Stefan Diestelmann

Stefan Diestelmann: Blues-König der DDR starb einsam im Westen

Halle (Saale) - Er hat sie gehasst. Das sagte er zumindest. „Sie waren immer um mich herum“, glaubte Stefan Diestelmann, „aber ich wusste nie, wer es war.“ Erst später, da war die DDR schon fort und seine Karriere ruiniert, saht er die Liste. All die Namen. All die Bekannten. Die Freunde. Er wollte keinen nennen, keinen einzigen. „Zu viel der ...

Von Steffen Könau 16.07.2016, 18:45

Er hat sie gehasst. Das sagte er zumindest. „Sie waren immer um mich herum“, glaubte Stefan Diestelmann, „aber ich wusste nie, wer es war.“ Erst später, da war die DDR schon fort und seine Karriere ruiniert, saht er die Liste. All die Namen. All die Bekannten. Die Freunde. Er wollte keinen nennen, keinen einzigen. „Zu viel der Ehre.“

Stefan Diestelmann lebte da schon im 20. Jahr nach dem großen Ruhm. Ein neues Leben, sagte er. Die CDs, die er gelegentlich noch für sich selbst einspielte, verkaufte die Metzgersfrau im Ort. „Du machst doch gute Musik“, hatte sie ihren Nachbarn gelobt, „die können wir doch in den Laden legen.“ Diestelmann war sich nicht sicher, ob er das wollte. Aber der Mann, der einmal einer der bekanntesten deutschen Bluesmusiker gewesen war, ist nie frei gewesen von Eitelkeiten. „Die CDs waren in kurzer Zeit alle weg“, freute er sich.

Diestelmann lebte nach Flucht bei ehemaligem Lindenberg-Pianisten Gottfried Böttger

Es gibt sie noch, die alten Fans, die er hinter sich gelassen zu haben glaubte, als er alle Brücken abbrach. Die Flucht in den Westen war nur ein ganz unspektakuläres Drübenbleiben. Nach einem Konzert war Diestelmann einfach nicht mehr zurückgefahren in die DDR. Zuerst wohnte er bei seinem langjährigen Freund und Mitmusiker, dem ehemaligen Lindenberg-Pianisten Gottfried Böttger. Dann zog er nach Unterpfaffenhofen um, ins Haus des Produzenten Ralph Siegel. Aber der habe ihm „vorher nicht erzählt, was ich für den für Scheiße schreiben sollte“. Auch dahin ist Stefan Diestelmann schließlich einfach nicht mehr gegangen. Überhaupt nirgendwohin. „Eines Tages war er verschwunden“, erinnert sich Gottfried Böttger, „man hat nie mehr von ihm gehört.“

Für einen wie Diestelmann, der Ruhm und Aufmerksamkeit genoss, eine rätselhafte Entscheidung. Doch die jetzt aufgetauchten Stasiakten des gebürtigen Münchners verraten, wie einer mit seiner Lebensgeschichte aus der Bahn geraten kann. Unter dem Aktenzeichen XV/7032/81 führte die Staatssicherheit über Jahre hinweg die Operative Personenkontrolle „Diestel“ durch. Zwei  Hefter voller Bezichtigungen, voller Verrat, voller Vorladungsprotokolle, Konzertkritiken und voller Pläne zur Rettung einer frei herumfliegenden Künstlerseele vor den Verlockungen des Klassenfeindes.

Die Kindheit des Stefan Diestelmann war ein Albtraum

Für Diestelmann, nach außen laut und fröhlich, inwendig aber ein von Dämonen aus der Kindheit geschüttelter Mann, ein Albtraum. Mit 13 schleppte sein Vater, der Defa-Schauspieler Jochen Diestelmann, ihn gegen seinen Willen in die DDR. Diestelmann senior spielte damals für Konrad Wolf und Frank Beyer, ein kleiner Star, dem die DDR nach dem Mauerbau ein Ultimatum stellte. Wer im Osten arbeitet, muss im Osten leben. „Da hieß es zack“, formulierte Stefan Diestelmann, „ab in den Osten.“

Hier ist der kleine Stefan ein Paria, der gemobbt wird. „Ich habe gebayert“, sagte er, „und ich wusste, was die uns in der Schule für einen Unsinn erzählen.“ Brot zehn Mark im Westen? Butter fünf?

