Mordfall Yangjie Li

Mord an Chinesin in Dessau: Jetzt sprechen die Eltern des Tatverdächtigen

Dessau - „Jetzt erfahren wir, wie es Menschen geht, die in Sippenhaft genommen werden“, sagen Ramona und Jörg S. Beide sind Polizisten in Dessau-Roßlau. Ramona S. ist die Mutter des 20-Jährigen, der gemeinsam mit seiner Verlobten verdächtigt wird, die chinesische Studentin Yangjie Li getötet zu haben.

28.05.2016, 08:00
Die Polizei hat ein tatverdächtiges Paar aus Dessau festgenommen, das eine chinesische Studentin getötet haben soll. Die Mutter und der Stiefvater des Beschuldigten sollen beide bei der Polizei in Dessau arbeiten.
Die Polizei hat ein tatverdächtiges Paar aus Dessau festgenommen, das eine chinesische Studentin getötet haben soll. Die Mutter und der Stiefvater des Beschuldigten sollen beide bei der Polizei in Dessau arbeiten. dpa-Zentralbild

Sie sind krankgeschrieben und gehen kaum noch aus dem Haus. „Jetzt erfahren wir, wie es Menschen geht, die in Sippenhaft genommen werden“, sagen Ramona und Jörg S. Beide sind Polizisten in Dessau-Roßlau. Ramona S. ist die Mutter des 20-Jährigen, der gemeinsam mit seiner Verlobten verdächtigt wird, die chinesische Studentin Yangjie Li getötet zu haben.

Jörg S., Chef des Dessau-Roßlauer Polizeireviers, ist seit knapp vier Jahren der Stiefvater des 20-jährigen Tatverdächtigen. In den vergangenen Tagen gab es Vermutungen, dass die Eltern die Tat zu vertuschen versuchten. „Das können wir so nicht stehen lassen“, sagt Jörg S. Mit ihm und seiner Frau - beide wollten sich nicht fotografieren lassen - sprach MZ-Redakteurin Annette Gens.

Wie geht es Ihnen, nachdem Sie wissen, dass Ihr Sohn, ihr Stiefsohn, und dessen Verlobte verdächtigt werden, am Tod eines Menschen Schuld zu haben?
Jörg S: Wie es uns geht, das ist jetzt nicht so wichtig. In erster Linie geht es nicht um uns. Der Tod der chinesischen Studentin Yangjie Li ist viel schmerzhafter, weil nichts wieder gutzumachen ist. Wir wissen, was die Eltern der jungen Studentin durchmachen und können kaum selber Worte finden. Wir selbst suchen nach Antworten, warum das geschehen ist. Weil wir indirekt verwickelt sind und wir jeden Tag mit neuen Vorwürfen konfrontiert werden, wollen wir einiges klarstellen. Denn die Spekulationen sind nicht auszuhalten. Und wir haben den Eindruck, die Leute haben nichts anderes zu tun, als sich am Elend anderer zu ergötzen. Noch einmal, wir wollen kein Mitleid, aber Sachlichkeit.

Wie eng ist Ihr Kontakt mit Ihrem Sohn?
Ramona S.: Mein Sohn lebt seit knapp drei Jahren nicht mehr in unserem Haushalt. Mit 18 ist er ausgezogen. Seitdem telefonieren wir fast täglich. Nur im Urlaub nicht. Mein Mann und ich waren bis zum 10. Mai im Ausland. Am 11. Mai, dem Tag, als Yangjie Li verschwunden ist, gab es ein kurzes Telefonat zwischen meinem Sohn und mir. Er war wie immer.

Wann hat Ihr Sohn offenbart, dass er in den Fokus der Ermittler geraten könnte?
Ramona S: Er hat überhaupt nicht mit mir gesprochen. Am Abend vor dem Termin in der Polizeidirektion, also am Sonntag, 22. Mai, erhielt ich gegen 20.30 Uhr einen Anruf von seiner Verlobten. Sie berichtete, dass der Umzug jetzt fast erledigt ist. Sie rief vom Handy meines Sohnes an und sagte plötzlich: Wir wollten sowieso mal mit dir reden. Sie tischte mir dann eine abenteuerliche Story auf, die sich einen Tag vor dem Todestag von Yangjie Li angeblich zugetragen haben soll. Ich musste mich sammeln und legte erst mal auf. Zehn Minuten später rief ich an. Wieder war aber nicht mein Sohn am Handy, er hat nicht mit mir gesprochen. Ich bestellte ihm, dass ich erwarte, dass er am nächsten Tag seinen Termin in der Polizeidirektion wahrnehmen soll und seine Geschichte den Ermittlern vortragen muss.

