23 Jahre nach Völkermord

23 Jahre nach Völkermord: Warum Ruanda heute das Boom-Land Afrikas ist

Der Zwergstaat gilt als das wohl sicherste Land Afrikas.

Von Markus Harmann 11.07.2017, 11:02

Afrika – das setzt sofort Bilder frei. Von Giraffen in der Serengeti, Traumstränden in Mombasa, Slums in Nairobi oder Hunger in Somalia.

Ruanda ist anders. Der Zwergstaat im Herzen Afrikas kann mit fast keinem dieser Afrika-Klischees dienen. Nicht mehr, muss man wohl sagen. Denn 23 Jahre nach dem Völkermord mit fast einer Million Toten in nur 100 Tagen kommt Ruanda als runderneuerter Staat daher.

Helmpflicht und Sicherheitswesten

Die rote Ampel auf der wie leer gefegten und frisch asphaltierten zweispurigen Straße vom Flughafen in die Hauptstadt Kigali zählt die Sekunden runter: 16, 15, 14 … Unser Fahrer schaut auf die Anzeige über der Fahrbahn und zündet sich entspannt eine Zigarette an. Er hat schließlich noch knapp 15 Sekunden bis zur Grünphase.

Es ist kurz vor Mitternacht – und Ruanda schläft. Nur zwei Motorradtaxis sehen wir, Fahrer und Beifahrer tragen die einheitlich grünen und durchnummerierten Helme. Ruanda hat vor einigen Jahren die Helmpflicht eingeführt und die Fahrer zum Tragen einer gelben Sicherheitsweste verpflichtet.

„Die Ruander stehen früh auf“

Wir wollen noch in eine Bar. „Eine Bar – um diese Zeit?“, fragt unserer Fahrer, Rufname Hodali, der uns in den kommenden Tagen begleiten wird. „Ich weiß nicht, ob noch eine geöffnet hat.“ Tatsächlich finden wir noch ein offenes Lokal mit leuchtender Biermarkenreklame – wir sind die einzigen Gäste, die sich auf den Plastikstühlen lümmeln.

„Die Ruander gehen früh ins Bett und stehen früh auf“, sagt Hodali noch. Was wie eine billige Floskel klingt, entpuppt sich am nächsten Morgen als brillante Tatsachen-Beschreibung. Als wir gegen 8 Uhr aus unserem Gästehaus Richtung Stadtzentrum aufbrechen, wirkt Kigali wie ein Jahrmarkt, nur ohne Karussells.

Mode-Boutiquen, eine Shopping-Mal und ein Multiplex-Cinema

Frauen, die auf ihren Köpfen Obst und Gemüse zum Markt jonglieren; Schulkinder in Uniformen; Geschäftsleute in Maßanzügen auf dem Weg zum Kigali City Tower, dem Hochhaus für die neue Upperclass mit seinen Mode-Boutiquen, einer Shopping-Mall und dem Multiplex Cinema, dem einzigen Kino im ganzen Land. Es scheint, als hätten alle auf Kommando hin ihre Häuser und Wohnungen verlassen.

Land der 1000 Hügel

Aber irgendwo müssen sie ja schließlich bleiben, die 12 Millionen Ruander, die auf einer Fläche nur so groß wie Rheinland-Pfalz leben. Ruanda gilt als Land der 1000 Hügel, und beinahe jeder der üppig bewachsenen Hügel ist bewohnt oder wird landwirtschaftlich genutzt. Wer von Kigali ins nördliche Ruhengeri fährt, der passiert Tee- und Kaffeeplantagen, Felder mit Bohnen, Bananen, Maniok oder auch Cashew-Nüssen. Und immer mittendrin: Menschen. Jeder zehnte Ruander wohnt in der Hauptstadt – auf rund 1500 Metern. Eine angenehme Höhenbrise macht das an sich tropische Klima erträglich.