Weder Lehrer noch Schüler mögen Stefan Diestelmann

Wenn Lehrer versuchen, Klassenkampf im Unterricht unterzubringen, schlägt der kleine Wessi dazwischen. „Unsinn“, ruft Diestelmann dann. Nicht nur seine Mitschüler mögen ihn nicht, sondern auch die Lehrer. Das macht ihn stark. „Vater schlug zu, Mutter schlug zu, ich musste Lederhosen tragen und durfte nur die Musik hören, die sie mich hören ließen.“ Vater Diestelmann hat eigens einen Lautsprecher ins Zimmer des Juniors gelegt, den er von außen beschickt. „Da gab es Jazz und Blues“, so Diestelmann, der lieber Stones und Beatles gehört hätte. „Aber das war ja Drecksmusik, Gülle, das durfte nicht sein.“

Diestelmann und der Blues, später ein Traumpaar, hier noch eine arrangierte Ehe. Blues darf er, Vater erlaubt es. Und der kleine Stefan beginnt, ihn zu lieben. „Mich hat der Rhythmus angemacht“, beschreibt er später, „das war alles so frei in die Welt gesungen.“ Diestelmann hat eine Fünf in Musik, aber er spielt BB King und Muddy Waters auf der Gitarre, die ihm die Eltern schenkten. Ohne Unterricht. Er kann es einfach. Mit der Gitarre ist er nun wer. Wenn er singt, empfängt er Bewunderung. Ein Hochgefühl, dem Diestelmann ein Leben lang nachjagen wird: im Mittelpunkt stehen, der sein, zu dem alle aufschauen.

Republikflucht endet in Besserungsanstalt bei Regis-Breitingen

Der Osten ist für so einen zu klein. Die Stars, die er anhimmelt, mit denen er entschlossen ist, eines Tages zu spielen, die stehen im Westen auf der Bühne. „Ich wollte einfach rüber, zurück nach Hause“, sagte er. Vorsichtige Erkundigungen nach Fluchtmöglichkeiten enden im Desaster. Diestelmann kommt wegen Republikflucht in eine Besserungsanstalt bei Regis-Breitingen. „Drei Jahre habe ich abgesessen“, behauptet er später stets.

Diestelmann sieht sich als Überlebenden, aller Illusionen beraubt. „Ich habe beim Obsthandel gearbeitet, erst als Unterkistenstapler, dann als Oberkistenstapler.“  Nach Feierabend beginnt er, Songs aufzunehmen. Er spielt nur für sich. Bis es an der Tür läutet und der Gitarrist Axel Stammberger nachfragt, ob Diestelmann nicht Lust hätte, bei seiner Band mitzumachen. Diestelmann hat, aber er hat auch Bammel. „Das waren alles Profis“, denkt er damals und glaubt: „Ich mit meinem Geschrubbe kann da nicht mithalten.“

Stefan Diestelmann wird Frontmann von Vai Hu

Aber die Kollegen lieben es. Stefan Diestelmann wird Frontmann von Vai Hu, er feiert Erfolge, spürt, was er sein kann. Als er fühlt, dass da noch mehr geht, macht er sich selbstständig. Seine erste Solo-Platte schlägt alle Rekorde. Aus 2 000 Exemplaren werden 250 000. Die Hallen sind voll. Er bekommt „wegen seiner Popularität“ den Berufsausweis geschenkt. Die zweite LP „Hofmusik“ ist dann ein Triumph. Diestelmann wird zum König des Blues in der DDR, ein bärtiger, langhaariger Guru, dem hunderte Fans hinterhertrampen. Denen gibt er was so selten ist in der Nach-Biermann-DDR, die nur noch systemtreue und ausgereiste Künstler hat. „Ich habe meine Witze gerissen“, sagt er, „und mich lustig gemacht über die Bonzen.“

So reagierte die Stasi auf Stefan Diestelmann

Die Stasi steht bald immer hinten im Saal und schreibt mit. Wie Diestelmann bei einem Konzert am 17. Juni Brecht zitiert mit dem Satz, dass die Regierung sich ein neues Volk wählen könne. Wie er über sein kaputtes Telefon schimpft. Und sich frage, ob er bald auch in den Westen getrieben werde.

Kein gutes Vorbild für die Jugend. Die IMs „Wolfgang Schubert“, „Weiß“ und „Jazz“ beobachten ihn, die Stasi-Offiziere Gerold und Häbler hören Aufzeichnungen seiner Konzerte ab. „Jeden Montag musste ich im Ministerium erscheinen, um mich dort für irgendeinen Spruch zu rechtfertigen.“ Diestelmann ist kein Dissident. Er ist nur stur. Was er dafür hält, ist die Wahrheit. Was andere sagen, interessiert ihn nicht. Er verdient mehr Geld, als er ausgeben kann. Er spielt bis zu 370 Konzerte im Jahr, „manchmal vier an einem Tag“, so der Blues-König. Seine Lieder sind keine Hits. Doch jeder DDR-Tramper versucht, sie auf seiner Mundharmonika nachzublasen.