Was war Inhalt der Story?
Ramona S: Ich möchte sie mit Rücksicht auf die Familie des Opfers nicht erzählen. Sie wies aber nicht darauf hin, dass die Beiden mit dem Mord zu tun haben könnten. Ihre Geschichte war auf den Dienstag datiert und es handelte sich möglicherweise auch um eine andere Person.

Haben Sie zu diesem Zeitpunkt Ihren Sohn verdächtigt?
Ramona S: Mit keiner Silbe. Aber ich wusste, das kann nur die Polizei klären. Unsere Nachtruhe war dahin. Wir waren völlig aufgewühlt.

Am Montag dieser Woche, dem 23. Mai, wurde Ihr Sohn vorläufig festgenommen. Wie erlebten Sie beide diesen Tag?
Ramona S: Ich hatte an diesem Tag frei und habe natürlich auf einen Anruf meines Sohnes gewartet. Er wurde festgenommen, später auch seine Verlobte. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass die beiden so eine Tat begangen haben sollen. Ich habe viele Fragen, doch keine Antworten.
Jörg S: Ich war im Dienst. Nach der Dienstberatung sprach ich mit einem Kollegen. Als die Nachricht von der vorläufigen Festnahme kam, konnte ich nicht mehr arbeiten.

So reagierte die Dienststelle der Polizisten

Wie reagierte Ihre Dienststelle?
Ramona S: Ich bin enttäuscht. Wenn man unverschuldet am Boden liegt und die eigenen Leute zutreten, das tut weh.

Was konkret ist vorgefallen?
Jörg S: Während die Staatsanwaltschaft nicht den leisesten Hauch eines Anfangsverdachts gegen mich und meine Frau sieht, wurde mir in dieser Woche von meiner vorgesetzten Dienststelle erklärt, wie schwierig die Situation für die Polizeidirektion sei. Ich kann mich nicht erinnern, dass man mich gefragt hat, wie schwierig meine Situation ist. Das fand ich nach all den Jahren enttäuschend.

Aber ist das nicht ein Stück normal, wenn ein Mord geschieht?
Jörg S: Ich bin seit vielen Jahren Polizist. Meine Überzeugung ist, dass ein Mörder bestraft werden muss - ohne Rücksicht auf eine Person. Dass mein Stiefsohn etwas mit der Tat zu tun haben könnte, das habe ich nicht im Geringsten für möglich gehalten.
Ramona S: Schuld oder Unschuld stellt ein Gericht fest. Und wenn die Tat den beiden nachzuweisen ist, dann sind sie selbstverständlich dafür zu verurteilen.

Ihr Sohn und dessen Familie hat in der Johannisstraße in unmittelbarer Nähe des Fundorts von Yangjie Li gewohnt. Er ist am Sonnabend, 21. Mai, ausgezogen. Warum?
Ramona S: Wir hatten im Februar Schimmel in der Wohnung entdeckt. Später erzählte er, dass die Familie gehustet und der Arzt in seinem Blut Spuren von Schwarzschimmel festgestellt hätte. Es wurde über eine neue Wohnung gesprochen. Der Umzug stand seit rund acht Wochen fest. Wir haben noch ein Haus in Meinsdorf. Sie sollten vorübergehend dorthin ziehen.

Wer half beim Umzug, es steht der Vorwurf im Raum, Sie und Ihr Mann haben mit angepackt und schließlich die Wohnung gereinigt?
Ramona S: Das stimmt nicht. Ich war nicht dabei, weil ich Termine hatte.
Jörg S: Wir haben verabredet, dass ich einen Hänger besorge und die Möbel nach Meinsdorf transportiere.

Waren Sie in der Wohnung?
Jörg S: Ich war nicht in der Wohnung, weil ich ahnte, wie unordentlich die aussieht. Das wollte ich mir nicht antun. Und außerdem habe ich Knieprobleme und kann unter Belastung keine Treppen steigen. Ich habe an diesem Sonnabend drei Fuhren Möbel nach Meinsdorf gebracht. Am späten Nachmittag bin ich mit meiner Frau zu einer Jugendweihe nach Thüringen gefahren.

Es gibt den Vorwurf, dass bei dem Umzug Beweismittel beiseite geschafft wurden.
Jörg S: Noch einmal. Ich war nicht in der Wohnung und kann dazu nichts sagen. Wenn etwas Auffälliges auf dem Hänger gewesen wäre, hätte ich sofort reagiert.

