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Leipzig Leipzig: In guter Gesellschaft - Fotograf Thomas Steinert

Von CHRISTIAN EGER 25.05.2011, 18:17

Halle (Saale)/MZ. - Fotografieren, um auf der Welt zu sein. Das war der Impuls, der Thomas Steinert zur Kamera greifen ließ. Den "Trottel vom Lande", als den er sich selbst im nachhinein bezeichnet. Ein Junge vom Jahrgang 1949, den es von Burgstädt aus in die sächsische Welt zog. Ins Nicht-Dorf.

Zuerst zur Ausbildung als Metallhüttenfacharbeiter mit Abitur nach Freiberg. Nicht, weil sich Steinert für das Hüttenwesen interessierte, sondern weil es die einzige Chance war, dem Dorf zu entkommen. Internatsjahre folgten, die der ausgebildete Segelflieger als "Tortur" erleben sollte - und die er nur durchstand, in dem er nebenbei fotografierte.

1972 landete Thomas Steinert dort, wohin er tatsächlich wollte: an die Leipziger Kunsthochschule, um Fotografie zu studieren. Der erste Tag? "Ein angeheiterter Dozent hieß uns an der Schule willkommen. Das Thema der ersten Vollversammlung in der Fachabteilung lautete: ,Die Überhandnahme der Diebstähle'." Die Zeiten blieben tragikomisch - und deren Personal auch. Zu diesem gehörte der Maler-Manierist Werner Tübke (1929-2004), der von 1973 bis 1976 Rektor der Kunsthochschule war.

Auftritt Werner Tübke

Ein Mann, an den sich Steinert bestens erinnert. "Von der Militärausbildung zu Beginn des zweiten Studienjahres zurückgekehrt, empfing uns der neue Rektor Professor Werner Tübke mit seiner Antrittsrede", schreibt der Fotograf nun in einem sehr lesenswerten Erinnerungstext , der seinem im Mitteldeutschen Verlag veröffentlichten Werkbildband beigeben ist.

Tübke also. "Als Erstes ordnete er die Entfernung der Sofas aus den Klassenräumen, den Umbau des Studentenklubs im Keller zur Turnhalle und das Verbot der Abgabe von Alkohol in der Betriebsverkaufsstelle an. Er, der wohl am meisten darunter gelitten hat, mit gewöhnlichen Sterblichen verkehren zu müssen, ließ keine Gelegenheit aus, um irgendjemand ,herunterzumachen'. Ich musste einmal als Strafarbeit 150 Urkunden der Massenbewegung ,Eile mit Meile' fotografisch vervielfältigen, die er anschließend handsignierte. Wollte man künstlerisch weiterkommen, so bot die Schulbibliothek genügend Anregungen, und 1976 rissen unter seinem Nachfolger auch die alten Zustände wieder ein. Es war nicht alles schlecht."

Was "es" tatsächlich war, zeigt Steinerts Bildband, der unter dem Titel "sehenden auges" Fotografien aus Leipzig aus den Jahren 1969 bis 1996 versammelt. Im Stadtteil Connewitz eingefangene Szenen vom Rand der offiziellen Welt. Schwarzweißbilder, die Menschen in ihren Gehäusen zeigen: den Kneipen, Geschäften, Wohnungen.

Fotos von sogenannten Betriebsvergnügen, die nur mit einer Unterwäschemodenschau vollständig waren. Faschingsfeiern im Klubhaus "Erich Zeigner". Menschen, die auf eine Badewanne im Grassi-Bad angewiesen waren. Eine junge Frau, die den Abend vor ihrer Ausreise in einer leeren Gaststätte verbringt. Oder drei Männer zur Mittagspause im Bauwagen: drei Stadien der Erschöpfung.

Was Steinert bietet, sind keine Folklore-, sondern Gesellschaftsbilder. Nie sentimental, aber gefühlvoll. Nicht lustig, aber zuweilen humorvoll. In Gestalt und Gehalt lakonisch, genau, nicht korrumpiert. Steinert, der sich nach dem Studium mit düsteren Brotarbeiten durchschlagen musste (eine seiner Ansichtskarten schaffte es in Martin Parrs Erfolgsbuch "Langweilige Postkarten"), war immer ein Randständiger - auch innerhalb des ostdeutschen Fotografen-Betriebes.

Steinerts Werk: Das ist weder reportagehafte noch konzeptuelle Fotografie. Sondern sozialer Realismus, jeweils mit einem kleinen Überschuss Metaphysik - oder Poesie. Dagegen wirkt vieles an heute hoch gehandelter Ost-Fotografie als gefällig. Man denkt an August Sanders (1876-1964) Menschen- und Berufsbilder der 20er Jahre. Wie Sander ist Steinert ein originärer und seelenvoller Chronist. Einer, der seinen großen öffentlichen Durchbruch noch erleben wird.

Eine Klasse für sich

Dieser gelungene, auf Deutsch und Englisch betextete Bildband arbeitet dem zu. Das von dem Kunstjournalisten Gerhard Mack geschriebene Vorwort ist zutreffend in jedem Urteil. Man schaut, liest und begreift: Steinert ist keine "Leipziger Schule", sondern eine Klasse für sich. Hierzulande weiß man das.

2009 war eine Werkauswahl im Schloss Moritzburg in Zeitz zu sehen. Die Fotos zu den Lebensstationen des Vormärz-Dichters Ernst Ortlepp aus Droyßig erschienen 2010. Nur die mehr als 1 000 Fotografien zu den Stationen des Philosophen Friedrich Nietzsche warten auf ihren öffentlichen Auftritt.