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Ehrgeiziges ProjektEhrgeiziges Projekt: Student entwirft virtuellen Stadtrundgang durch Dessau von 1910

Dessau - Am Computer und mit dem richtigen Programm wird Unmögliches wahr: Die historische Altstadt von Dessau entsteht neu. In räumlicher 3D-Optik erwachsen auf dem Schlossplatz im Schatten der Marienkirche die Marktbuden wieder und neben dem Lustgarten die Giebelhäuser. Die auf alten Karten nur handtuchschmale Kernstadt im heutigen Bereich um Schloss, Markt und Zerbster Straße baut ein ehemaliger Architekturstudent ...

Von Silvia Bürkmann 15.08.2017, 08:49

Am Computer und mit dem richtigen Programm wird Unmögliches wahr: Die historische Altstadt von Dessau entsteht neu. In räumlicher 3D-Optik erwachsen auf dem Schlossplatz im Schatten der Marienkirche die Marktbuden wieder und neben dem Lustgarten die Giebelhäuser. Die auf alten Karten nur handtuchschmale Kernstadt im heutigen Bereich um Schloss, Markt und Zerbster Straße baut ein ehemaliger Architekturstudent nach.

Und das ist einmal kein Dessauer. Auch Alexander Jäckel war einer von denen, die zum Ende des Seminars den schnellsten Weg zum Bahnhof im Kopf hatten, um flott nach Hause zu kommen. Der in Halle geborene und im Saalkreis Beheimatete hat von 2012 bis 2016 Architektur in Dessau studiert, mit dem Bachelor abgeschlossen und anschließend ein zweijähriges Masterstudium in Halle zur Denkmalpflege aufgesattelt. „Ich habe zwar vier Jahre in Dessau gewohnt, aber die Stadt lange Zeit gar nicht wahrgenommen. Für mich hatte sie einfach ihr Gesicht verloren. Als ich sehr gute Fotografien vom alten Dessau vor 1945 sah, habe ich erst mal gar nicht wahrhaben wollen, wie schön, groß und bedeutend diese Stadt doch einmal war. “

In Dessau „verguckt“

Und über die alten Fotos hat sich der Hallenser tatsächlich in Dessau „verguckt“. Und ziemlich gründlich. Denn vor zwei Jahren begann Jäckel sporadisch damit, die „Altstadt“ von Dessau nachzubauen. Seine virtuelle Wanderung führte von der Steinstraße über das Schloss zum Schlossplatz. Hintergrundwissen lieferte die von ehemaligen Kommilitonen der Vermessungstechnik ins Internet gestellten Karten von Dessau um das Jahr 1910. Diese Unterlagen grundieren die Hobby-Bastelei am Computer mit originalen Maßzahlen. Und geben dem alten Dessau sein Gesicht zurück.

Als Haupt- und Residenzstadt des Herzogtums Anhalts konnte Dessau einst mit prächtigen Bauten aufwarten. Mit den Luftangriffen der Alliierten im Zweiten Weltkrieg wurde jedoch ein Großteil davon zerstört oder stark in Mitleidenschaft gezogen. Bei einem Tagangriff am 28. Mai 1944 flogen die Bomben beispielsweise auf das Palais Reina (Anhaltische Gemäldegalerie), die Johanniskirche, die Hauptwache am Schlossplatz, die Orangerie am Lustgarten, die Marienkirche und die Löwen-Apotheke. Den schwersten Luftangriff erlebte Dessau schließlich am 7. März 1945.

Intensiv hat sich der heute 30-jährige Architekt mit der Dessauer Synagoge beschäftigt. Mit dem Neubau des jüdischen Gotteshauses (1906 bis 1908) verband nun die Steinstraße als Achse zwei prachtvolle Gotteshäuser gleichberechtigt miteinander: Die Schlosskirche St. Marien als Hauptkirche der Stadt mit ihrem mächtigen Turm und die Synagoge in neoromanisch-byzantinischen Formen.

Besonderen Spaß hatte der virtuelle Baumeister auch bei der Wiedererrichtung des „Goldenen Beutels“. Dieses beim Bürgertum und den Marktbesuchern sehr beliebte Gasthaus wuchs seit 1746 immer weiter in die Höhe, bis es zum sechsgeschossigen Bau hochgearbeitet hatte und als das größte Hotel in der Residenzstadt galt. „Aber ,Goldener Beutel’? Auf welche Namen die Leute doch so gekommen sind“, staunt Alexander Jäckel lachend. Der Gastwirt hatte wohl nichts einzuwenden...

Noch mehr ist geplant

Peu à peu tastet sich der Hallenser weiter durch die Dessauer Baugeschichte. Die Zerbster Straße könne wohl bis zur heutigen Poststraße nachgebaut werden. Westlich davon hat Jäckel noch das erbprinzliche Palais Reina und späteren Sitz der Anhaltischen Gemäldegalerie am Stadtpark vor sich. „Irgendwann einmal will ich den Dessauer Innenstadtring ja auch fertig bekommen.“ Dann wäre auch ein virtueller Stadtrundgang möglich, kennt Jäckel faszinierende Beispiele aus Leipzig und Frankfurt am Main: „Da kann man im 360-Grad-Blick die Stadt rund um sich angucken und entdeckt den historischen Bezug dann hautnah.“

Unter Zeitdruck setzt sich der Masterstudent keineswegs. Geht seinem Hobby nach, wenn er Zeit und Laune hat. Auch will er keine Diskussionen anstiften um schöne Rekonstruktionen der „guten, alten Zeit“. Nur den heutigen Bürgern der Stadt Gedankenspiele und Ansichten ermöglichen, an welchen einstigen Stätten sie vorbeigehen, wenn sie beispielsweise zum Rathaus-Center eilen. „Der Stadt ihr Gesicht wiedergeben, das hat Dessau verdient.“ (mz)