Kroch-Bank in Leipzig

Kroch-Bank in Leipzig: Die Geschichte des ersten Hochhauses in Deutschland

Leipzig - Deutschlands erstes Hochhaus: Vor 90 Jahren eröffnete die Kroch-Bank einen Neubau in Leipzig. Erstmals wird die Geschichte der jüdischen Firma erzählt.

Von Christian Eger

Die Nazis waren schnell zur Stelle. Drei Monate nach der Machtübernahme ergriffen sie in der „Leipziger Tageszeitung“ das Wort. In halsbrecherischen Reimen hetzten sie im April 1933 gegen das Haus, den Eigentümer und dessen Familie.

„Es war einmal, wißt ihr es noch, / ein reicher Jud’, wie hieß er doch? / Der ließ sich einen Turm erbau’n. / Die ganze Stadt soll danach schau’n.“ Dieser Turm, so merkt der anonyme Autor an, sei „der Juden Machtsymbol“, von einer nicht-völkischen Skulpturengruppe dekoriert: „Den Hammer schwingt die starke Hand, / die Sichel schmiedend, werkgewandt“. Des „Sowjetstaat’s Symbol“ werde hier Stunde um Stunde vorgeführt: „Stern, Hammer, Sichel eng vereint“.

Nichts davon ist wahr - bis auf die jüdische Eigentümerschaft. Der 1928 am Leipziger Augustusplatz eröffnete Firmensitz der Kroch-Bank wird keinesfalls von einer bolschewistischen Kampfkapelle, sondern von zwei jeweils 3,30 Meter großen bronzenen Figuren besetzt, die stündlich mit langen Hämmern drei übereinander gehängte Glocken schlagen - gestaltet nach einem Vorbild in Venedig: den Glockenmännern auf dem Uhrenturm vom Markusplatz aus dem Jahr 1499.

Arbeit überwindet alles

Das Leipziger Haus ist nicht irgendein Gebäude, sondern das erste Hochhaus in Deutschland: 43,20 Meter steil, errichtet nach Plänen des Architekten German Bestelmeyer. Die Stadt Leipzig bestand auf der baupolizeilich festgelegten Maximalhöhe von 39 Metern; die Einigung erfolgte in letzter Minute. Als das Bankhaus eröffnet wurde, galt der Zwölfgeschosser in der Fachpresse als ein Glanzstück, an dem nur eines zu kritisieren sei - nämlich, „daß er nicht noch wesentlich höher gebaut werden durfte“.

An seinem Eigentümer, dem Leipziger Bankier und Großunternehmer Hans Kroch (1887-1970), hat es nicht gelegen. Der setzte auf Wachstum. Auf etwa zwölf Firmen brachte es der von seinem Vater Samuel übernommene Familienkonzern vor 1945. Als dessen Zentrum agierten das Bankhaus Kroch (1877) und die „AG für Haus- und Grundbesitz“ (1922). „Omnia vincit labor“, Arbeit überwindet alles, verkündet die lateinische Inschrift auf dem Sockel der Turm-Glockenmänner. Ein Irrtum. Vieles kann die Arbeit überwinden. Alles nicht.

Von 1933 an bis 1989 wurde das Firmengeflecht, von dessen gesellschaftlichem und kulturellen Einsatz Leipzig bis heute profitiert, rücksichtslos zerschlagen. Erst nach 1990 bestand die Chance, das vielfache Unrecht in Teilen zu heilen. Wie das geschah, haben jetzt drei Autoren rekonstruiert: der Berliner Bankkaufmann und Jurist Hans-Otto Spithaler, der Zürcher Jurist Rolf H. Weber und die Berliner Journalistin Monika Zimmermann, von 2000 bis 2004 Chefredakteurin der Mitteldeutschen Zeitung.

„Kroch - der Name bleibt“ heißt das Buch, das nicht die Geschichte einer Familie, sondern eines jüdischen Unternehmens in Leipzig erzählt, das unter anderem den noch heute stehenden „Industrie-Palast“ (1911) und die Bauhaus-nahe Wohnsiedlung in Neu-Gohlis - die sogenannte Krochsiedlung (1929-1930) - errichtet hatte. Sich auf das Schicksal von Einzelpersonen zu fokussieren, hätte die Familie nicht gewollt, teilen die Autoren mit.

Von der DDR enteignet

Ein Umstand, der dem Leser keinen kulturhistorischen Schmöker, sondern ein wirtschaftsgeschichtliches Sachbuch beschert: eine detailkundige Firmengeschichte, die es aber in sich hat - vor allem in ihren Partien zur NS- und DDR-Zeit. Für eine „Wiedergutmachung“ sah sich die DDR, die sich auch juristisch aus der deutschen Geschichte verabschiedet hatte, in keiner Pflicht. Vom Unrecht wurde profitiert.

Das Schicksal des Kroch-Hauses ist ein Fallbeispiel unter vielen, aber ein besonders abenteuerliches. Das Bankhaus war auf einem Universitäts-eigenen Grundstück errichtet worden, das den Krochs in einem Erbbaurechtsvertrag für 50 Jahre überlassen worden war. Die Universität, der die rechtliche Lage zu DDR-Zeiten bedenklich erschien, ließ das Gebäude denn auch ungenutzt. Erst 1978, mit Ablauf des Erbbaurechts, erhob die Schule Anspruch auf das Gebäude. Die DDR-Regierung reagierte sofort: Sie enteignete die Universität, indem sie das Grundstück dem Staatseigentum zuschlug, ohne es zu nutzen.

Ostdeutscher Aktienraub

Nicht ganz. Denn 1983 wurde der unversehrt gebliebene Tresor im Bankhaus geöffnet, in dem ein Großteil der Kroch-Aktien entdeckt wurde. Sowohl der Fund als auch dessen Verbleib wurde bis in die 1990er Jahre verschleiert. Aus gutem Grund: Die Wertpapiere wurden vom Staat an die von Alexander Schalck-Golodkowski aufgebaute „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) übergeben, die mit kriminellen Methoden Kulturgut jeder Art in Devisen ummünzte. Die noch keinesfalls wertlosen Aktien gehörten dazu.

Heute lebt kein einziger Kroch mehr in Leipzig. Die Wege trennten sich nach 1933. Der Bildhauer der Turmfiguren, Joseph Wackerle, avancierte zu einem Lieblingskünstler Hitlers, der ihn in die „Gottbegnadeten“-Liste aufnahm; 1936 fertigte Wackerle Skulpturen-Gruppen für das Olympiastadion. Zwei Jahre bevor sein alter Auftraggeber Hans Kroch ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert worden war, aus dem er 1939 entlassen wurde. Er floh nach Argentinien, um schließlich in Israel zu leben.

Krochs Frau Ella, die mit ihrem Verbleib in Leipzig die Flucht der Familie deckte, wurde 1940 nach Ravensbrück deportiert und zwei Jahre darauf ermordet. Ein Stolperstein vor dem Leipziger Wohnhaus der Familie erinnert an sie. Im Bankhaus sind heute die ägyptischen Sammlungen der Universität zu sehen. Wer die Wände der Schauräume betrachtet, kann das holzgetäfelte Büro von Hans Kroch entdecken.

Spithaler, Weber und Zimmermann: Kroch - der Name bleibt. Das Schicksal eines jüdischen Familienunternehmens in Leipzig. Mitteldeutscher Verlag, Halle, 184 Seiten, mit Abb., 20 Euro

(mz)