Gymnastikhaus in der Alten Bibel

Gymnastikhaus in der Alten Bibel: „Ein dreister Akt“

Bernburg - Stadt Bernburg kauft Holzhaus im Stadtpark, um es zugunsten von Parkplätzen abzureißen. Doch bevor es dazu kommt, erhält es Denkmalschutz-Status.

Von Torsten Adam

Die öffentliche Diskussion um die Parkplatz-Not in Bernburgs Innenstadt hat mit der Umsetzung des neuen Parkraumkonzeptes wieder an Fahrt aufgenommen.

Bei der schwierigen Suche nach weiteren potenziellen Pkw-Stellflächen in Zentrumsnähe schien die Stadtverwaltung vor vier Jahren fündig geworden zu sein: ein gut 1.500 Quadratmeter großes Grundstück in Randlage des Stadtparks Alte Bibel, das sich gut über die angrenzende Mozartstraße erschließen lassen könnte.

Erben suchten einen Käufer

Die Erben der 2012 verstorbenen Eigentümerin, der das Areal des ehemaligen Garten- und Friedhofsamtes 1991 rückübertragen worden war, suchten einen Käufer. Die Stadtverwaltung, nach deren Angaben es einen weiteren Interessenten gab, drängte die Stadträte zum schnellen Handeln.

Einstimmig votierte der Hauptausschuss schließlich im Juni 2013 für den Kauf des Grundstücks - zum Preis von zehn Euro pro Quadratmeter - als Reservefläche für die Vermietung von 25 bis 40 Parkplätzen an Anwohner, um die Not zu lindern. Denn 200 bis 300 Stellflächen fehlen nach Schätzungen von Dezernent Holger Dittrich im Stadtkern.

Widerstand gegen Abriss

Doch schnell formierte sich Widerstand. Denn das Areal ist unter anderem mit einem geschichtsträchtigen Holzhaus von Magdalene Trenkel (siehe Beitrag „Gymnastik-Unterricht auf der Alten Bibel bis in die 1960er Jahre“) bebaut - einer Kopie des in der hessischen Reformsiedlung der Loheland-Bewegung stehenden Gebäudes.

Die Ankündigung, die nicht wirtschaftlich sanierbare Baracke abreißen zu wollen, erzürnte den Kaninchenzuchtverein, der diese seit 1983 gepachtet hat. Und er rief Mitglieder der Bernburger Kulturstiftung auf den Plan, die um den Verlust des Erbes einer bedeutenden Tochter der Stadt bangten.

Ein herber Rückschlag für Parkplatz-Projekt

Schon im folgenden Jahr, 2014, erlitt das Parkplatz-Projekt einen herben Rückschlag. Handstreichartig stellte das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie das Lohelandhaus unter Denkmalschutz - und sorgte damit im Rathaus für Unmut.

Es habe mit der Behörde eine gemeinsame Begehung der Immobilie gegeben, danach sei der Bescheid erfolgt. „Wir wurden als Eigentümer nicht einmal angehört“, kritisiert der Dezernent, der von einem „dreisten Akt“ spricht und dem bewusst ist, dass der Abbruch eines denkmalgeschützten Hauses ungleich schwerer werden wird.

Das Thema steht ihm zufolge derzeit aber auch gar nicht auf der Agenda der Stadtverwaltung, die mit zahlreichen anderen Vorhaben beschäftigt sei.

Ausschuss tappt im Dunkeln

Nichtsdestotrotz war das Grundstück in der Vorwoche Teil der Tagesordnung der Kulturausschuss-Sitzung, die mit einer Vor-Ort-Begehung im Stadtpark begann.

Größere Erkenntnisse über den baulichen Zustand des Holzhauses waren zumindest im Inneren nicht zu erlangen, wo sich unter anderem leere Kaninchenkäfige stapelten.

Denn das Licht blieb aus - wegen eines seit Jahren nicht reparierten Kurzschlusses, wie Peter Werner vom Kaninchenzuchtverein monierte. Seit der Abriss-Ankündigung vor gut drei Jahren investiere der Verein auch nichts mehr in sein Domizil, das derzeit nur als Abstellraum dient.

