Gedenkfeier für Yangjie Li

Gedenkfeier für Yangjie Li in Dessau: Eltern schreiben bewegenden Brief

Dessau-Roßlau - Ermordete Yangjie Li - So emotional richten sich die Eltern an ihre tote Tochter

12.05.2017, 17:47

Vor einem Jahr wurde die chinesische Studentin Yangjie Li in Dessau-Roßlau brutal ermordet. Am Freitag ließen die Eltern bei der Gedenkfeier einen Brief an ihre tote Tochter verlesen. Die MZ lässt ungekürzt die Eltern zu Wort kommen. Es sind Zeilen der Trauer - aber auch Sätze der Wut:

An unseren Sonnenschein Yangjie, heute ist es ein Jahr her, dass wir dich verloren haben. Wir können es einfach nicht verstehen, dass du nicht mehr bei uns bist. Du bist so weit weg, doch so nah.

Dieser Tag ist so schwer für uns. Wir haben für dich deine Lieblingsspeisen vorbereitet, denn du musst auf dich aufpassen. Achte auf dich und bitte erfülle uns einen Wunsch und sei immer glücklich.

Vor einem Jahr bist du gegangen, wie geht es dir im Himmel? Alleine musstest du gehen. Wir vermissen dich in jeder einzelnen Sekunde an jedem Tag und denken an die Zeit, wo du noch unter uns warst. Das ist so schwer und traurig für uns.

"Wir können nicht aufhören zu weinen"

Jedes Mal wenn wir dein Zimmer sauber machen und dort verweilen, können wir nicht aufhören zu weinen. Wir liegen auf deinem Bett und spüren deinen Atem, stellen uns vor, wir sprechen mit dir. Warum kannst du nicht einfach zu uns kommen und sagen: „Mama, Papa, ich bin wieder da?“

Was für ein kleines, süßes Mädchen du warst, unser Schatz, unser Engel, unser einziges Bisschen. Wir lieben dich so sehr, du bist immer in unserem Herzen.

Yangjie, vor einem Jahr bist du gegangen, aber wir haben nichts an deinem Zimmer verändert und können das auch nicht. Auf deine hart erarbeiteten Urkunden, auf die wir alle so stolz sind, passen wir behutsam auf.

Im Oktober 2014 bist du nach Deutschland geflogen. Wir erinnern uns noch sehr gut an diese Nacht am Bahnhof. Wir weinten viel, aber wünschten dir alles Gute für deinen Weg, für dein Studium und deine Zukunft.

Niemand von uns wusste, dass es das letzte Mal sein würde, dass wir uns sehen werden. Niemand wusste, dass diese Entscheidung, dich gehen zu lassen, das Ende unseres glücklichen Daseins sein wird. Wenn wir das gewusst hätten, hätten wir unzählige Gründe gefunden, dich nicht gehen zu lassen. "

"Wir machen uns Vorwürfe: Wir hätten gemeinsam so glücklich werden können"

Wir machen uns Vorwürfe, dass wir dich nicht aufgehalten haben. Du hättest deine eigene kleine Familie gründen können: Kinder haben, dein eigenes Haus, Arbeit hättest du auch gefunden. Wir hätten gemeinsam so glücklich werden können. Aber nun bleibt dir alles verwehrt. 

An dem Tag, an dem wir mit deiner Asche Dessau verlassen wollten, traten wir aus der Tür und plötzlich begann ein schwerer Hagel. Ein Zeichen hast du uns damit gesendet. Yangjie, du wolltest nicht gehen, du konntest nicht mit uns nach Hause, nach China zurück.

Am 11. Mai im vergangen Jahr bist du wie üblich Joggen gegangen. Nur ein paar Meter von deinem Zuhause entfernt bist du in die Falle kranker Menschen gelaufen und wurdest kaltblütig ermordet.

Wie kann das sein? Eine Frau täuscht dir etwas vor und lockt dich in ein Haus, ein Mann hält dich fest und zwingt dich mit Gewalt zu bleiben. Du kannst nicht fliehen. Sie verletzten dich immer brutaler, mehr und mehr und foltern dich auf das Bestialischste. Sie rauben dir deine Würde, deine Träume und lassen dich dann eiskalt sterben.

Du wurdest als ihre Geisel gehalten und musstest Höllenqualen erleiden, ohne eine Chance zu entkommen. Nichts hat sie aufgehalten, weder deine Hilflosigkeit noch deine Schmerzen. Wir können das nicht fassen und diese Kultur nicht verstehen.

Du musstest wegen ihnen diese Erde, deine Familie und deine Freunde verlassen. Eine Welt, in der wir dich nicht mehr haben. Beide haben dich missbraucht. Beide sind junge Leute, so wie du, doch sie sind pervers und haben dich brutal ermordet. 