Kein Müll, kein Zigarettenstummel

Im Unterschied zu einem deutschen Jahrmarkt liegt in Kigali kein Müll herum, nicht einmal Zigarettenstummel sind zu sehen. Kigali ist frisch gefegt, manche der Vorgärten könnten auch in der deutschen Provinz stehen – mit Zaun und gepflegtem Rasen.

Ruanda ist nicht nur das hügeligste, sondern auch das sauberste Land Afrikas – und der Grund dafür heißt: Umuganda. Das bedeutet in der Landessprache Kinyarwanda so viel wie „Arbeit an der Gemeinde“. Am letzten Samstag im Monat muss nahezu jeder, der mindestens 18 Jahre alt ist, für seine Gemeinde arbeiten: Straßen kehren, Wege bepflanzen, Häuser renovieren.

Viele Polizisten, damit keiner aus der Reihe tanzt

Der Staat spart sich so Ausgaben für die Daseinsvorsorge, außerdem nutzt er das kollektive Arbeiten für patriotische Einschwörformeln. Polizisten, fast so zahlreich wie die Motorradtaxis in der Rushhour, sorgen dafür, dass keiner aus der Reihe tanzt.

Und wenn sich doch jemand Umuganda verweigert? „Dann muss er ins Gefängnis“, sagt Hodali und lacht. Nein, man könne sich auch freikaufen, beschwichtigt er. Tatsächlich aber sollte man machen, was der Staat verlangt, denn der kennt wenig Gnade.

„Wir sind alle Ruander“

Und das hat auch mit den apokalyptischen Zuständen vor 23 Jahren zu tun. Zwischen dem 6. April und Mitte Juli 1994 ermordeten radikale Hutus fast eine Million Menschen: Tutsis und solche Hutus, die sich dem Töten verweigerten. Das Genozid-Memorial in Kigali erinnert wie dutzende Gedenkstätten im ganzen Land an den schlimmsten Völkermord seit dem Zweiten Weltkrieg.

Es war der heutige Präsident Paul Kagame, der mit seiner Tutsi-Armee den Völkermord beendete. Heute sind die Bezeichnungen Hutu und Tutsi bei Strafe aus dem öffentlichen Sprachgebrauch verbannt. „Wir sind alle Ruander.“ Diesen Satz hört man häufig, wenn man mit Menschen wie der Studentin Drusilla spricht, die beim bestialischen Morden mit Messern, Macheten und Gewehren ihren Vater und ihre beiden Brüder verloren hat. Der Satz klingt wie auswendig gelernt. Der Versöhnungsprozess ist staatlich verordnet. Wer sich der Regierungslinie verweigert, muss mit Strafen rechnen. Menschenrechtsgruppen kritisieren den autoritären Regierungsstil Kagames.

Beachtliche Start-up-Szene in Kigali

Und trotzdem: Kaum einer, den man fragt im Land, lässt etwas auf den Präsidenten kommen. Aus Angst, aber oft auch aus Dankbarkeit? Dafür, dass er Straßen bauen lässt und in Kigali eine beachtliche Start-up-Szene angesiedelt hat. Dass er dafür gesorgt hat, dass mehr als 90 Prozent aller Kinder eine Schule besuchen. Dass die Sicherheitslage die vielleicht beste in einem afrikanischen Land ist.

Sauber, friedlich, erfolgreich

Ruanda will der Welt mit Macht zeigen, dass es sich in den vergangenen 23 Jahren grundlegend gewandelt hat. Dass Afrika auch sein kann wie Ruanda – sauber, friedlich und erfolgreich.

Wer wilde Tiere sehen möchte, kann dies trotzdem tun: Ganz im Norden, in den Vulcano-Bergen leben rund 400 Berggorillas. Der Besuch einiger Gorilla-Familien ist möglich. Vor einigen Wochen verdoppelte Ruanda den Preis pro Person auf 1500 Dollar. Hodali, unser Fahrer, sagt: „Das ist jetzt aber etwas übertrieben.“