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Klimaschutz nach dem TodLeiter des Friedhofs in Aschersleben plant CO₂-neutrale Beisetzung

Bauwirtschaftshof möchte „Reerdigung“ als neue Form in Satzung zum Friedhof aufnehmen. Warum sich die ganze Branche dafür interessiert.

Von Detlef Anders 02.11.2021, 08:00
Gibt es auf dem Friedhof bald eine neue Bestattungsform?
Gibt es auf dem Friedhof bald eine neue Bestattungsform? Foto: Frank Gehrmann

Aschersleben/MZ - Der Bauwirtschaftshof Aschersleben möchte auf dem Friedhof eine neue Bestattungsart anbieten. Als dritte Bestattungsform neben Erd- und Urnenbestattung soll eine sogenannte „Reerdigung“ eingeführt werden, heißt es in der Beschlussvorlage zur Neufassung der Friedhofssatzung, über die der Betriebsausschuss am Donnerstag ab 17 Uhr öffentlich berät.

Die „Reerdigung“ gibt es nach Aussage von Eigenbetriebschef André Könnecke bereits in den USA. „Wenn wir das umsetzen, dann strahlen wir auf ganz Europa aus.“ Die Vorlage liest sich spannend. „Reerdigung ist eine beschleunigte Transformation eines Körpers in Erde. Reerdigungen sollen einen Beitrag zu einer klimaneutralen und sozialverträglichen Zukunft liefern, der im Einklang mit gelernten Traditionen und Gebräuchen steht.“

„Wenn wir das umsetzen, dann strahlen wir auf ganz Europa aus.“

André Könnecke, Leiter des Eigenbetriebs der Stadt Aschersleben

Die Bestattungsmethode binde CO₂ dauerhaft in Humus. Im Vergleich zur Feuerbestattung würden keine Klimagase ausgestoßen. „Darüber hinaus ist sie sozial verträglich, da sie nicht teurer als eine durchschnittliche Feuerbestattung angeboten werden soll.“ Zuvor müsste allerdings das Bestattungsgesetz des Landes rasch angepasst werden, sagt Könnecke. Das sieht nur die ersten beiden Formen vor.

Bei der „Reerdigung“ sollen Mikroorganismen den toten Körper innerhalb von 40 Tagen in einem Edelstahlbehälter mit Zusatzstoffen auf natürliche Weise zersetzen. So berichtet die Allgemeine Zeitung aus Uelzen (Niedersachsen) zu einem geplanten Pilotprojekt des Berliner Unternehmers Pablo Metz.

Die Überreste werden dann auf dem Friedhof bestattet. An der Stelle können Angehörige ein Bäumchen pflanzen, das daraus Nährstoffe zieht, berichtet André Könnecke. Nach ein paar Jahren könnten die Angehörigen das Bäumchen auch in den eigenen Garten umsetzen, oder es bleibt für einen ganzen Erinnerungswald stehen.

Bei einer Klausurtagung des Stadtrates sei die Idee positiv aufgenommen worden. Viele Menschen tun sich beim Gedanken an eine Einäscherung nach ihrem Tod schwer, weiß Könnecke. Oft würde die Entscheidung dafür dann aber doch getroffen – aus Kostengründen.

„Das sind 95 Prozent bei uns und deutschlandweit 70 Prozent“, weiß der Bauwirtschaftshofchef. Er sieht aber auch ökologische Gründe, die für eine „Reerdigung“ sprechen.

Um einen Körper im Krematorium zu verbrennen, würde eine Tonne CO₂ ausgestoßen. Bei einer Million Toten pro Jahr in Deutschland und 70 Prozent Einäscherungen kommen eine Menge zusammen, weiß er. „Die Reerdigung ist CO₂-neutral“, sagt Könnecke und weist auf die gepflanzten Bäume hin, die CO₂ in Sauerstoff verwandeln.

„Sie hat eine Chance verdient, als dritte Alternative angeboten zu werden.“ Nun müsste das Ministerium überzeugt werden. „Wir machen erstmal unsere Hausaufgaben, dann berichten wir“, kündigt auch Pablo Metz in Bezug auf sein Pilotprojekt an.

Angehörige könnten die Einäscherung umgehen und trotzdem das kleine Grab wählen

„Es gibt ein paar Punkte im Bestattungsgesetz, die auf die neue Zeit übertragen werden müssten“, erklärt Könnecke. Die Friedhofsbranche sei von dem Thema begeistert, hat er mittlerweile erfahren. „Das hat nur Vorteile“, betont er. Schließlich könnte man die Einäscherung umgehen und trotzdem das kleine Grab wählen.

Im Sinne der CO₂-Neutralität denkt André Könnecke bereits weiter. Für die „Reerdigung“ müsste kein Baum zum Sarg verarbeitet werden. Und anstatt Grabsteine aus chinesischem Naturstein zu verwenden, könnten Grabmale aus dem Holzpolymer-Werkstoff von Novo-Tech Aschersleben verwendet werden. Das könnte später wieder zu Erde oder eingeschmolzen werden.

„Ich glaube nicht, dass es sich verbieten lässt. Es macht die Friedhofslandschaft besser“, sagt der Eigenbetriebsleiter gespannt, wie sich der Stadtrat entscheidet. Mit der geänderten Friedhofssatzung „sind wir die Ersten, die handlungsfähig sind“.