Ärger um AfD-Prinz

Ärger um AfD-Prinz: Adelsfamilie von Anhalt sieht ihren Namen "Anhalt-Dessau" missbraucht

Dessau - Ein bayerischer Prinz von Anhalt-Dessau will in den Bundestag. Doch die Adelsfamilie zweifelt an dem Titel - und sieht ihren Namen missbraucht.

Von Lisa Garn

Die Visitenkarte macht Eindruck. Eine Krone prangt ganz oben, eine Adresse auf Malta ist angegeben. Besonders schmückend aber ist der Name: Constantin Prinz von Anhalt-Dessau.

Der 69-Jährige wohnt am Tegernsee in Bayern und ist Direktkandidat für die AfD im Kreis Oberbayern-Süd. Auf der Internetseite seiner Partei ist ein eindrucksvoller Lebenslauf des AfD-Kreischefs zu sehen. Doch in der Öffentlichkeit und in der eigenen Partei wirft die Biografie Fragen auf. Auch in Dessau, einer Heimatstadt des Hauses Anhalt, gibt es Zweifel.

Eduard Prinz von Anhalt bezweifelt, dass der Mann ein gebürtiger Adliger ist

Eduard Prinz von Anhalt, Oberhaupt des traditionsreichen Adelsgeschlechts, bezweifelt, dass der Mann aus Bayern ein gebürtiger Adliger ist. Unter der Schlagzeile „Die AfD und ihr dubioser Politiker-Prinz vom Tegernsee“ hatte der „Münchner Merkur“ über die schillernde Persönlichkeit berichtet. Darin hatte der Politiker behauptet, den adeligen Namen von seiner Mutter angenommen zu haben. Die sei eine geborene von Anhalt, „ganz direkte Linie“. Er selbst kenne „Eduard“, man sei sich bereits begegnet.

„Dann müssen wir an verschiedenen Tischen gesessen haben“, sagt dagegen Eduard Prinz von Anhalt. Er ist direkter Nachkomme des letzten regierenden Herzogs von Anhalt, Chef des Hauses Anhalt-Askanien und hat einen Zweitwohnsitz in Dessau.

„Ein Herr mit diesem Namen ist mir nie begegnet. Es ist unmöglich, dass er ein gebürtiger von Anhalt ist, erst recht kein von Anhalt-Dessau.“ Der Name Anhalt-Dessau sei 1863 nach der Vereinigung aller anhaltischen Herzogtümer nicht mehr geführt worden, es blieb nur noch der Zusatz „Anhalt“ übrig. „Ich ärgere mich immer wieder, dass unser Titel missbraucht wird - und nun auch noch von einem aus der AfD“, sagt das Familienoberhaupt.

Ist der Titel gekauft oder durch Adoption oder Ehe erworben?

Der bayerische Prinz könne nur auf zwei Wegen zu seinem Namen gekommen sein. „Entweder er hat ihn gekauft“, so der Anhalt-Chef. Aber dann dürfte er nicht im Pass stehen. „Oder er hat ihn durch Adoption oder Ehe erworben.“

Das halte er für sehr wahrscheinlich. Und tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass der Mann aus Bayern als Erwachsener von einer Schwester des Clan-Chefs adoptiert worden ist. Er behielt zunächst seinen Namen, nannte sich seit den 70er Jahren aber von Anhalt, führt nun noch den Zusatz „Dessau“ und änderte auch seinen Vornamen.

Für Eduard Prinz von Anhalt ein Unding: „Wenn ich ständig meinen Namen und damit auch eine Identität ändere, dann ist doch etwas oberfaul. Was will er denn verstecken?“ Und er bleibt dabei: „Der Mann gehört nicht zu unserem Haus. Er ist adoptiert und nicht echt.“

Constantin Prinz von Anhalt-Dessau ist nachweislich kein gebürtiger Nachfahre der Adelslinie

Auch im Deutschen Adelsarchiv in Marburg ist der Name Constantin Prinz von Anhalt-Dessau nicht bekannt. Die Stiftung führt in Zusammenarbeit mit den Adelsverbänden unter anderem eine Aufstellung darüber, wer zum historischen Adel gehört. „Gelistet sind gebürtige Nachfahren einer Linie“, heißt es auf Anfrage. „Im Fall des Herrn aus Bayern kann ausgeschlossen werden, dass er gebürtig zum Haus Anhalt gehört.“