"Oberstaatsanwalt wiederholte stumpf die Lügen der Mörder"

Aber dieser Schmerz reichte nicht. Obwohl damals schon genug Beweise gegen die Behauptungen der mutmaßlichen Mörder vorlagen, wiederholte der Oberstaatsanwalt Bittmann mehrfach stumpf und ausschließlich die Lügen der Mörder in einer Pressekonferenz.

Für Yangjies Unschuld hatte er keinen Satz übrig. Wir waren fassungslos. Ein weiterer tiefer Schlag für uns. Die Medien und die Öffentlichkeit wurden dadurch in die Irre geführt und verblendet.

Wir akzeptieren nicht, dass dein Ruf sogar nach deinem Tod zu Unrecht geschändet wird. Wir setzten uns für dich zur Wehr und schrieben etliche Beschwerdebriefe an die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, an die Justizminister Anne-Marie Keding mit Durchschlag an die chinesische Botschaft.

Aber als Abweisung unserer Beschwerde zitierte der Generalstaatsanwalt Jürgen Konrad uns einige Passagen aus dem deutschen Gesetzbuch. Er wollte uns beweisen, dass der Oberstaatsanwalt gegen kein geltendes Gesetz verstoßen hätte. In seiner Antwort bezieht er sich auf die Pflicht, der Öffentlichkeit eine ausgewogene Darstellung geben zu müssen. Aber genau die gab es nicht. Sein Schreiben stellt keine Gerechtigkeit wieder her.

"Es sei normal, dass in Deutschland die Opfer beschädigt würden"

Es gibt ethische Normen, aber wo sind hier diese? Der Generalstaatsanwalt verweist auf die Presse als Verursacher und bezieht sich auf das Grundrecht der Pressefreiheit. Sie sei schuld und es sei nicht verboten.

Aber nicht die Medien, sondern der Oberstaatsanwalt hat die verunglimpfende Darstellung des Mordfalls in die Öffentlichkeit gebracht. Er wollte erklären, es sei normal, dass in Deutschland die Opfer beschädigt würden. Aber der Generalstaatsanwalt wendet das Recht der Meinungsäußerung einseitig auf die Oberstaatsanwaltschaft an, also nur das Recht der mutmaßlichen Mörder. Er hätte diese Lügen nicht verbreiten dürfen.

In China haben wir eine Kultur, die sich des Trauernden annimmt. Wenn ein schreckliches Verbrechen von einem Familienmitglied begangen wird, schämen wir uns dafür. In Deutschland feiern stattdessen die Eltern der mutmaßlichen Mörder, der Dessauer Polizeichef und seine Frau, eine ausgelassene Party. Sie ignorieren selbst ihr eigenes Kind, das gerade ins Gefängnis gegangen ist.

"Wir haben deine Asche auf dem Schoß und sehen sie bei Youtube schunkeln - Wir verstehen das bis heute nicht"

Wir haben deine Asche auf dem Schoß und sehen sie auf Youtube schunkeln. Ein deutsches Verwaltungsgericht findet das gut und spricht sie von jeglichen Vorwürfen frei. Wir verstehen das bis heute nicht.
Yangjie, du warst immer ein fleißiges Mädchen. Von der Grundschule bis hin zum Studium, hattest sogar ein Stipendium und bist dann im Oktober 2014 nach Deutschland gegangen, um weiter hart zu studieren.

Seitdem du in Deutschland angefangen hattest zu studieren, hattest du immer von dem Land der Zivilisation gesprochen: Die Menschen sind dort sehr nett und freundlich. Das Land ist so naturnah und der Himmel hat ein ganz besonders Blau. Viel hast du immer fotografiert, besonders die Landschaft und auch deine neue Heimatstadt Dessau. Wahrscheinlich ist es genau deswegen, dass du nicht mehr aufgepasst hast, vielleicht hast du uns nur Gutes erzählt, damit wir beruhigt sind.

In deinen letzten Winterferien wolltest du nach Hause fliegen, uns sehen. Aber es war nur noch ein halbes Jahr vor deinem Abschluss und wir hatten große Sorgen, da du diesmal allein fliegen müsstest. Auch wäre dieses sehr teuer geworden.

Niemals hätten wir gedacht, dass dir so etwas Schlimmes passieren würde. Wie oft hast du uns Pakete aus Deutschland mit vielen Lebensmitteln geschickt. Immer wenn wir diese sehen und daran denken, werden wir sehr traurig. Wir können es einfach nicht beschreiben, wie fassungslos wir sind.

Yangjie, es ist schon ein Jahr her, dass du gehen musstest. Dieses Jahr ist das schlimmste und traurigste Jahr in unserem gesamten Leben. Wir vermissen dich so sehr. Wie oft blättern wir in deinem Fotoalbum und schauen uns Foto für Foto an.

"Wir haben dein Tagebuch gefunden: Ununterbrochen hast du es gefüllt, bis zum Morgen des 11. Mai 2016"

An jedem Foto hängt ein Teil von dir. Eine Geschichte, eine Situation, in der jedes einzelne Bild von dir wieder lebendig wird. Doch was nun nur noch bleibt, ist die Erinnerung an die gemeinsamen guten Zeiten, die wir hatten.

