Bomben am Poesie-Tresen

Halle/MZ. - Bierbaß' poetischer Tresen sind die Beziehungen der Menschen untereinander: Nachbarn, die so schreien, dass ihnen "die Lungen wie Scheuerlappen aus dem Hals" heraushängen. Wartende auf dem Arbeitsamt, wo die Kinder rauchender Mütter sich am Bein des Erzählers hochhangeln, wie an einem Kratzbaum: "Ich kickte sie weg mit ihren prallvollen ...

Von Simone Voigtländer

Bierbaß' poetischer Tresen sind die Beziehungen der Menschen untereinander: Nachbarn, die so schreien, dass ihnen "die Lungen wie Scheuerlappen aus dem Hals" heraushängen. Wartende auf dem Arbeitsamt, wo die Kinder rauchender Mütter sich am Bein des Erzählers hochhangeln, wie an einem Kratzbaum: "Ich kickte sie weg mit ihren prallvollen Windeln".

Oder die Tochter, die ihre Laune wie eine Paketbombe mit sich herumträgt. Dieses Gedicht heißt "Tägliches Arsen". Bierbaß entdeckt den Sprengstoff in der Verlorenheit des Einzelnen in einer Gesellschaft, die er nicht versteht. Und mit wortkargem Understatement bastelt er daraus kleine Bomben, die er den Lesern in die Köpfe wirft. "Dass wir immer wieder mal losziehen, mit der Axt unterm Arm, um in der Commerzbank am Markt (.) richtig für Stimmung zu sorgen."

Da kann schon eine Amsel jemanden mit "ziemlich kariösen Nerven" aus dem Gleichgewicht bringen. Er "schrotet" die Amsel von ihrem Lieblingsast. Und seine Frau "liebte ihn abgöttisch dafür". Die 50 Gedichte, selbst die zarten, sind von explosivem Inhalt. Die Schwangere gleicht einem "hoffnungslos überladenen Jumbo", während der Betrachter im See sich schutzlos wie "in einer Opferschale" fühlt.

Schon fast märchenhaft anmutende sieben Jahre hat Bierbaß in seiner literarischen Bastelstube seine Gedicht-Bomben reifen lassen. Um nun scheinbar harmlos "Ausschankschluss" zu verordnen. Doch der 37-jährige Autor weiß, dass erst nach Ausschankschluss passiert, was interessiert. Deshalb hält er seine "Gäste" fest: "Ich schätze, Sie müssen noch eine Weile hier bleiben." Man glaubt es kaum, wenn man Bierbaß lesen erlebt: Er sieht so bescheiden aus. Und ist in seinen Texten so unerbittlich.

Dirk Bierbaß "Ausschankschluss" mit Kreidemalerei von Lutz Naumann und einem Nachwort von Ronald W. Gruner; Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben, 12,50 Euro