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Prozess Schlägerei in Gartensparte bei Bernburg - Fall nun vor Gericht

Dürftige Beweislage, Zeugen widersprechen sich. Verteidiger zerpflücken den Anklagevorwurf. So fiel das Urteil am Amtsgericht Bernburg.

Von Carsten Roloff 25.06.2024, 06:09
Zu einer Schlägerei kam es in einer Gartensparte bei Bernburg.
Zu einer Schlägerei kam es in einer Gartensparte bei Bernburg. (Symbolfoto: Agentur=

Bernburg/mz. - Die Brutalität, mit der Menschen Konflikte austragen, ist erschreckend.

Zwei in Russland geborene Brüder (36 und 33 Jahre alt), die mittlerweile deutsche Staatsbürger sind, saßen auf der Anklagebank im Saal 119 des Bernburger Amtsgerichts. Die Staatsanwaltschaft Magdeburg warf dem Duo gemeinschaftlich begangene schwere Körperverletzung vor. Mit einer weiteren Person sollen sie in den Nachmittagsstunden des 30. April 2023 in einer Kleingartenanlage in Baalberge einen 63-jährigen Mann, der in der damaligen UdSSR geboren wurde, brutal zusammengeschlagen haben.

Opfer mehrere Tage im Krankenhaus

Das Opfer der Attacke erlitt einen Kiefer- und einen Jochbeinbruch, mehrere Hämatome am Oberkörper sowie eine Platzwunde am Auge. Der Geschädigte musste fünf Tage lang im Ameos-Klinikum in Halberstadt stationär behandelt werden und im Februar 2024 noch einmal einen zweiten operativen Eingriff über sich ergehen lassen. „Alles ging blitzschnell. Der Angreifer muss Boxer gewesen sein. Nach zwei Schlägen lag mein Freund auf dem Boden. Der andere stand daneben und hat vielleicht auch zugetreten“, so der 63-jährige Zeuge und Besitzer des Kleingartens.

Es war ein Racheakt. Im Lauf der Verhandlung kam heraus, dass der 63-Jährige in der Nacht vom 28. zum 29. April 2023 ein anderes Familienmitglied der beiden Brüder mit einem Messer lebensgefährlich verletzt hatte. Eine 27-jährige Frau erkannte im Gerichtssaal sofort den älteren Bruder. „Der Mann hat mich sehr höflich gefragt, wo sich die Parzelle einer aus Osteuropa stammenden Person befindet. Von der Auseinandersetzung habe ich nichts mitbekommen und von dem Vorfall erst erfahren, als die Polizei am selben Tag in unserer Gartenanlage vorfuhr“, so die Zeugin, die nicht sicher war, ob der jüngere Bruder auch dabei gewesen sei.

Der Geschädigte und sein Kumpel, dem die Parzelle gehört, widersprachen sich zu den Geschehnissen an jenem Nachmittag. Das Opfer wollte Gartenarbeit verrichtet haben, der Freund hatte zu einem Grillnachmittag eingeladen. Auch die getätigten Aussagen bei der Polizei und während der Verhandlung korrespondierten nicht miteinander. Mal waren es vier bis fünf Angreifer, dann wieder nur drei. Der Freund des attackierten Mannes sprach zunächst auch nur von einem, der zugeschlagen hat. Und dann könnte der zweite Angeklagte auch noch zugetreten haben. „Ich bin mir nicht sicher“, so der Zeuge.

Bei der von der Polizei vorgenommenen Wahlbildlichtvorlage war sich der Mann aber zu 100 Prozent sicher, dass der Größere geschlagen und der Kleinere getreten hatte. Beim Größenvergleich der beiden Brüder im Saal 119 kam heraus, dass die Angaben nicht stimmten. Der vermeintliche Schläger war kleiner - Wasser auf die Mühlen der beiden Berliner Verteidiger Tillmann Weber und Christian Gerlach. Sie zerpflückten in ihrem Plädoyer die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft und forderten Freispruch. Die Staatsanwältin und der Anwalt der Nebenklage forderten dagegen eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung. „Man hat den Baum, den man fällen wollte, innerhalb von einer Minute umgehauen“, so der Nebenkläger.

Freispruch für Angeklagte

Doch André Stelzner folgte der Argumentation der Verteidiger und sprach die beiden Angeklagten frei. „Nur die Dinge, die in der Hauptverhandlung zur Sprache kommen, sind Grundlage für das Urteil. Das Gericht kann die gemeinschaftlich begangene Körperverletzung nicht nachweisen, höchstens eine vorsätzliche. Außerdem ist es bei dieser dürftigen Beweislage auch nicht mit der erforderlichen Sicherheit feststellbar, welche der beiden Brüder zugeschlagen hat“, begründete der Strafrichter den Freispruch.

Die Staatsanwältin kündigte noch im Gerichtssaal Berufung gegen dieses Urteil an. Der begangene Racheakt der schweigenden Brüder ist nicht von der Hand zu weisen. Selbst hat sich der Geschädigte, der für sein Vergehen auch noch zur Verantwortung gezogen werden muss, die Verletzungen nicht zugefügt.