Wir haben in deinem Zimmer in Dessau dein Tagebuch gefunden. Ununterbrochen hast du es immer geführt und mit vielen Erlebnissen gefüllt bis zum Morgen des 11. Mai 2016. Du hattest Träume und deine Pläne nach dem Studium.

An einem Marathon wolltest du teilnehmen, sobald du wieder in China bist. Mit uns zusammen wolltest du ins Ausland reisen, die verschieden Kulturen kennenlernen, die Landschaften und die Städte betrachten. Jedes Mal hast du geschrieben, dass du uns sehr vermisst. Dieses zu lesen, hat unsere Herzen gebrochen.

Diese bewegenden Zeilen der Eltern haben chinesische Studenten am Freitag verlesen. An jenem Ort in Dessau, an dem  die 25-jährige Yangjie Li am 13. Mai 2016 missbraucht und ermordet gefunden worden war. 

In  der chinesischen Trauerkultur  glaubt man, dass  die Seele eines Toten  nach einem Jahr an den Sterbeort zurückkehrt:  Mit ihrem Brief sprechen die Eltern ihr Kind deshalb direkt an.

Und zeichnen ein Bild ihrer Tochter, wie sie in Erinnerung bleibt - kreativ, leidenschaftlich und liebevoll. Als eine junge Frau, die zielstrebig war und sich ihre Zukunft genau ausgemalt hatte.

Die Eltern  sprechen vom eigenen Leben in China, das nach dem unfassbaren  Verlust keines mehr  ist. Die Zeilen erneuern aber auch die Vorwürfe an die örtlichen Behörden in Dessau.

Misstrauen gegen die Rechtsstaatlichkeit in Deutschland

Die Eltern sind weit weg in der chinesischen Provinz Henan. In Dessau wird der Mord an ihrem Kind vor dem Landgericht verhandelt, der Prozess  steht vor dem Abschluss.

Es spricht Misstrauen gegenüber der Rechtsstaatlichkeit in Deutschland aus dem Brief. Dass ein Oberstaatsanwalt die Ehre ihrer Tochter beschädigt hatte, indem er die Version der mutmaßlichen Täter von freiwilligem Sex zu Dritt verbreitete, hat die Familie tief verletzt.

Trotzdem formulieren sie die Hoffnung, dass die mutmaßlichen Täter  nach  höchstem Strafmaß verurteilt werden. (mz)

Du bist so kreativ, so leidenschaftlich, so gefühlvoll. In den Ferien hilfst du uns immer bei der Hausarbeit. Nach dem Unterricht gibst du Nachhilfe für das kleine Nachbarskind. Du liebst so sehr den Sport, du bist sehr gutmütig. Du hast sehr hart für dein Studium gearbeitet und hattest so viele Erwartungen und Hoffnungen für deine Zukunft.

Du wollest einen guten Job finden, um Geld zu sparen. Für die freie Zeit war schon die Doktorarbeit geplant. Du hast uns sehr oft davon erzählt. Dein Wunsch war es, später dein eigenes Haus mit speziellen Fitnessbereichen zu bauen. Es sollte ein Studierzimmer besitzen, ein Klavier sollte sich im Wohnzimmer befinden. Dein Entwurf war so schön und elegant. Aber nun kannst du das nicht mehr erreichen.

"Wir können dich nicht mehr glücklich sehen, weil zwei Dämonen dein Leben beendeten"

Wir können dich nicht mehr glücklich sehen, weil zwei Dämonen dein Leben beendeten. Wir haben dich für immer verloren, wir wissen nicht, wie unser Leben ohne dich weiter gehen soll. Ein Jahr ist es nun her. Wir möchten dir noch so viel erzählen und sagen, aber wir können die Trauer und unsere Tränen einfach nicht steuern.

Wir schreiben dir diesen Brief schon seit langer Zeit und müssen immer und immer wieder aufhören, weil das Papier durch unsere Tränen völlig durchnässt wird. Wir können nicht mehr klar denken, wissen oft nicht, wie wir unsere Trauer in Worte fassen sollen.

Deutschland ist für uns ein Land der Rechtsstaatlichkeit und deshalb glauben wir, dass es nicht so leicht sein wird, dass manche Menschen so einfach das Gesetz manipulieren können. Nach den Angaben der Medien und die des Rechtsanwalts ist die Beweisaufnahme im Wesentlichen abgeschlossen.

"Bitte, bitte, lassen Sie unsere Tochter ein Stück weit Gerechtigkeit widerfahren"

Nun muss das Gericht den Fokus auf die Mörder verschärfen und schnellstmöglich die härteste Strafe nach dem Gesetz fällen.

Und bitte, bitte, lassen Sie unsere Tochter ein Stück weit Gerechtigkeit widerfahren und stellen Sie ihre Unschuld wieder her. (mz)