Spekulationen nach Facebook-Foto

Warum in Roßlau Bären geschlachtet wurden

Rosslau - In der Roßlauer Fleischerei Siebert wurden bis in die 1980er Jahre Bären geschlachtet. Dessauer Wildgaststätte „Jägerklause“ konnte Spezialitäten auftafeln.Dessauer Wildgaststätte „Jägerklause“ konnte Spezialitäten auftafeln.

Von Silvia Bürkmann 15.09.2016, 10:31

„Das gab es etwa von 1975 bis 1985.“ Punktum. Karl Siebert lässt keinen Zweifel zu. Er hat es gesehen, er war als Kind und Jugendlicher dabei. Bärenschlachten im kreuzbraven Roßlau? Das klingt abenteuerlich und ein bisschen nach „Räuberpistole“. Entsprach bis in die 1980er Jahre aber den blanken Tatsachen in der Roßlauer Fleischerei Siebert.

Bärenbestände wurden gezielt verkleinert

Die großen Landraubtiere kommen heute in freier Natur in West- und Mitteleuropa nur noch als seltene Relikte von „Problembären“ vor, werden sonst in Zoos und Tierparken bestaunt. „Gerade dort aber ist die Nachzucht unproblematisch, so dass damals die Bestände gezielt reduziert wurden“, sagt Siebert.

Über die Herkunft von „Meister Petz“ liegen keine gesicherten Dokumente vor. Könnte die Lieferung vom Dessauer Tierpark oder umliegenden Tierparks gekommen sein? Für Karl Siebert ist das nicht nur naheliegend, sondern im Fall von Dessau, Altenburg oder sogar Rostock direkt erinnerlich.

Kamen die Bären aus dem Dessauer Tierpark?

Vom 1958 in Dessau eröffneten städtischen Tierpark, in dessen Logo heute der anhaltische Bär geführt wird, kamen die Lieferungen? Über Bärenschlachtungen aber finden sich in der Tierparkverwaltung keine Belege, hat Marie Guhrke vom Förderverein Tierparkfreunde die Unterlagen und Karteikarten im Archiv überprüft.

„Es gab keine Lebendtransporte, die Tiere waren bereits vor Ort als Wildtiere gemäß Jagdrecht erlegt worden vom Jagdpächter, der die entsprechende Waffe besitzen und nutzen durfte“, ist sich Siebert wiederum sicher.

Geschlachtet wurden Braunbären, Schwarzbären und Kragenbären. Der Schlachtvorgang blieb dann für den Fleischer der gleiche: Das getötete Tier wird ausgenommen, das Fell abgezogen, die Stücke zum Lebensmittel verarbeitet. Das Handwerk eben.

Genutzt werden konnte vom Bären auch das übliche: Das Muskelfleisch von Brust, Keule, Rücken und Schulter. Die Abnehmer fanden sich in der damals schon spezialisierten Wildgaststätte „Jägerklause“ in Dessau-Haideburg. In der Faser sei das Fleisch der Bären dem Rind sogar ähnlich, nur eben eingebettet unter sehr viel mehr Fett, wenn sich unter der Haut „Bärenspeck“ angesetzt hat, spricht aus Siebert jetzt der Fachmann.

Geschichte der Fleischerei geht über drei Familiengenerationen

Denn er erzählt Familiengeschichte über drei Generationen. Seit der Großvater Fleischermeister Karl Siebert 1912 in Roßlau seinen Laden eröffnete, Fleisch- und Wurstwaren produzierte und verkaufte. Der Laden lief. Überstand die Weltkriege eins und zwei. Gegessen wird immer.

1955 übernahm Karls Sohn Kurt Siebert die Geschäfte. Er war nach väterlicher Handwerkstradition Fleischer geworden. Wie wiederum dessen Söhne Kurt und Karl. Von denen der ältere (Kurt) als Wurstfabrikant zunächst Vorsitzender der PGH Fleischerhandwerk wurde und nach der Wende Geschäftsführer der Andes GmbH. Der 1955 geborene und heute in Meinsdorf wohnende Karl wiederum kam nach dem Studium zum Fleischtechnologen bis 1982 an der Humboldt-Uni Berlin in den Dessauer Schlachthof. Heute ist Karl Siebert Chef der Dessauer Fleischzentrum GmbH am Traditionsstandort an der Ecke Schlachthofstraße/Karlstraße in Dessau-Nord.