Die Weitergabe des Namens durch Adoption stößt im Haus Anhalt schon seit Jahren bitter auf. Es begann vor Jahrzehnten mit Prinz Frederic von Anhalt, der sich nicht nur in TV-Shows als Enfant terrible zeigte. „Er allein hat viele weitere Personen adoptiert. Wir sind zwölf gebürtige Anhalts gegenüber 80 falschen. Unser historischer Name wird in den Dreck gezogen.“

Die Vorfahren der von Anhalts haben über 800 Jahre große Teile des heutigen Ostdeutschlands regiert. Das Land Sachsen-Anhalt trägt seinen Namen nicht zufällig.

Constantin Leopold Prinz von Anhalt-Dessau findet die Berichterstattung über sich „äußerst ärgerlich“

Zu Beginn habe man noch Anwälte eingeschaltet - ohne Erfolg und mit hohen Kosten. „Wir können schwer verfolgen, wer wo unseren Namen angenommen hat“, sagt Eduard Prinz von Anhalt. „Und wir können uns leider auch nicht wehren. Mir bleibt nur, das locker zu nehmen, sonst wächst sich der Ärger zu sehr aus.“

Den Vorwurf, ein falscher Prinz zu sein, will sich der Prinz aus Bayern jedoch nicht gefallen lassen. Er sieht sich zu Unrecht als Hochstapler an den Pranger gestellt. Auf MZ-Nachfrage will er sich offiziell nicht äußern und verweist auf die Presseabteilung der AfD. Die aber gab auf Fragen bisher keine Antwort. Constantin Leopold Prinz von Anhalt-Dessau findet die Berichterstattung zu ihm „äußerst ärgerlich“. Dass sich der Chef des Hauses Anhalt von ihm distanziert, versteht der Bayer nicht.

Ein schillernder Lebenslauf für den Prinzen

Auf der Internetseite des AfD-Kreisbandes hatte er seinen Ausweis abdrucken lassen - als Beweis. Zu sehen ist der Name Constantin Leopold Prinz von Anhalt, ohne den Zusatz „Dessau“. „Es ist in der Adelsfamilie recht üblich, dass dieser Namenszusatz verwendet wird“, wird erklärt.

„Im juristischen Sinne ist dieser aber nicht Teil des Namens, weshalb er in amtlichen Dokumenten fehlt.“ Unbewiesen bleibt aber die angeblich direkte Linie mit dem Hause Anhalt. Auch der Zusatz Dessau erschließt sich nicht.

So schillernd wie der Name klingt aber auch der Lebenslauf: Studiert hat Constantin Leopold Prinz von Anhalt-Dessau Kunst an der „Famous Art School International“ in München und Wirtschaft, ist rumgekommen in der Welt. Sogar im Auktionshaus Sotheby’s in New York hat er gearbeitet, ein Kosmetikunternehmen gegründet und jahrelang auf Malta gelebt. Außerdem ist er Sonderbotschafter im britischen Johanniterorden „Order of Saint John“.

AfD-Prinz kandidiert in Oberbayern

Dass die Angaben frisiert sind, weist der Kreisverband aber scharf zurück und hält an seinem Kandidaten fest. „Mein Ziel ist der Bundestag“, sagt denn auch Constantin Leopold Prinz von Anhalt-Dessau.

Das müsste er dann über das Direktmandat in seinem Wahlkreis schaffen. Der AfD-Landesverband Bayern hat bisher neun Plätze für die Landesliste vergeben - der Name des bayerischen Prinzen fehlt darauf. (mz)

Der Name Anhalt-Dessau steht für eine der vier Linien des Hauses Anhalt, die sich mit der Landesteilung von 1603 bildeten. Die Linie Anhalt-Zerbst starb 1793, die Linie Anhalt-Köthen 1847 aus, die Gebiete wurden unter den verbliebenen Linien aufgeteilt. Nach dem kinderlosen Tod des Herzogs Alexander Carl von Anhalt-Bernburg 1863 blieb nur noch die Linie Anhalt-Dessau, die dann das gesamte Anhalt regierte und sich als Haus Anhalt bezeichnete.

Eine formelle Abschaffung des Titels Herzog von Anhalt-Dessau gab es nicht, aber da die Linie Anhalt-Dessau nach 1863 Gesamtanhalt regierte, wurde der Titel Anhalt-Dessau nicht mehr geführt.