Bedenkliche Stellung zu Fragen des Lebens in der DDR

Schlecht, dass der Mann „eine äußerst bedenkliche Stellung zu Fragen des Lebens in der DDR“ bezieht, wie ein eilfertiger Spitzel nach einem Konzert in Salzwedel meldet. Auch in Dresden findet sich ein IM, der Diestelmann vorwirft, „Jugendliche geradezu aufzufordern, einen leichten Lebenswandel zu führen“. Die Stasi führt ihn nun als Staatsfeind. „Es ist einzuschätzen, dass die Persönlichkeit des D. bereits in seinen jungen Jahren negative Merkmale aufwies.“
Hinzu kommen nun ein „politisch zweideutiges Auftreten“ und seine Kontakte zu Westdeutschen. So habe er Gottfried Böttger, den Pianisten von Udo Lindenberg, als Musiker in eines seiner Konzerte geschmuggelt. Und bundesdeutsche Politiker und ARD-Reporter besuchten seine Wohnung und nachts gibt es immer wieder wilde Sessions mit dem Amerikaner Harmonica Phil Wiggins und Blues-Legende Louisiana Red.

Es hagelt Auftrittsverbote, weil Diestelmann „Jugendliche anzieht, die die Ordnung und Sicherheit gefährden“, wie die Stasi schreibt. Der Blues-Mann ist empört, er streitet mit Veranstaltern, beschwert sich und droht mit dem Westfernsehen. Da lässt die DDR dann doch mit sich reden: Hinter den Kulissen gibt es einen Handel.

Auftritt in NDR-Talkshow

Der unangepasste Sänger verspricht, seine Zunge zu zügeln. Und der Staat stellt ihm für diese Rückkehr auf den Pfad der sozialistischen Tugend die baldige Möglichkeit in Aussicht, auch mal im Westen auftreten zu dürfen. Diestelmann gibt klein bei. „Ich dachte immer, im Westen spielen, das verdient man, weil man gut ist“, sagte er, „die machten einem klar, dass sie das wie einen Preis verleihen.“

Als es so aussieht, als hätten sie ihn wieder integriert, ist er in Gedanken schon ausgereist. Jetzt bekommt er den ersehnten Pass, jetzt bekommt er West-Engagements, die er genießt. In einer NDR-Talkshow trägt Diestelmann eine rote Latzhose, während er mit Gottfried Böttger seinen Boogie Woogie spielt. „An der Garderobe müssen Sie noch arbeiten“, sagt danach jemand vom Sender zu ihm.

Diestelmann ist dazu bereit. Er will nicht mehr Ossi sein, er will den Schatten der Stasi loswerden. „Ich wollte nicht mehr darum bangen müssen, wann sie mir die Genehmigung, in den Westen zu fahren, wieder wegnehmen.“ Vor einem Festival im Westen sagt er niemandem Bescheid. Er bleibt einfach drüben. Die Stasi löst eine Fahndung nach ihm aus. Stellt sie aber wenig später mit der Begründung wieder ein, inzwischen sei bekannt, dass der Gesuchte sich nicht mehr in der DDR aufhalte.

Stefan Diestelmann hat sich seine Wurzeln ausgerissen. Das verträgt der Blues gar nicht gut. Die ersten Jahre tingelte er noch, hoffnungsvoll und mit Freunden. „Ich wusste, dass ich auf einem anderen Niveau weitermachen muss“, sagte er, „aber ich hatte keinen Zweifel, dass ich weitermachen kann.“ Der Westen bot ihm Cafés statt Konzerthallen. Er war Vorprogramm statt Hauptperson. Er war frei, aber die Jahre im Schatten der Stasi hatten ihn nicht freier gemacht. Diestelmann gab auf. Er gründete eine Firma und drehte Werbefilme für Hotels. Er machte Witze. Keine Musik mehr. Sein Blick auf die Ex-Kollegen ist garstig, damals: Die machten alle immer weiter, hätten keine Würde abzutreten, ätzt er: „Selbst, wenn es längst nötig wäre.“

Stefan Diestelmann stirbt an einem Tag im März des Jahres 2007. Sein Arzt, der auch Nachbar und letzter Freund war, bittet um Respekt für den Wunsch des Toten, dass weder bekannt werden soll, woran er gestorben ist, noch, wo der König des Blues begraben liegt. (mz)