Der heute 61-Jährige erinnert sich gut an seine Jugendjahre in Roßlau und an das Familiengeschäft. Über den Tresen ging frisches Fleisch, erst wurde selbst geschlachtet und seit 1982 kam das Fleisch vom Dessauer Schlachthof. Davor standen die Roßlauer Schlange.

Foto toter Bären weckte Empörung und Neugier

Fleischer Siebert war eine Institution im Elbestädtchen. Auch weil hier das sogenannte Freibankfleisch sehr preiswert angeboten wurde. Das Fleisch hatte absolut Lebensmittelqualität, entstammte aber aus Notschlachtungen. „Sanitätsschlachtung hieß das offiziell. Und das war in Ost- wie in Westdeutschland gleicherweise üblich, wenn sich die Tiere bei Haltung oder Transport verletzt hatten“, betont Fleischer Siebert.

Das Fleisch aber wurde nach der Notschlachtung ganz genau untersucht, zuerst vom Veterinärhygieneinspektor und später vom Amtstierarzt. Das Freibankfleisch hatte vielleicht Qualitätsmängel in Farbe, Geruch und Struktur, nicht aber in der Lebensmittelhygiene. „Es war absolut unbedenklich für den Verzehr.“

Endgültig verschwanden „Sanitätsschlachtbetriebe“ aber 1994 von der Bildfläche, als das EU-Recht für Schlachtbetriebe vereinheitlicht wurde. Fleischerei Siebert verkaufte bis 1990 Freibankfleisch.

Dann im August aber verstarb Vater Kurt urplötzlich. Der körperlich schwere Beruf hatte dem Weltkriegsveteran, der ein Bein verloren hatte, stark zugesetzt, erinnert sich Sohn Karl. An diesem Augustmorgen starb der Vater, wie er gelebt hatte: Kurz vor Ladenöffnung am Fleischklotz. „Eben als Fleischer bis zum letzen Atemzug.“

Fleischermeister posierte neben toten Bären

Im Sommer 2016 geistert per Facebook ein Foto der Serie „Roßlau in alten Ansichten“ durchs Netz und sorgte für reichlich Kommentare in der gleichnamigen Gruppe.

Zu sehen sind die mutmaßlich letzten zwei „Meister Petze“, die in Roßlau geschlachtet wurden, mannshoch aufgerichtet neben Fleischermeister Kurt Siebert und dessen Frau Margarethe. Die Aufnahme aus dem Familienalbum hatte der Roßlauer Fotograf und Sammler Matthias Kryszon ins Netz gestellt.

Die Nutzer reagieren querbeet auf der Klaviatur zwischen Neugier und Abscheu: „Mann, ist das grausam und abartig... und Gott sei Dank vorbei“, heißt es und wird gefragt: „Woher wurden die Bären bezogen und was wurde aus dem Fell?“ Spekulationen sprießen ins Korn, wenn die Rede auf den Roßlauer Tierpark kommt mit einem Bärengatter auf der Burg. Ganz gewitzt und lakonisch meint ein Schreiber: „Deswegen hat der Bär im Wappen von Roßlau auch zwei Fleischerbeile in den Pfoten! Lasst euch ruhig den Bären aufbinden!“

Was hinter den Gerüchten steckt

Es gab in Roßlau in der 1950er Jahren tatsächlich einen kleinen Heimatzoo, eröffnet 1952 auf dem Burggelände von Bürgermeister Erich Kröber (1919-2002). Hier zeigen alte Fotos in Gehegen Wildtiere der Region. An dort eingesperrte Bären aber können sich heute auch die alten Roßlauer nicht erinnern.

Und die Geschichte mit den „Metzgerbeilen“ in den Tatzen vom Roßlauer Stadtwappenbären kontert der versierte Heimathistoriker Klemens Koschig lachend: „Die Beile sind Äxte. Und die hat der Anhaltische Bär schon im ältesten Roßlauer Siegel von 1546 in den Pranken. Vermutlich als Symbol für das Arbeitswerkzeug der ältesten Holzfäller und Flößer.“ (mz)