Hebammen-Mangel eskaliert

Hebammen-Not in Sachsen-Anhalt: Kreißsaal in Bitterfeld schließt für drei Wochen

Bitterfeld - Die Hebammen-Not in Sachsen-Anhalt eskaliert.

Von Ralf Böhme 01.08.2017, 09:30

Viele schwangere Frauen in der Region Bitterfeld-Wolfen, die ihr Kind in nächster Zeit erwarten, sind beunruhigt. Auslöser ist die zunächst bis 17. August befristete Schließung des Kreißsaales im Gesundheitszentrum der Stadt. Damit rückt eine Entbindung in der Nähe des Wohnortes für die Betroffenen in weite Ferne.

Klara Heinrich aus Raguhn (Landkreis Anhalt-Bitterfeld) ist eine der besorgten Frauen, die sich nun umorientieren müssen. „Unsicherheit ist das Letzte, was ich kurz vor den Wehen brauche.“ Sie müsse nun nach Dessau, Halle oder Leipzig fahren. So eine Entscheidung falle ihr in keinem Fall leicht. „Denn je weiter der Weg bis zum Kreißsaal, desto höher ist doch das Risiko für Mutter und Kind“, sagt die junge Frau.

Das Problem längerer Fahrten bis zur Geburtsklinik betrifft viele Gebiete in Sachsen-Anhalt. Nur noch 22 der 48 Krankenhäuser im Land verfügen über eine eigene Entbindungsstation. Das sind neun derartige Einrichtungen weniger als noch im Jahr 2.000, trotz der seit einiger Zeit steigenden Baby-Zahlen. In diesem Jahr werden in Sachsen-Anhalt mehr als 17.000 neue Erdenbürger erwartet.

Hebammen erkrankt: Kreißsaal in Bitterfeld schließt vorrübergehend

Grund der Schließung in Bitterfeld-Wolfen ist nach den Worten von Geschäftsführer Norman Schaaf die gleichzeitige Erkrankung mehrerer Hebammen. Mit dem verbliebenen Personal lasse sich das erforderliche Dienstsystem nicht sicher aufrechterhalten. Bemühungen, andere Hebammen aushilfsweise zu gewinnen, seien gescheitert. Entsprechende Fachkräfte fehlten auf dem Arbeitsmarkt. Aus diesem Grund könnten momentan nur Kaiserschnitt-Entbindungen angeboten werden.

Laut Statistischem Landesamt arbeiten in Sachsen-Anhalt insgesamt 259 Hebammen. Das sind zu wenige, meint der Hebammenverband und warnt bereits seit längerem vor einer drohenden Unterversorgung. Vor allem auf dem Lande gerate das Recht einer werdenden Mutter auf die freie Wahl des Geburtsortes in Gefahr, so Landesvorsitzende Petra Chluppka. Ende des Jahres will sich der Landtag mit dem Thema beschäftigen. Bis dahin sollen Fachleute sämtliche Möglichkeiten prüfen, wie die medizinische Versorgung der Patientinnen künftig gewährleistet werden kann.

Hebammen-Mangel auch in Bayern, Berlin und an den Küsten

Mit dem Problem steht Sachsen-Anhalt nicht allein. Die Elterninitiative Mother Hood verweist auf gravierenden Hebammen-Mangel in Bayern, Berlin und an den Küsten. Deutschlandweit kann jede fünfte Klinik, so eine aktuelle Studie, Stellen nicht mehr besetzen. Im Durchschnitt fehlen rechnerisch in jedem Kreißsaal 1,6 Vollzeit-Kräfte. Die Auswirkungen: 36 Prozent der Hebammen würden elf und mehr Mutter-Kind-Paare gleichzeitig betreuen. 57 Prozent der Hebammen beklagten Personalengpässe, Überstunden seien an der Tagesordnung.

Offenbar sind es mehrere Faktoren, die die Attraktivität des Berufes schmälern. Dazu gehören laut Hebammenverband nicht zuletzt die vergleichsweise geringen Einkünfte. Häufig lägen sie nur wenig über dem Mindestlohn. Außerdem müsste die Berufsgruppe besonders viel Geld für die Haftpflichtversicherung beiseite legen. Die Absicherung von Risiken bei der Geburtshilfe kostet ungefähr 7.600 Euro jährlich. (mz)