Wusste die Polizei vom Umzug Ihres Sohnes?

Ihre Kollegen haben Sie in der Johannisstraße gesehen...
Jörg S: Das stimmt. Ich selbst hatte angeordnet, den Besuch der Familie von Yangjie Li abzusichern. Die Eltern waren an jenem Samstag an dem Trauerort in der Hausmannstraße und sind dann zur Wohnung in der Johannisstraße gelaufen. Vor dem Haus meines Stiefsohns sind wir aufeinander getroffen. Mein Stiefsohn stand im Hausdurchgang und ich bat ihn, ein Stück nach hinten zu treten, um die Familie durchzulassen. Auch in dieser Situation war bei ihm nichts zu erkennen, was mich hätte stutzig werden lassen.

So viele Zufälle: Ein Sohn wohnt unweit eines Mordopfers. Der Sohn zieht wenige Tage nach der Tat aus. Wusste die Polizei von dem Umzug? Schließlich wurden alle Anwohner zur Vernehmung geladen.
Ramona S: Meine Kollegen in der Polizeidirektion waren über diesen Umzug seit Pfingstmontag informiert. Am Donnerstag vor dem Umzug hatte ich ein Gespräch mit dem Leiter der Mordkommission. Er hatte mich informiert, dass mein Sohn routinemäßig vorgeladen ist - wie jeder unmittelbare Anwohner auch. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass mein Sohn die schriftliche Vorladung wegen des Umzuges vielleicht nicht erreichen könnte. Zehn Minuten später informierte ich meinen Sohn über die Vorladung und reichte mein Handy dem Beamten, der mit ihm für den darauffolgenden Montag einen Termin vereinbarte. Das war der Tag, an dem mein Sohn dann festgenommen wurde.

Inwieweit waren Sie in die polizeilichen Ermittlungen eingebunden?
Ramona S: Ich habe bei Befragungen von Zeugen geholfen. Pfingstsonntag hatte meine Dienststelle angerufen und gefragt, ob ich am darauffolgenden Tag arbeiten kommen könnte, um zu helfen. Ich sagte zu. Am Pfingstmontag im Dienst sagte ich dem Ermittler: Aber ihr wisst, dass mein Sohn im Umfeld wohnt und derzeitig im Umzug begriffen ist? Er erwiderte, dass dies bekannt sei und in Ordnung geht.

Hatten Sie Zugang zu den Ermittlungsakten?
Ramona S: Ich hatte weder zu den Akten, noch zu den Asservaten und Spuren Zugang. Für die Zeugenvernehmungen wurde mir ein Fragebogen ausgehändigt. Ich half ja nur aus. Ich arbeite sonst in einem anderen Fachkommissariat.

Wen haben Sie im Mordfall Yangjie Li verhört?
Ramona S: Ich sprach gemeinsam mit Dolmetschern mit mehreren Kommilitonen und Freunden der Ermordeten. Noch einmal: Ich war nicht einmal Mitglied der Sonderkommission. Die Ermittlungsgruppe wurde erst am 20. Mai gebildet.

Ihr Sohn wurde in der Vergangenheit des Öfteren verdächtigt, gezündelt zu haben. In einem Fall sollen Sie Anzeige gegen einen Kollegen erstattet haben: Das Innenministerium will das jetzt untersuchen. Was war damals geschehen?
Ramona S: Das liegt Jahre zurück. Ich erinnere mich, dass mein Sohn damals noch nicht strafmündig war, ihm aber einige Brandstiftungen zugeordnet werden sollten. In einigen wenigen Fällen hatte er aber ein handfestes Alibi und ich habe mich nur deswegen in diesen Fällen zur Wehr gesetzt, weil er die nicht begangen haben konnte. In allen anderen Fällen habe ich mich nicht eingemischt.

Und später, als er strafmündig war?
Ramona S: Ja. Gegen meinen Sohn ist ermittelt worden. Weshalb das Verfahren eingestellt wurde, kann ich nicht sagen. Was weitere Taten und Ermittlungen betrifft, habe ich mich nicht eingemischt.

Wie können und wollen Sie jetzt mit der Situation umgehen?
Jörg S: Wir sind am Boden zerstört. Bloß wir leben noch. Yangjie Li ist tot. Meine Frau kann damit schlecht umgehen, dass ihr eigenes Fleisch und Blut für den Tod der Studentin verantwortlich sein soll. In dieser Situation, an der wir keine Schuld tragen, wünschen wir uns Fairness. Unsere Gedanken sind bei den Eltern von Yangjie Li. (mz)