Theater

Theater: Die Sehnsucht nach einem Stück vom großen Glück

Halle (Saale)/MZ. - Pinneberg heißt er, der kleine Mann. Verkäufer ist er, einer von Tausenden. Und wiedie vielen Anderen will er vom großen Glück nur ein kleines Stück für sich und sein Lämmchen. Aber selbst dieser Wunsch bleibt unerfüllt, wenn man als ehrlicher Mann unter Karrieristen und Betrügern lebt ...

Von Andreas Hillger

Pinneberg heißt er, der kleine Mann. Verkäufer ist er, einer von Tausenden. Und wiedie vielen Anderen will er vom großen Glück nur ein kleines Stück für sich und sein Lämmchen. Aber selbst dieser Wunsch bleibt unerfüllt, wenn man als ehrlicher Mann unter Karrieristen und Betrügern lebt ...

Hans Falladas Roman „Kleiner Mann - was nun?“ erzählt ein konkretes Schicksal in einer allgemeinen Krisenzeit, die der Gegenwart nicht unähnlich ist. Das Lamento der Vermieterin über ihr verlorenes Vermögen, der Leistungsdruck auf die Angestellten, die Schamlosigkeit der Hasardeure - all dies hat seine Entsprechung im Hier und Heute. Und eben darum ist es gut, dass Katka Schroth in ihrer schönen, wenngleich etwas zu lang geratenen Inszenierung am Thalia-Theater Halle auf jede plumpe Aktualisierung verzichtet. Der Bühnenraum von Christian Beck und die Kostüme von Elke von Sievers verorten die Geschichte in einer Zeitlosigkeit, die in ihrer Überzeichnung gelegentlich struwwelpeterhafte Züge trägt. Vor allem im Kontor des Getreidehändlers Kleinholz begegnet man mit dem hochtoupierten Schulz (Hartmut Jonas) und dem streng gescheitelten Lauterbach (André Hinderlich) zwei schrägen Typen, die charakteristisch für das Zeitbild zwischen Dekadenz und Diktatur sind.

Auch der Nudist Heilbutt (Enrico Petters) und Pinnebergs mondäne Mutter (Sophie Lüpfert), der selbstgefällige Ufa-Schauspieler Schlüter (Axel Gärtner) und der Schwerenöter Jachmann (Jörg Kunze) sind treffend gezeichnet, in kleineren Rollen zeigen Harald Höbinger, Frank Schilcher und Natascha Mamier ihre Wandelbarkeit.

In den Mittelpunkt dieses sehenswerten Ensembles aber tritt ein junges Paar, das man sofort ins Herz schließt: Florian Ulrich Strauch ist der schlaksige, ein wenig ungelenke Pinneberg, dessen Naivität und Treue unmittelbar anrührt. Und Louise Nowitzki wirkt als pragmatisch zupackende, dabei aber bedingungslos liebende Frau wie eine Idealbesetzung fürjenes Lämmchen, das seinen Mann zärtlich „Junge“ und sein Kind verspielt „Murkel“ nennt.

Für die Liebe dieser jungen Menschen und für deren Bedrohung durch die Außenwelt findet Katka Schroth berückend schöne Bilder: Sie leben am Anfang auf und aus dem Koffer, leiden unter dem Spitzendeckchen-Idyll der möblierten Zimmer und landen - nach einem Zwischenstopp im mütterlichen Badezimmer - schließlich buchstäblich in der Wildnis. Die Souveränität, mit derdie Regie die Erzählperspektiven und die ästhetischen Mittel handhabt und wechselt, ist beeindruckend. Da entwerfen sich die Figuren ihre Horizonte selbst, da verwandeln sich die Sommerfrischler in Landschaft und die Verkäufer in Kleiderpuppen. Und während die Drehbühne kreiselt, dreht sich auch die Spirale abwärts, bis am Ende die Heiterkeit durch Schrecken vertrieben ist. Vom Rand der Bühne aber blickt ein Pferdekopf mit glühenden Augen ins Publikum. Er erinnert an ein uraltes Märchen, dem Rudolf Ditzen sein Pseudonym entlehnt hat: O Fallada, der Du hangest ...

Nächste Vorstellungen: Samstag, 20 Uhr; 25. Oktober, 17 Uhr