Mord an chinesischer Studentin

Mord an chinesischer Studentin : Dessauer verarbeitet Trauer in Blog

Dessau - Es muss raus. Die Gefühle sind nicht zurückzuhalten. Vielleicht hat er deshalb einem Treffen im Stadtpark sofort zugesagt. Die Bilder rauschen noch in Jing Zhous Kopf, die Gedanken an diesen grausamen Mord an der Studentin Yangjie Li mitten in der Stadt. „Was in mir vorgeht, kann ich selbst kaum beschreiben“, sagt der 33-Jährige. Die Tränen laufen. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass so etwas in Dessau passiert ist.“ Der gebürtige Chinese durchlebt das, was in Dessau-Roßlau die meisten fühlen. Für sie hat er nun einen Platz im Internet geschaffen, an dem sie trauern und das Geschehene ...

Von Lisa Garn 20.05.2016, 18:07

Es muss raus. Die Gefühle sind nicht zurückzuhalten. Vielleicht hat er deshalb einem Treffen im Stadtpark sofort zugesagt. Die Bilder rauschen noch in Jing Zhous Kopf, die Gedanken an diesen grausamen Mord an der Studentin Yangjie Li mitten in der Stadt. „Was in mir vorgeht, kann ich selbst kaum beschreiben“, sagt der 33-Jährige. Die Tränen laufen. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass so etwas in Dessau passiert ist.“ Der gebürtige Chinese durchlebt das, was in Dessau-Roßlau die meisten fühlen. Für sie hat er nun einen Platz im Internet geschaffen, an dem sie trauern und das Geschehene verarbeiten.

Über 5.000 Aufrufe

Auf seiner Seite „Das ist Dessau“, die vielen durch Fotografien aus dem Alltag der Stadt bekannt ist, hat Jing Zhou lange Beiträge zum Gedenklauf und zur Trauerfeier für die 25-jährige Studentin verfasst. Seine Texte und die vielen Bilder zeigen, was im Moment in dieser Stadt vorgeht. Sehr empfindsam, sehr eindrücklich und ungefiltert. Zhou beschreibt dort, was er fühlt. Über 5.000 Mal sind die beiden Beiträge inzwischen aufgerufen worden. Viele haben Kommentare darunter geschrieben. „Mir liefen und laufen die Tränen. Es tut mir so unendlich leid, was Yangjie zugestoßen ist“, schreibt eine Nutzerin. Eine andere: „Du hast tolle Worte für dieses traurige Ereignis gefunden. Danke dafür.“

Zhou, der mit acht Jahren aus Wuhan in China im Zug nach Dessau kam, fängt mit seinen Beiträgen die Trauer und auch Verletzlichkeit einer Stadt ein - und auf. „Sie sollen denen helfen, die traurig sind. Sie sind für alle, die nicht dabei sein konnten, aber wollten. Und vielleicht habe ich es auch für meine Frau getan.“ Sie ist im Moment mit der großen von zwei Töchtern - sie sind drei und fünf Jahre alt - in Wuhan bei der Familie. Sie liest fast jeden Tag die Nachrichten zu dem Mord in Dessau. Das Paar spricht immer wieder darüber.

Eine Stadt mit großartigen Menschen

Zhou joggte am Mittwoch mit beim Gedenklauf für Yangjie Li. „Ich bin Teil dieser Stadt und ich hatte einfach das Bedürfnis mitzujoggen. Und darüber zu schreiben, um die Erinnerung an Yangjie Li und das, was ihre Freunde für sie organisiert haben, festzuhalten.“ Über 200 Menschen hatten an dem Lauf teilgenommen. „Dessau kann stolz von sich sagen, dass es eine tolerante Stadt ist - mit großartigen Menschen.“ Es ist auch einer der Gründe, warum er sie liebt. Die Chinesen, die in der Stadt leben, sind beliebt, stellt Zhou fest. „Weil sie höflich und freundlich sind.“ Zu einigen hat er Kontakt, sie hat die Tat erschüttert. Sich aus dem Stadtleben zurückziehen, das wollen sie sich aber nicht, sagt er.

Ein Onkel hatte in Dessau gearbeitet. Wegen ihm sind Mutter und Tante 1991 aus der Millionenstadt Wuhan nach Deutschland gereist. Mit zehn D-Mark in der Hand und keinem Wort Deutsch. Später machte er eine Ausbildung zum Offset-Drucker, arbeitet heute in einer Werbeagentur und hat ein Nebengewerbe für seine Fotografie. Seine Seite „Das ist Dessau“ betreibt er seit 2014. Dort hält er Alltagsszenen mit der Kamera fest und erzählt Geschichten aus der Stadt, abseits der touristischen Leuchttürme.

Eindringliche Fotos

„Bilder lassen Augenblicke intensiver erleben“, sagt Zhou. Seine Fotos zeigen die Gedenkfeier am Donnerstag besonders eindringlich. „Dieses Gedenken war wichtig für alle und besonders für die chinesischen Studenten. Sie konnten Abschied nehmen.“ Er beschreibt auch den Weg zur Hausmannstraße, an die Stelle, an der Yangjie am Freitag vergangener Woche tot gefunden wurde. Zhou ging nach der Trauerfeier mit Blasen und Muskelkater vom Lauf dorthin, mit vielen anderen. Vorher konnte er es nicht, nicht allein. Es wäre zu schmerzhaft gewesen. „Aber im Kollektiv, stark mit den anderen, wollte ich es.“ Sie legten Blumen nieder und verbeugten sich. Vielen flossen Tränen über das Gesicht. „Ich habe nicht geweint, als im April mein Großvater in China starb. Aber bei Yangjie Li, einem Menschen, den ich nicht kenne, konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten.“

Weil auch er Chinese ist? Weil es in Dessau und nicht weit weg anders passiert ist? „Wahrscheinlich. Es geht mir sehr, sehr nah.“ Und gerade deshalb sind ihm die Beiträge im Netz wichtig, das Teilen mit anderen. „Man hat nicht oft die Chance, etwas richtiges zu machen. Das war etwas richtiges.“

Texte und Bilder sind zu finden unter www.jingzhou.de.