Hochwasser in Bernburg

Hochwasser in Bernburg: Flutbrücke ist nun komplett gesperrt

Bernburg - Bernburg übersteht derzeit die schwerste Hochwasser-Katastrophe seit März 1947. Die Flutbrücke ist am Donnerstagmorgen komplett gesperrt worden. Hunderte Rettungskräfte und freiwillige Helfer sind im Einsatz, um die besonders gefährdete Talstadt vor einer Überflutung zu schützen.

Von Torsten Adam 06.06.2013, 09:48

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Die Flutbrücke in Bernburg ist am Donnerstagmorgen gegen 7 Uhr für den gesamten Verkehr gesperrt worden. Das sagte Bernburgs Oberbürgermeister Henry Schütze der MZ. „Wir müssen jetzt sehen, wie es weitergeht. Um 9 Uhr findet deshalb eine Sitzung des erweiterten Krisenstabs mit Vertretern der Stadtwerke, der Wasserwacht und des Sanitätsdienstes statt“, sagte er.  Nach der Sperrung der Flutbrücke ist das Zentrum von Bernburg nun nur über die A14-Abfahrt Könnern und die Bundesstraße 6 erreichbar.  Der Saale-Pegel in Bernburg war über Nacht weiter gestiegen, gegen 5 Uhr morgens am Donnerstag lag er bei 6,44 Meter, das sind 60 Zentimeter über dem bisherigen Rekordstand. Laut Prognose soll der Pegel im Laufe des Donnerstags dagegen deutlich sinken.

Die Stadt erlebt derzeit die schwerste Hochwasser-Katastrophe seit März 1947. Mit dem „Saalesommer“ sollte in diesen Tagen eigentlich das 20-jährige Bestehen der Landschaftsarchitektur an der Hochschule Anhalt entlang des Flusses gefeiert werden. Der Titel der Veranstaltung, die inzwischen bis auf zwei Konferenzen abgesagt worden ist, hat nun durch die aktuelle Entwicklung eine dramatische Umdeutung erfahren.

Hunderte Rettungskräfte und freiwillige Helfer waren am Mittwoch im Einsatz, um die besonders gefährdete Talstadt vor einer Überflutung zu schützen. Angesichts der Wassermassen gelang das nicht überall. Am Dienstagabend wurde der Großteil der Bewohner auf der Halbinsel am Rosenhag evakuiert. 15 Menschen wollten trotz der Abschaltung des Stromes in ihren Wohnungen bleiben. Sie sind nur noch mit Booten zu erreichen. Auch elf bettlägerige Senioren aus dem Pflegeheim „Krumbholzblick“ wurden sicherheitshalber nach Könnern und Kaltenmark/Petersberg verlegt. Weitere Evakuierungen von Menschen aus der Talstadt werden wohl nicht notwendig sein, sagte Oberbürgermeister Henry Schütze am Mittwochabend.

Dramatisch entwickelte sich die Situation in den Freizeiteinrichtungern im Krumbholz wie dem Tiergarten. Nur noch das Büro und das Wohnhaus von Tiergarten-Leiter Andreas Filz waren am Nachmittag trocken, der Rest der Anlage stand komplett unter Wasser. „Wir kämpfen mit allen Kräften, die zur Verfügung stehen, um so viele Tiere wie möglich noch mit Schlauchbooten zu retten“, sagte der fassungslose Tiergarten-Chef. Mehrfach seien die Tiere während des steigenden Wassers innerhalb der Anlage an höhere Stellen gebracht worden - bis nichts mehr trocken war. Für sieben der acht Hirsche gab es keine Rettung mehr. „Die Haus- und Wildschweine haben wir freigelassen, weil die Ställe nicht mehr zu halten waren. Sie sind jetzt irgendwo in der Anlage, ein Eber hat sich auf den Spielplatz gerettet“, berichtete Andreas Filz am Mittwochabend. Notstromaggregate sollten helfen, die Aquarien zu erhalten. Tierärzte aus Halle und Leipzig narkotisierten Geparden und Luchse, um sie wie viele andere Tierarten ebenfalls in Sicherheit bringen zu können.

Kam die Rettungsaktion möglicherweise zu spät? „Mit solch einer Jahrtausendflut war einfach nicht zu rechnen“, sagte Roland Reichelt, Geschäftsführer der Freizeit GmbH. Es seien ja bereits an vergangenen Tagen Tiere evakuiert worden. Eine Kompletträumung sei schon aus logistischen Gründen unmöglich gewesen, weil es nicht genügend Unterbringungsmöglichkeiten gebe, ergänzte Zootierinspektor Thomas Suckow.

Der Krisenstab der Stadt ließ am Mittwochmittag die Gutenbergstraße komplett für den Verkehr sperren. Parallel zur Fahrbahn errichteten die Rettungskräfte eine Sandsack-Barriere, um zu verhindern, dass aus dem alten Flussbett der Saale Wasser in die Talstadt läuft. Einige Wohngrundstücke wurden dort bereits überflutet. Auch am Ufer der Plattenbauten Vor dem Nienburger Tor wurden Sandsäcke aufgestapelt. Hier reichte das Wasser bis an die Kante heran. Betriebshandwerker der Wohnungsgenossenschaft sicherten die hinter der Uferpromenade liegenden Hauseingänge mit Sandsäcken ab.

Eine 80 Mann starke Hochwasser-Spezialeinheit aus Bremen kümmerte sich um den Schutz des Kraftwerkes des Solvay-Werkes, das seine Produktion drosselte. Der Pkw-Verkehr über die Flutbrücke lief problemlos. Eine Sperrung dieses Nadelöhrs droht nicht, wenngleich derartige Falschinformationen durch das Internet geisterten. Henry Schütze ärgerte sich darüber genauso wie über Gerüchte, dass der Kaiplatz geräumt wird, weil die Kaimauer brechen könnte.

An der Flutbrücke hatte ein polnischer Lkw-Fahrer am Dienstagabend versucht, seinen Laster über das Bauwerk zu steuern, Anwohner konnten dies zum Glück verhindern. Seit Mittwoch hat die Polizei den Verkehr dort im Auge. Die Beamten sind auch in Booten unterwegs, um Plünderungen zu verhindern. In der Nacht zu Mittwoch hatten Diebe das Büro des SV Einheit ausgeräumt. Die Polizei wies darauf hin, dass Schaulustige und auch freiwillige Helfer ihre Fahrzeuge nicht im Uferbereich und an engen Zugangsstraßen abstellen sollten. Es sei dadurch bereits zu Behinderungen der Einsatzkräfte gekommen. Bei Zuwiderhandlungen müssten die Autos abgeschleppt werden.

Vor der Marienkirche füllten derweil hunderte Menschen freiwillig Sandsäcke, darunter Studenten und viele Schüler, unter anderem vom Campus Technicus. Schulleitung und Personalrat hatten am Vorabend die Idee, die Kinder und Jugendlichen für den Hilfseinsatz zu bitten. „Von den Schülern, die am Morgen aufgrund der ausgefallenen Busbeförderung noch zum Unterricht kommen konnten, haben sich fast alle spontan bereit erklärt“, freute sich Lehrer Jürgen Mietzsch. Der Oberbürgermeister zeigte sich von dieser Welle der Hilfsbereitschaft überwältigt.

Im gesamten Salzlandkreis mussten nach Angaben des Katastrophenschutzstabes bis Mittwochabend 453 Menschen evakuiert werden. Knapp 1000 freiwillige Helfer und 1066 Einsatzkräfte von Feuer,- Wasser- und Bundeswehr, von THW, Hilfsorganisationen und Behörden kämpften im Kreis gegen die Flut.