Ein Konzertabend der Laut gewordenen Illusionslosigkeit

DESSAU/MZ. - Das "New Old Luten Trio" bekommt Beifall und Geld. Fakt ist: Was Ernst-Ludwig Petrowsky an der Seite zweier Newcomer in diesen anderthalb Stunden seinem Publikum aufbürdete, verlangte starke Nerven und große ...

Von UTE VAN DER SANDEN 22.01.2009, 19:47

Das "New Old Luten Trio" bekommt Beifall und Geld. Fakt ist: Was Ernst-Ludwig Petrowsky an der Seite zweier Newcomer in diesen anderthalb Stunden seinem Publikum aufbürdete, verlangte starke Nerven und große Toleranz.

Am Mittwoch führte der mittlerweile 75-jährige Saxofonist - das Trioprojekt mit dem ironischen Namen schenkte er sich selbst zum Geburtstag - auf der Bauhausbühne vor, wie viel Mut in der Zumutung steckt. Mut zum Extremen, zur Freiheit, zum Verzicht auf diplomatische Kompromisse.

So sieht es aus: Luten bläst Saxofon, Klarinette, Quer- und Hirtenflöten, teilweise gleichzeitig. Dazu dreschen Pianist Elan Pauer und Christian Lillinger auf den Flügel, das Schlagzeug und weitere Dinge ein, die Geräusche machen: Kaffeedosen, Aschenbecher, Blechröhren. Hände fliegen, rasend repetierend, über die Tastatur, packen metallene Gegenstände quer über die Klaviersaiten, schwenken bedeutungsvoll Drahtknäule, Klappern und Glöckchen. Leere Plastikflaschen knacken unter Füßen, Fingernägel schrappen über Klangflächen. Es wird gewischt, gerührt, geknallt und geballert. Sticks geraten außer Kontrolle und schwirren durch den Raum, aber Luten hebt sie wieder auf.

Und so hört es sich an: ein Tornado, der die Parameter von Tonalität und Polyphonie, Harmonie und Melodie mit sich reißt. Die Laut gewordene Desillusionierung, körperlich fassbar über den Schmerz und die Faszination. Der anarchische Puls unserer Zeit, wirre Spuren, die er auf Seelen hinterlässt, in kompakte Klangflächen übersetzend. Während Petrowsky per Zirkularatmung Luft in die Lungen pumpt, produziert sein Instrument Endlosschreie. Quetscht sich zwischen den Dauerexplosionen ab und an doch ein Bluesschema heraus oder ein Melodiefetzen, klingen sie wie vom Güterzug zerwalzt.

Jetzt kommt mal runter, Jungs, wünscht das Ohr, bis es merkt: Die meinen das tatsächlich so. Das Unvorhergesehene, wahrhaftig Improvisierte, räumt Petrowsky in einer kurzen Ansprache ein, sei "sehr anstrengend, aber auch ehrlich". Die Kollegenschelte, darin er erklärte, was von den vermeintlichen Improvisationen jener Musiker zu halten sei, die ihre Soli vorstudierten, wurde ihm verziehen.

Sein zeternder Experimentaljazz, die ausgezeichnete Interaktion mit Eleven, die seine Enkel sein könnten, aller Dreistigkeit und Entschlossenheit - interessant ist das schon. Brillant gespielt auf jeden Fall. Perfekt verortet an dieser Stelle. Aber wer will es wirklich hören? Nun, nur wenige der immerhin rund 60 Gäste verließen vorzeitig die Aula. Die anderen applaudierten. Sorgte doch der Alt-Jazzer neben einem denkwürdigen Konzerterlebnis auch für den Beweis, dass man mit wachsender Anzahl von Lebensjahren nicht zwangsläufig dem Mainstream verfallen muss. Und das ist doch eine wunderbare Anschauung. Oder!