Hospizarbeit

Hospizarbeit: Dessauerin erhält das Bundesverdienstkreuz

Dessau - Anja Schneider bekommt das Bundesverdienstkreuz für ihre Arbeit mit Schwerstkranken. Die 47-Jährige saß über 40 Jahre auf der Schulbank.

Von Silvia Bürkmann

Die Geehrten kommen aus Halle und Magdeburg. Und auch die dritte kreisfreie Stadt im Land besetzt einen der vier Ehrenplätze in der Magdeburger Staatskanzlei.

Das Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) Dienstagnachmittag an die Dessauerin Anja Schneider. Der Name der 47-Jährigen ist untrennbar verbunden mit der Hospizarbeit und der palliativen Versorgung Schwerstkranker.

Entscheidend ist das Team

Diese Ehrung macht die Geschäftsführerin der Anhaltischen Hospiz- und Palliativgesellschaft schon sehr stolz. Sie weiß aber, dass hinter dem hohen Orden für die eine Person viele Menschen stehen, ohne die gar nichts laufen würde: die Mitarbeiter im Hospiz, die Weggefährten im Landes- und Bundesverband, die Ehrenamtlichen im Netzwerk der Hospiz- und Palliativbegleitung.

In erster Reihe der Arbeitgeber edia.cob, der Angebote und Leistungen trägt. „Und die Dessauer, die unsere Idee so überzeugt mitleben und gestalten.

Das seit 2007 in der Kühnauer Straße bestehende Anhaltische Hospiz hat einen guten Ruf und Namen. Anja Schneider taucht namentlich immer wieder auf, ohne dass von ihrer Person viel die Rede war. Es ging ja um die Arbeit.

Eine Achterbahnfahrt durch das Berufsleben

Nun aber trägt sie das Bundesverdienstkreuz am Bande an ihrem Sommerkleid und gestattet einen kurzen Rück- und Einblick. Es wird eine Achterbahnfahrt durch Land und Berufsleben.

Geboren in Dessau, aufgewachsen in Oranienbaum und seit Schulanfang „echter Sonnenkopp“ mit sehr ordentlichem Abitur am Philanthropinum (1987 mit Durchschnitt 1,8), war sich die junge Absolventin anfangs nicht ganz schlüssig, wohin ihr Weg sie bringen sollte.

Mit dem Medizinstudium hat sie zwar geliebäugelt, dafür aber reichte der Durchschnitt nicht. Also rückte die dreijährige Ausbildung zur Krankenschwester auf die Agenda, angefangen in Dessau, beendet in Halle.

Dann kam die Zeitenwende in Ostdeutschland und plötzlich war alles in Bewegung. Ist die junge Schwester Anja ausgeschert, als sie 1990 zur Bankausbildung ins Ruhrgebiet wechselte? „Ich wollte in der neuen Zeit viel Neues lernen. Wollte verstehen, wie Marktwirtschaft funktioniert jenseits alter Lehrbücher. Die Banklehre in Bochum war sehr nützlich für wirtschaftliches Grundverständnis.“

Die Liebe zur Krankenpflege

Nach dem kaufmännischen Abschluss aber meldete sie sich wieder: Die Liebe zur Krankenpflege. Und sie war wieder da: Schwester Anja. Die bald aufstieg zur Stationsschwester. Und erfuhr, dass die katholische Fachhochschule in Köln ein berufsbegleitendes Studium im Pflegemanagement anbot.

Die Dessauer „Weltenbummlerin“ war dabei. Und sah einen Traum Gestalt annehmen: an eine Stelle zu rücken, wo sie selbst die Arbeit definieren, organisieren und gestalten kann. Und geeignete Rahmenbedingungen abstecken kann.

In diesem Lebensabschnitt erscheint das Bild vom Hospiz- und Palliativdienst vor Schneiders persönlichem Horizont. Die Kölner Studentin las vom „Leuchtfeuerhospiz Hamburg“, wo ein Pflegedienstleiter gesucht wurde.

Versuch’s doch, sagte sich die junge Frau. Und wurde prompt genommen. „Das war ein ganz verrücktes Jahr: Da habe ich in Bochum gewohnt, in Köln studiert und in Hamburg gearbeitet“, erinnert sich „Frau Überall“. Die frisch gebackene Gesundheitsmanagerin stieg dann ein in der Betriebskrankenkasse des Bundesverkehrsministeriums.

„Aber das war mir zu trocken.“ Die Rechnerei mit Zahlen war nach einem Jahr beendet, „weil ich den Kontakt vermisste zum Patienten, zu Angehörigen und Kollegen.“ Anders wurde es wieder, als im Friederikenstift in Hannover eine Palliativeinheit aufgebaut wurde und die Ur-Dessauerin zur rechten Zeit am richtigen Ort war.

Ihr Credo: Begleitung zu würdevollem Lebensende

Nicht allein die praktische Arbeit trieb sie um. An der Seite von Professor Rochus Allert arbeitete sie wissenschaftlich an einer bundesweiten Studie zu „Erfolgsfaktoren der Hospizarbeit“.

Das Credo ist für Anja Schneider die Begleitung zu würdevollem Lebensende und Sterben am Ort, wo es der Scheidende und die Familie wünschen.

Ambulant, stationär oder ehrenamtlich betreut in der Häuslichkeit. „Das alles ist möglich und in der Anhaltischen Hospiz- und Palliativgesellschaft gelebter Alltag“, sagt die Geschäftsführerin zufrieden.

Hochzeit 2007 in Dessau

Nach Dessau geführt hat es sie 2004 wieder. Hier waren Familienbande zu knüpfen mit Jens-Erik. Beide Jugendfreunde hatten sich 20 Jahre nie ganz aus den Augen verloren, haben 2007 geheiratet und sind heute Eltern der dreieinhalbjährigen Helen.

Noch einen wichtigen Eintrag hat die Vita von Anja Schneider: Über 40 Jahre saß sie auf der Schulbank, beim Studium oder Weiterbildung. Und hat sich einen Doktorhut aufgesetzt. Nach dem Masterstudiengang in Koblenz für Pflegewissenschaft belegte die Dauerstudentin den berufsbegleitenden Promotionsstudiengang. (mz)