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Fraßschäden auf Gräbern35 Angestellte der Stadt Aschersleben vertreiben Rehe vom Friedhof

Wir haben beobachtet, wie die Mitarbeiter dabei vorgehen und wir sprachen mit einem Jäger über die Erfolgsaussichten.

Von Anja Riske 06.11.2021, 10:00
Gemeinsam mit seinen Kollegen vom Bauwirtschaftshof versucht Holger Dietrich (vorn), die Rehe vom Friedhofsgelände zu vertreiben.
Gemeinsam mit seinen Kollegen vom Bauwirtschaftshof versucht Holger Dietrich (vorn), die Rehe vom Friedhofsgelände zu vertreiben. Foto: Anja Riske

Aschersleben/MZ - Es ist ein ehrgeiziges Vorhaben, weswegen sich Holger Dietrich und andere Mitarbeiter des Bauwirtschaftshofes am Freitagmorgen um sieben Uhr auf dem Ascherslebener Friedhof treffen. Um die 35 Leute haben sich am Eingang in der Schmidtmannstraße versammelt.

Sie wollen Lärm machen an diesem sonst eher ruhigen Ort. Denn ihr Ziel ist es, die auf dem Friedhof lebenden Rehe zu vergrämen. Am anderen Ende warten bereits weitere Mitarbeiter des Bauwirtschaftshofes. Sie sollen die eventuell weglaufenden Tiere zählen.

Gleich am Eingang teilen sich die Anwesenden auf, um verschiedene Teile des Areals nach Rehen zu durchsuchen. Klatschend oder mit Trillerpfeife ziehen sie los. Aus einem kleinen Waldstück am Rand des Friedhofs hört man bald: „Hier ist eins!“ Doch so schnell, wie das flinke Tier aufgetaucht ist, verschwindet es wieder aus dem Sichtfeld der Beteiligten.

Etwa sieben Rehe würden derzeit auf dem Friedhof leben, sagt Holger Dietrich. Beim Bauwirtschaftshof ist er Bereichsleiter für Grünflächenunterhaltung und Friedhofsverwaltung. Schon seit Jahren versuche man, die Tiere vom Gelände zu vertreiben, denn sie fressen die Pflanzen auf den Gräbern – zum Ärger der Angehörigen, die die Ruhestätten pflegen.

So hatte man in der Vergangenheit bereits mehrere solcher Vertreibungsaktionen durchgeführt und die Zäune erhöht. Doch bisher blieben die Maßnahmen erfolglos. Kein Wunder, findet Jäger Volker Strohkorb, der Dietrich und seine Kollegen an diesem Tag berät.

„Den Wildtieren wächst das Futter hier auf dem Friedhof vor der Nase.“

Volker Strohkorb, Jäger

„Denen wächst das Futter hier vor der Nase“, sagt er. Warum sollten sie also verschwinden wollen? Holger Dietrich sieht es ähnlich: „Für die Rehe ist das hier wie Schnitzel und draußen wie Mehlsuppe“, beschreibt er. Die Tiere seien an den Friedhof und sein Angebot gewöhnt. Vor den dort Arbeitenden haben sie die Scheu mittlerweile weitgehend verloren, würden sich ihnen sogar bis auf drei, vier Meter nähern.

Indes haben sich die Teilnehmer bis zum hinteren Ende des Friedhofes vorgearbeitet. Dort, wo die Tiere eigentlich vom Gelände gescheucht werden sollen. Schnell wie ein Blitz schießt plötzlich ein Reh aus dem dortigen Waldstück und hüpft mit flotten Sprüngen davon. Innerhalb von Sekunden folgen zwei weitere. Auch sie springen zügig Richtung Schmidtmannstraße davon.

Wenig später versammeln sich Dietrich und seine Kollegen und beschließen, auch wieder zurückzugehen. Um die Tiere vielleicht doch noch zu finden und zum richtigen Ausgang zu treiben. Dieses Mal sollten sie versuchen, sich in einer Reihe zu halten, schlägt Jäger Volker Strohkorb vor.

Gesagt, getan. Der Trupp marschiert zurück und geht die Route anschließend von Neuem ab. Unter den Teilnehmern ist auch Johann Adam, einer der Leidtragenden der Rehpopulation auf dem Friedhof. Obwohl er nicht beim Bauwirtschaftshof arbeitet, will er sich dennoch an der Aktion beteiligen.

Denn jedes Mal, wenn er Blumen auf das Grab setze, das er pflegt, seien diese innerhalb kurzer Zeit angefressen. „Das geht schon jahrelang“, klagt er. Und in diesem Jahr sei es besonders schlimm.

Eine Option wäre es natürlich, tatsächlich Jagd auf die Rehe zu machen. Doch das wird wohl auch in Zukunft eher eine theoretische Möglichkeit bleiben. Denn sowohl das Bundes- als auch das Landesjagdgesetz von Sachsen-Anhalt haben da klar Vorgaben, erklärt Volker Strohkorb.

Im Ausnahmefall wäre auch die Bejagung des Wilds auf dem Friedhof denkbar

In befriedeten Gebieten habe die Jagd zu ruhen. Im Ausnahmefall wäre das mit einer Genehmigung dennoch möglich, aber auch dann nur zu festgelegten Zeiten, nämlich nach der Schließung der Anlage. Jetzt wäre eigentlich sogar eine gute Zeit für die Jagd auf Rehe, so Strohkorb, da die Tiere aktuell nicht in ihrer Schonzeit seien.

Schon seit mehreren Jahren führt der Bauwirtschaftshof Maßnahmen durch, um die Rehe loszuwerden. Bisher ohne Erfolg.
Schon seit mehreren Jahren führt der Bauwirtschaftshof Maßnahmen durch, um die Rehe loszuwerden. Bisher ohne Erfolg.
Foto: Frank Gehrmann

Aber: Wenn erst nach Schließung des Friedhofes gejagt werden darf, also aktuell ab 18 Uhr, sei es schlichtweg in dieser Jahreszeit schon zu dunkel. Auf der zweiten Runde zeigen sich keine Rehe mehr. „Wer weiß, wo die abgeduckt sind“, meint Holger Dietrich.

Die würden eben ihre Wege kennen. Vorerst müssen die Friedhofsbesucher sich bei der Grabpflege also weiterhin mit den Rehen arrangieren. Die Wahl geeigneter Pflanzen kann dabei helfen. Hortensie, Lavendel oder Lilien sind für die Tiere beispielsweise weniger interessant als Rosen oder Stiefmütterchen, Kiefer und Fichte als Abdeckung weniger appetitlich als Tanne. Eine dauerhafte Lösung könne ein solcher Verzicht auf bestimmte Pflanzen aber nicht sein, findet Johann Adam.