Geburtshilfe

Geburtshilfe: Warum Hebammen so wichtig sind

Sie sind Vertrauensperson und medizinische Fachperson in einem: Hebammen. Doch statt sich ausschließlich Schwangeren und jungen Müttern zu widmen, kämpfen sie nun schon wieder: Der Spruch einer Schiedsstelle könnte den „Untergang der Hausgeburt“ einläuten.

Von Lisa Harmann 28.09.2015, 14:44

Der Deutsche Hebammenverband befürchtet den „Untergang der Hausgeburt“. Der Grund: Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) hat vergangenen Freitag unter anderem Ausschklusskriterien für die Hausgeburt festgelegt. In Zukunft sollen Schwangere, die den errechneten Entbindungstermin über drei Tage überschritten haben und ihr Baby zu Hause bekommen möchten, die Erlaubnis eines Arztes brauchen – nur dann bezahlt die Kasse die Geburt.

Ausschlusskriterien für die Hausgeburt

Damit wird nicht nur das Selbstbestimmungsrecht der Frauen beschnitten, sondern auch die Kompetenz der Hebammen angezweifelt. Sie dürfen nicht mehr selbst entscheiden, ob bei der von ihr betreuten Frau etwas gegen eine Hausgeburt spricht. „Die Etablierung von Ausschlusskriterien hat nichts mit einer Qualitätsverbesserung in der außerklinischen Geburtshilfe zu tun, sondern bewirkt deren Abschaffung“, sagt Katharina Jeschke, Verhandlungsführerin des Deutschen Hebammenverbandes und Präsidiumsmitglied.

Die Haftpflichtsumme ist gestiegen

Auch die Berliner Hebamme Jana Friedrich ist nicht glücklich mit dem Schiedsspruch. „Der Beginn des Lebens ist so wichtig“, sagt sie, „es ist immer wieder ein einschneidender und unglaublicher Moment, wenn eine Familie entsteht“.

Seit 17 Jahren begleitet Jana Friedrich Frauen durch die Schwangerschaft, bei der Geburt und während des Wochenbetts. Und nie war das schwieriger als heute. Das liegt nicht an den Schwangeren, sondern an der politischen Situation der Hebammen.

Seit die Haftpflichtsumme für freie Hebammen in den letzten Jahren von 404 Euro Prämie im Jahr 2000 auf aktuell 6247 Euro gestiegen ist, geben viele Geburtshelferinnen ihren Job auf. Zwar nimmt die Zahl der so genannten Geburtsschäden immer weiter ab, die verhandelten Summen jedoch werden immer höher, was für die Versicherer ein großes Risiko darstellt. Für eine Hebamme sind die über 6000 Euro pro Jahr eine enorme Belastung.

Frauen brauchen Hebammen

Eine Geburt ist bei weitem nicht nur ein medizinisches Ereignis, sondern auch ein Einschnitt, der das Leben komplett verändert. Dabei brauchen Frauen Hebammen. Denn obwohl Gebären bei uns nie sicherer war als heute, nimmt die Verunsicherung der Frauen zu.

Es fehlt der Rat der Großfamilie, die heute bei vielen nicht mehr nebenan wohnt. Die Hebamme wird zur sozialen Begleiterin der Schwangeren. Vielmehr als das wird sie aber zur Vertrauensperson, die für die Interessen der Frau eintritt. Durch die intensive Eins-zu-Eins-Betreuung kann sie Risiken schneller erkennen. Das gilt auch für die Klinikgeburt.

Eine Hebamme ist eine medizinische Fachkraft. Neben dieser Kompetenz seien Hebammen zudem nicht so „defizit-orientiert“, sagt Jana Friedrich. „Wir sind positiv und vermitteln wirklich noch die gute Hoffnung.“

Statt Frauen bei Komplikationen Angst zu machen, versuchten sie, ihr Selbstbewusstsein zu stärken, um möglichst kraftvoll die Schwierigkeiten zu meistern. „Wir unterstützen zudem das Selbstbestimmungsrecht der Frauen“. Schwer vorstellbar, dass diese intensive und persönliche Betreuung in einem Klinikbetrieb auch gewährleistet wäre.

Warum uns das alle betrifft

Bei den Bemühungen um die Rettung der Hebammen geht es nicht nur um den Berufsstand der Gebutshelferinnen. Es geht um die Selbstbestimmung der Frau, die mit dem Urteil der Schiedsstelle beschnitten wird. Den Geburtsort des Kindes nicht mehr selbst bestimmen zu dürfen ist für viele nicht hinnehmbar. Die Berliner Hebamme Anja Gaca schreibt in ihrem Blog „Von guten Eltern“:

„Wir sind keine Verhandler, Lobbyisten oder Juristen, die Dinge auf einer knallharten sachlichen unemotionalen Ebene durchfechten können. Wir können die Empathie mit den Frauen und auch unsere Emotionen nicht einfach am Verhandlungstisch abgeben. Doch das braucht es wahrscheinlich, um wirklich knallhart verhandeln zu können. Wir werden aber immer als Hebamme denken und fühlen. Deshalb ist es längst Zeit, dass andere diese Aufgabe übernehmen.“

Mit dem Verein Mother Hood hat sich ein solcher Unterstützer gegründet. Der Verein ging aus der Facebookgruppe „Hebammenunterstützung“ mit über 16.000 Mitgliedern hervor. Mit zahlreichen Aktionen machen Eltern seit Februar 2014 auf die größer werdenden Missstände in der geburtshilflichen Versorgung in Deutschland aufmerksam.

Jana Friedrich hat zwei eigene Kinder. Eines hat sie aus der Beckenendlage in der Klinik spontan geboren. Eines hat sie zu Hause bekommen. Ob diese Möglichkeit auch weiteren Frauen in Deutschland möglich sein wird, ist noch im Unklaren. Soalnge sie Hebamme ist, wird sie in ihrem Hebammenblog weiter über Geburten und das Leben in der Geburtshilfe berichten, das ihr so viel bedeutet – und das gerade so unsicher ist wie nie zuvor.