Klappe, die letzte

Klappe, die letzte: Filmvorführer Edmund Lening hat sich vom Kiez-Kino in Dessau verabschiedet

Dessau - Dass der Tag irgendwann kommen würde, an dem er das letzte Mal hinter seinem kleinen Tresen steht, den Eintritt kassiert und kurz vor dem Beginn der Vorführung ein Stockwerk höher geht, um hinter den Kulissen der Leinwand den Film zu starten, das hat Edmund Lening schon lange gewusst. Doch als es diese Woche soweit war, war doch ein seltsames Gefühl ...

Von Danny Gitter 01.06.2019, 07:00

Dass der Tag irgendwann kommen würde, an dem er das letzte Mal hinter seinem kleinen Tresen steht, den Eintritt kassiert und kurz vor dem Beginn der Vorführung ein Stockwerk höher geht, um hinter den Kulissen der Leinwand den Film zu starten, das hat Edmund Lening schon lange gewusst. Doch als es diese Woche soweit war, war doch ein seltsames Gefühl dabei.

Der Filmvorführer des kleinen Kiez-Kinos in der Bertolt-Brecht-Straße geht in den Ruhestand. Am 5. Juni, wird Lening noch einmal im Rahmen des Werkleitz-Festivals den Dokumentarfilm „Göttliche Lage“ präsentieren. Darin werden die Veränderungen eines alten Dortmunder Industriestandorts zu einem luxuriösen Wohnviertel mit Seelage dokumentiert.

Wenn dann nach dem Publikumsgespräch der letzte Gast den kleinen Saal mit 50 Plätzen verlassen und er zwischen den Stuhlreihen gesäubert hat, dann ist endgültig Schluss für den 65-Jährigen. Das Kiez-Kino geht bis zum 31. August in die Sommerpause und wird die Wochen dazwischen wieder mit seinem Open-Air-Kino unterwegs sein - im Schwabehaus, im Tierpark und in Wörlitz.

Die Arbeit im Kiez-Kino nennt Lening „einen seiner größten Glücksfälle im Leben“

Lening, den viele Programmkino-Gänger einfach nur bei seinem Vornamen genannt haben, wird den Sommer mit seiner Frau, den Kindern und Enkeln genießen. „Konkrete Pläne für die Zeit nach dem Kiez-Kino habe ich noch nicht“, sagt Lening. „Etwas für meine Gesundheit werde ich tun und vor allem mehr gemeinsame Zeit mit meiner Frau verbringen. Wir sind ja beide nicht mehr die Jüngsten.“

Die Arbeit im Kiez-Kino nennt Lening „einen seiner größten Glücksfälle im Leben“ - und ist trotzdem froh, dieses Kapitel abschließen zu können. Im Oktober 1996 war der deutschstämmige Spätaussiedler aus Kasachstan mit seiner Frau und den zwei Kindern nach Deutschland gekommen. Es brauchte einige Zeit, bis er in der Fremde endgültig Fuß fasste. Knapp sechs Jahre später bekam er die Chance, beruflich dort anzuknüpfen, wo er in der alten Heimat schon zwei Jahrzehnte Erfahrung sammeln konnte - als Filmvorführer.

Elektrotechniker und Kinomechaniker hat Lening einst gelernt. „Mich hat schon von klein auf interessiert, wie diese Filme auf die Leinwand kommen.“. Je mehr er in die Materie eingestiegen ist, um so gefesselter war er davon. Auch in der neuen Heimat fühlte sich der Spätaussiedler an den Vorführmaschinen im Kiez-Kino gleich zuhause.

Nur an Sonntagen, zu Weihnachten und in der Sommerpause hatte Lening frei

17 Jahre hat er in der Bertolt-Brecht-Straße als Filmvorführer gearbeitet - und war für viele Kinogänger mehr als das. Lening war die gute Seele des einzigen Programmkinos in der Region. Beim Kartenverkauf blieb auch oft Zeit für ein kleines persönliches Gespräch. Für Stammgäste stellte er die Lieblingsbrause kalt. Geduldig wurde gewartet, wenn einzelne Besucher nach den Vorstellungen noch etwas in den Kinosesseln sitzen blieben, um das eben Gezeigte setzen zu lassen. Einen Krankenschein brachte er nie. „Ich konnte doch den Verein und unsere Gäste nicht im Stich lassen. Deshalb war ich für das Kino immer gesund genug, auch wenn ich mich manchmal wirklich nicht so fühlte.“

Nur an Sonntagen, zu Weihnachten und in der Sommerpause hatte Lening frei. Sonst gehörte seine Aufmerksamkeit jeden Tag, von nachmittags bis in den späten Abend, dem Kino. Gemeinsame Theater- oder Fernsehabende mit seiner Frau waren da viel zu selten. Das will er nachholen, genauso wie private Kinobesuche, selbstverständlich in der Bertolt-Brecht-Straße.

Ab September wird es mit einem neuen Filmvorführer weitergehen

„Ab September wird es mit einem neuen Filmvorführer weitergehen“, versichert Burkhard Petersen vom Kiez-Vorstand und tritt damit entschieden Gerüchten entgegen, die durch einen Facebook-Post der Kino-Programmmacher vom 25. Mai ausgelöst wurden. „Wie und ob es mit dem einzigen Programmkino der Region Anhalt im September weitergeht, ist derzeit offen“, wurde dort vermeldet.

„Es gab da einige interne Details zu klären“, bestätigt Petersen. Doch jetzt ist fast alles geregelt. Yamen Al Sharafli, ein junger Syrer, der mit seiner Familie seit einigen Jahren in Dessau-Roßlau lebt und zuletzt für den Offenen Kanal arbeitete, wird der Nachfolger von Lening. „Ich habe ihn eingearbeitet.“ Lening ist überzeugt. „Er wird seine Sache auch gut machen.“ (mz)