Es gibt reichlich Ideen

Offen ist, welche Zukunft das Holzhaus hat. Seitens der Kulturstiftung gibt es reichlich Ideen. Wie beispielsweise eine touristische Nutzung des Lohelandgartens für das in zwei Jahren anstehende Jubiläum „100 Jahre Bauhaus“.

Die Loheland-Bewegung sei zu ihrer Zeit ebenso ein Markenbegriff gewesen und könne als weibliches Pendant des im gleichen Jahr gegründeten Bauhauses verstanden werden, meint Heimatforscher Olaf Böhlk.

Er hat sich intensiv mit dem Leben von Magdalene Trenkel und der Loheland-Idee befasst, hielt zur Kulturausschuss-Beratung an deren erster Bernburger Wirkungsstätte in der Stadthalle einen Lichtbildervortrag.

Dem Historiker zufolge wäre es wünschenswert, wenn der Lohelandgarten in die anstehende Stadtpark-Umgestaltung im Hinblick auf eventuelle Festivitäten im Jubiläumsjahr 2019 integriert würde.

Lohnen sich die Investitionen?

Arge Zweifel hegt indes Holger Dittrich, ob sich Investitionen in das Grundstück für die Stadt lohnen. „Ich glaube nicht daran, dass das dauerhaft ein Touristenmagnet werden kann.“ Aus seiner Sicht könnte Magdalene Trenkel und ihr Wirken stattdessen beispielsweise auch mit einer Gedenktafel im Stadtpark gewürdigt werden.

Zunächst einmal sei das eigene Hochbauamt mit einer Bauzustandsanalyse beauftragt, die noch im ersten Quartal 2017 vorgelegt werden soll. Sie wird Basis sein für weitere Überlegungen.

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Magdalene Trenkel wurde am 22. Februar 1894 in Zerbst geboren. Ihre schulische Ausbildung absolvierte sie am Lyzeum in Bernburg, wo ihr Vater Paul später als Direktor des Gymnasiums tätig war. Die junge Frau ließ sich nach dem Schulabschluss in klassischer Gymnastik bei Hedwig von Rohden und Louise Langgaard ausbilden, die beide 1919 am Fuße des hessischen Rhöngebirges die Schulsiedlung Loheland gründeten - ein Ort für selbständige Frauen, in dem Lernen, Arbeiten und Leben Hand in Hand gehen sollten.

Gymnastik, Landbau, Handwerk und Kunst zählten zum Konzept der Loheländerinnen. Magdalene Trenkel erreichte 1918 ihren Abschluss als diplomierte Lehrerin und gab in der Folge in ihrem Studio in Weimar Kurse als Gymnastiklehrerin. Hier kam sie in engen Kontakt zu Studenten des 1919 gegründeten Bauhauses und begeisterte auch Walter Gropius, den Gründer der Kunstschule, mit ihren Vorführungen.

Archiv Loheland-Stiftung

Die Bilder zeigen Magdalene (Commichau)-Trenkel im Jahr 1965 (links), kurz vor ihrem Tod, und im Jahr 1920.

1923 kehrte sie nach Bernburg zurück, nachdem zwei Jahre zuvor Georg Commichau, der Vater ihrer Tochter, Suizid begangen hatte. In der Saalestadt sollte Magdalene Trenkel den Rest ihres Lebens verbringen. In der heutigen Stadthalle auf der Alten Bibel gab sie Gymnastikkurse, ab 1926 bei schönem Wetter auch im nahen Lohelandgarten, wo 1935/36 ihr eigenes Gymnastikhaus entstand. Bis in die 1960er Jahre betreute Magdalene Commichau-Trenkel - den zweiten Familiennamen nahm sie in den frühen 1940er Jahren an - hier Kinder mit Haltungsschäden. Sie starb am 19. September 1967 in Bernburg, ihr Grabstein existiert nicht mehr. (mz)