Abwasserkanäle unter der Stadt

Abwasserkanäle unter der Stadt: Gefahren in Halles Unterwelt

Halle (Saale) - Es sind gerade einmal 21 Steinstufen, doch sie führen in eine andere Welt. Direkt unterhalb der Klausberge liegt der etwa fünf Meter lange und zwei Meter breite Einstieg zum Hauptkanal in Halle, gesichert durch zwei große Stahlabdeckungen. Am Ende der Steinstufen liegt ein schmaler Betonsteg - gesichert durch ein ...

Von Jan-Ole Prasse

Es sind gerade einmal 21 Steinstufen, doch sie führen in eine andere Welt. Direkt unterhalb der Klausberge liegt der etwa fünf Meter lange und zwei Meter breite Einstieg zum Hauptkanal in Halle, gesichert durch zwei große Stahlabdeckungen. Am Ende der Steinstufen liegt ein schmaler Betonsteg - gesichert durch ein Metallgeländer.

Direkt daneben fließt der graubraune Strom, der einen durchdringenden Fäkaliengeruch absondert. Und mitten in dem gut 70 Zentimeter tiefen Abwasser steht HWS-Mitarbeiter Mario Rehnig. Seit mehr als 30 Jahren kontrolliert und reinigt er zusammen mit seinen Kollegen das Kanalsystem in Halle. „Wir nennen uns auch die Herren der Unterwelt“, sagt Rehnig lachend.

Und diese Unterwelt ist in Halle lang und weit verzweigt. Insgesamt laufen durch die Stadt 860 Kilometer Abwasserkanäle. Einige sind über 100 Jahre alt. Dazu gehört auch der zehn Kilometer lange sogenannte Hauptsammler vom Pestalozzipark nach Trotha. Er wurde zwischen 1911 und 1915 gebaut - unter anderem einmal unterhalb der Klausberge durch.

Anders als heute ist der Sammler noch mit alten Kanalsteinen gemauert. „Das war noch echte Kanalbaukunst“, sagt Andreas Sens, Abteilungsleiter Abwassertechnik bei der HWS. Das gesamte Netz ist größtenteils auf Gefälle gebaut, damit das Abwasser nicht steht. Nur wenn es gar nicht anders geht, wird ein Pumpwerk gebaut. Davon gibt es 142 an den verschiedenen Stellen in Halle.

Doch der alte Hauptsammler unter der Stadt hat auch seine Tücken: Er ist immens pflegebedürftig. Einmal im Jahr wird der gesamte Kanal gewartet. Dazu nutzt die HWS den sogenannten „Iltis“. Es ist ein großer Metallkasten mit einem 60 bis 80 Zentimeter großen Loch mit Gummilammeln und Flügeln. „Damit erhöhen wir die Fließgeschwindigkeit des Wassers“, sagt Sens, der seit 40 Jahren in den Kanälen in Halle arbeitet. Dadurch sammelt sich vor dem „Iltis“ der Schlamm und wird durch den Kanal nach vorne geschoben.

Unterwegs im Boot

Jeweils im Abstand von hundert bis 120 Metern wird er dann aus dem Hauptsammler geschafft. Während der Arbeit mit dem „Iltis“ fahren die Kanalarbeiter in einem kleinem Boot hinterher. Zu Fuß dahinter zu stehen, wäre wegen der Strömung zu gefährlich.

Doch das ist nicht die einzige Gefahr, die in dem Hauptsammler lauert. „Das größte Problem sind Gase, die aus dem Schlamm plötzlich entweichen können“, sagt Sens. Darum trägt jeder Mitarbeiter der HWS ein digitales Messgerät bei sich. Auf dem wird jeweils die aktuelle Konzentration von vier Gasen angezeigt: Schwefelwasserstoff, Methan, Kohlenmonoxid und Sauerstoff.

Wenn der Sauerstoffgehalt auf unter 18 Prozent sinkt, stößt das Messgerät einen schrillen Signalton aus. Dann müssen Mario Rehnig und seine Kollegen ihre Arbeit sofort einstellen und aus dem Kanal flüchten. „Ansonsten droht eine Ohnmacht und dann der Tod durch Ertrinken“, sagte Sens.

Plötzliche Gaseruption

Für den Notfall einer plötzlichen Gaseruption haben die Mitarbeiter noch eine weitere Sicherung. An Rehnigs Gürtel hängt ein silberner Metallbehälter. Darin befindet sich ein mit Luftballon , an dem ein langer Schlauch hängt. „Das ist unsere Lebensversicherung“, sagt Sens. Sobald der sich Luftballon aufbläht, erzeugt die chemische Substanz darin Sauerstoff, der über den Schlauch eingeatmet werden kann. Auch Regen kann in den Kanälen zu einer großen Gefahr werden. Denn aus dem langsam dahinfließenden grau-braunen Strom kann schnell ein reißendes Gewässer werden.

Richtig spektakuläre Entdeckungen haben Rehnig und seine Kollegen noch nicht in dem Abwasser gemacht. „Wobei man hier beinahe alles findet, was in ein Klo passt“, sagt er lachend. Dazu gehören Schlüssel, Ringe, Kondome und auch Damenbinden. Oder Surfbretter, wie Rehnig sie nennt.

Schwierig ist es, wenn die Hallenser Essensreste ins Klo kippen. „Das lockt die Ratten an“, sagt Sens. Das ganze Jahr über arbeitet die HWS deswegen mit Rattengift. Das darf aber nicht zu schnell wirken, damit die Tiere nicht aus dem Tod ihrer Artgenossen lernen. „Die Ratte verendet an dem Gift erst in fünf bis sieben Tagen“, sagt Sens.

Ob sie den beißenden Geruch in den Kanälen noch wahrnehmen. „Natürlich bekommt man das noch mit, aber es wird mit den Jahren normaler“, sagt Rehnig, während er aus dem grau-braunen Wasser steigt. Vor einem haben die Mitarbeiter aber am meisten Angst: Ausrutschen oder Stolpern. „Zum Schwimmer will hier keiner werden“, sagt Rehnig.