Massengrab für Herzogsfamilie

Massengrab für Herzogsfamilie: So würdelos ruhen die Leichen der von Anhalts in Dessau

Dessau/Halle (Saale) - Noch zu Beginn des Jahres war das Holzkreuz nur mit Filzstift beschriftet. „Ruhestätte Herzogl. Familie von Anhalt“ war da in krakeligen schwarzen Buchstaben zu lesen. Notiert auf einem schiefen, hüfthohen Gestänge, das sich an eine Hecke lehnt, als wollte es in diese hinein entschwinden vor der Trostlosigkeit am südlichen hinteren Eingang des städtischen Friedhofes in Dessau-Ziebigk - nur wenige Gehminuten von den Bauhaus-Meisterhäusern ...

Von Christian Eger 22.11.2018, 09:00

Noch zu Beginn des Jahres war das Holzkreuz nur mit Filzstift beschriftet. „Ruhestätte Herzogl. Familie von Anhalt“ war da in krakeligen schwarzen Buchstaben zu lesen. Notiert auf einem schiefen, hüfthohen Gestänge, das sich an eine Hecke lehnt, als wollte es in diese hinein entschwinden vor der Trostlosigkeit am südlichen hinteren Eingang des städtischen Friedhofes in Dessau-Ziebigk - nur wenige Gehminuten von den Bauhaus-Meisterhäusern entfernt.

Welche Toten hier beigesetzt sind, wird inzwischen mitgeteilt. Von unbekannter Hand wurde auf das Kreuz ein mit Folie bespanntes Blatt Papier gepinnt, das die Namen nennt. Es sind zehn Menschen: die drei letzten regierenden Herzöge von Anhalt, zwei Herzoginnen, vier Prinzen und Prinzessinnen - und Prinzregent Aribert von Anhalt, der für den noch minderjährigen Herzog Joachim Ernst am 12. November vor 100 Jahren für das Haus Anhalt den Thronverzicht erklärte.

Beigesetzt wurden die Toten bis 1936 im 1898 vollendeten Herzoglichen Mausoleum in Dessau, dessen Friedrichspark genannter Totengarten 1958 in einen Tierpark umgestaltet wurde.

Im Zuge dieser Maßnahme wurden die - 1920 und teilweise nach 1945 aufgebrochenen - Särge offenbar auf Weisung der regionalen SED-Führung aus dem Untergeschoss des Mausoleums entfernt, das in den DDR-Jahren als Lager des Impfstoffwerkes Dessau genutzt wurde.

Kein Kreuz, kein Stein markierte das von einer Hecke umgrenzte Ziebigker Massengrab, das anfangs noch von einer dichten Efeu-Schicht bedeckt war, bis auch diese verschwand. Eine Niemands-Fläche, in die nach 1989 das hilflos beschriftete Kreuz gesteckt wurde.

Dabei ist es geblieben. 28 Jahre nach dem Ende der DDR schafften es weder die Stadt Dessau noch die Anhaltische Landeskirche noch das Land Sachsen-Anhalt, den zehn Toten einen Grabstein zu stiften, deren Familie das Bundesland einen Teil seines Namens verdankt. Darunter mit den Herzögen drei Personen, die bis 1918 Staats- und Kirchen-Oberhäupter waren, Amtsvorgänger der heutigen Spitzenkräfte in Staat und Kirche.

Warum besitzen die Herzöge von Anhalt bis heute kein würdiges Grab?

100 Jahre nach dem Ende der Monarchie in Deutschland: Warum besitzen die Dessauer Herzöge keinen Grabstein? „Die Frage könnte möglicherweise besser durch die Familie beantwortet werden“, teilt der Pressesprecher der Stadt Dessau mit, „da es einen Grabstein auch in der Vergangenheit schon nicht gab. Gründe hierfür sind uns nicht bekannt. Wie bei allen Grabstellen auf öffentlichen Friedhöfen sind grundsätzlich die Angehörigen für Zustand und Pflege zuständig. Es übersteigt die Möglichkeiten der Stadt, sich hier wie auch bei weiteren prominenten Grabstellen zu engagieren.“

Unbekannte Gründe? Zu teure Tote? Eduard von Anhalt, als 1941 in Ballenstedt geborener Sohn des Herzogs Joachim Ernst heute Chef des Hauses Anhalt, erkennt das Massengrab nicht als reguläre Grabstätte an - und die Dessauer Begründung auch nicht.

Der 76-Jährige sieht die Stadt in der Pflicht. Diese hätte die Toten in einer „Nacht- und Nebelaktion“ aus der Gruft gerissen, also hätte diese die Toten auch wieder in das Mausoleum zurückzubringen. „Ich weigere mich, aus dem Massengrab eine Dauereinrichtung zu machen“, sagt Eduard von Anhalt.

Er sieht das Verursacher-Prinzip wirken, dessen Umstände und Folgen er nicht durch das Setzen eines Steins anerkennen und verstetigen will. Seinem 1945 im sowjetischen Straflager Buchenwald als „Gutsbesitzer“ inhaftierten, dort 1947 gestorbenen und in einem Massengrab beerdigten Vater, Herzog Joachim Ernst, hat Eduard von Anhalt 2011 einen großen Gedenkstein vor Schloss Ballenstedt gesetzt.

Man muss weder Monarchist noch Anti-Monarchist sein, um zu sehen, dass in Dessau-Ziebigk ein 1958 hergestellter Missstand zu heilen ist. So lange das nicht geschieht, bildet die Totenbrache die Rückseite des Anhalt-Gedenkens in Sachsen-Anhalt.

Das feiert Ende nächster Woche 100 Jahre Kulturstiftung Dessau-Wörlitz. Ein Jubiläum, das sich auf die am 30. Dezember 1918 gegründete Joachim-Ernst-Stiftung beruft, in der unter anderem die Wörlitzer Anlagen, der Georgengarten, die Schlösser Oranienbaum und Wörlitz (seit 1926) - selbstverständlich keinesfalls uneigennützig, aber doch - „zu Gunsten des Anhaltischen Landes“ in öffentliche Pflege gegeben worden waren. Aber wie steht es um die öffentliche Pflege des Andenkens der Anhaltiner?

Seit 2007 engagiert sich in Dessau ein Förderverein für den Erhalt des Mausoleums. Auch die Idee, die Toten irgendwann zurückzuführen, wurde diskutiert. Ein Resultat steht in den Sternen; dem Verein fehlt es an Geld -  und politischer Autorität.

Es wird dauern. Diese Dauer mit Anstand zu überbrücken, wäre möglich. Ein Grabstein kann und darf provisorisch sein. Die Würde der Toten ist es nicht. (mz)