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Kunstprojekt  Kunstprojekt : Steine gegen das Vergessen

Von Andreas Braun 27.03.2017, 07:11
Ehrengäste der Verlegung der Stolpersteine waren Shlomit Oren (sitzend Mitte), Enkelin von Sally Lewy, und ihre beiden Töchter.
Ehrengäste der Verlegung der Stolpersteine waren Shlomit Oren (sitzend Mitte), Enkelin von Sally Lewy, und ihre beiden Töchter. Engelbert Pülicher

Bernburg - Gut 60 Menschen hatten sich am Sonnabend am Markt in Bernburg eingefunden. Wenig später an der Halleschen Straße waren es etwas weniger. Sie wohnten der ersten Verlegung der Stolpersteine bei, die an den Holocaust während der Nazizeit erinnern soll.

Gut 300 Einwohner waren vor der Machtergreifung der Nazis in Bernburg jüdischen Glaubens. Meist waren es angesehene Bürger, so auch die Kaufmannsfamilie Lewy. Sie brachten es zu Wohlstand.

Nach 1933 wurde es zusehend schwieriger, das Geschäft aufrechtzuerhalten. Der Aufruf der Nazis, jüdische Geschäfte zu meiden, fand Gehör. Jüdische Mitbürger wurden ausgegrenzt, was dazu führte, dass die Deportation und Ermordung nahezu widerspruchslos von der Bevölkerung hingenommen wurde.

Die Zeit für Zeichen war reif

Für die Mitglieder des Arbeitskreises „Jüdische Geschichte in Bernburg“ war es an der Zeit, ein Zeichen zu setzen. Für Sabine Opitz und Thoralf Blättermann war es darum selbstverständlich, sich an der Spendenaktion für einen der Steine zu beteiligen.

„Ich habe das Gefühl, dass viele vergessen, welche Gräueltaten vor nicht mal einem Menschenleben geschehen sind. Es streben Menschen europaweit in verantwortliche Positionen, die eine Ideologie vertreten, die in Richtung Nationalsozialismus geht“, sagt die junge Frau.

Wie teilweise mit dem Thema Flüchtlingen umgegangen werde, sei erschreckend. Bei allem, was da vielleicht nicht gut gelaufen sei von Seiten der Regierungen, sei Ausgrenzung keine Lösung, so Sabine Opitz.

Künstler verlegt die Steine selbst

Die Steine wurden vom Künstler Gunter Demnig selbst verlegt. Es sind die ersten zehn Stolpersteine in Bernburg. Weiter sollen folgen, kündigt Kreisoberpfarrer Karl-Heinz Schmidt an.

Geld dafür sei noch da, denn die Aktion sei gut angenommen worden, so dass die nächsten Aktionen abgesichert seien.

Shlomit Oren, Enkelin von Sally Lewy, nahm mit ihren beiden Töchtern Dalia und Hanna an der Verlegung teil. Sie selbst ist Tochter des einzigen überlebenden Sohnes der Familie von Sally Lewy.

Gerhard Lewy war im März 1935 nach Palästina ausgereist und entging dadurch der Verfolgung und Deportation. Ein halbes Jahr später wurde seine Tochter Shlomit geboren.

Ein völlig neuer Einblick für Schüler

Einen völlig neuen Einblick in die Zeit des Naziterrors haben Schüler und Schülerinnen der Sekundarschule Campus Technikus erhalten. Der Geschichtslehrer der Klasse 10e Jürgen, Mietzsch, der im Arbeitskreis mitwirkt, hatte gefragt, ob sich jemand an den Recherchen zur Familiengeschichte beteiligen möchte.

„Es fanden sich welche, die das dann auch akribisch taten“, sagt er. Lara Rafelt, Chantal Saul, Alica Horn, Pauline Piotrowski, Moritz Wiermann und Marvin Zawada verlasen die Biografien der Opfer.

Bei den Recherchen tauchten sie in eine Welt, die eigentlich kaum vorstellbar ist, sagt Lara Rafelt. Man habe zwar die Zeit im Geschichtsunterricht, aber hier sei es real, nicht so abstrakt, erzählt Marvin Zawada.

„Eine solche Zeit muss sich nicht wiederholen“, ist die Schlussfolgerung von Chantal Saul. Man merke erst einmal, wenn man sich so mit Geschichte auseinandersetzt, wie gut es einem heute geht, ist die Erkenntnis von Marvin Zawada.

Unterricht in Verbindung mit regionaler Geschichte

Den Unterricht mit regionaler Geschichte zu verbinden, dass sei das Ziel, so Mietzsch. Da haben die Schüler einen anderen Zugang. Das ist alles quasi vor ihrer Haustür passiert.

Für Ute Hoffmann, die Leiterin der Gedenkstätte für NS-„Euthanasie“ in Bernburg, ist die Stolpersteinaktion ein Anfang. Sie kämpfe freilich, ob die Art und Weise dem gerecht wird. Manche sagen, dass man die Steine mit Füßen trete. Denn man laufe zwangsläufig auch mal drüber weg. Doch das Anliegen, mit der Aktion gegen das Vergessen anzugehen, sei höher zu bewerten.

Am Haus Markt 8/9: Sally Lewy; Fireda Lewy; Günther Lewy; Irmgard Sander, geb. Lewy; Kurt Sander; Julius Freiberg.

Am Haus Hallesche Straße 25: Rolf Freiberg; Ilse Freiberg, geb. Lewy; Gittel Freiberg; Danny Sally Lewy.

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Der Künstler Gunter Demnig, 1947 in Berlin geboren, heute in Köln lebend, erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing in den Fußweg einlässt. Inzwischen liegen fast 61 000 Stolperstein in 1100 Orten Deutschlands und in zwanzig Ländern Europas. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Gunter Demnig den Talmud. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Auf den Steinen steht geschrieben: Hier wohnte... Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch.

Die erste Aktion und auch die Idee zu dem Kunstprojekt sollte an die Deportation von Sinti und Roma aus Köln im Jahr 1940 erinnern. „Das war die Genaralprobe für spätere Atkionen. 1000 Sinti und Roma in kurzer Zeit zu deportieren, erforderte eine gute Logiostik“, so Demning.

1993 gab es den Entwurf zum Projekt Stolpersteine, 1996 wurde die erste Verlegung in Berlin-Kreuzberg nicht genehmigt, aber später legalisiert vollzogen. Seit 2000 werden Stolpersteine in Deutschland und Europa verlegt.

Für 120 Euro kann jeder eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins übernehmen. Mehr dazu unter www.stolpersteine.eu/de. (mz)

Vor dem Haus Markt 8/9 wurden sechs Gedenksteine verlegt.
Vor dem Haus Markt 8/9 wurden sechs Gedenksteine verlegt.
Pülicher