Bruce Springsteen

Bruce Springsteen : Autobiografie „Born to run“ zeigt den Weg zum „Boss“

Halle (Saale) - In seiner Autobiografie beschreibt der US-Superstar Bruce Springsteen, wie ihn ein Besuch in der DDR zu einem politischen Künstler machte.

Von Steffen Könau

Die Erleuchtung kam, als der Mann aus New Jersey zum ersten Mal in Europa auftrat. Bruce Springsteen hatte mit dem Album „The River“ gerade seinen größten Erfolg gelandet, sein hemdsärmliger Rock stand dank der Hitsingle „Hungry Heart“ ganz oben in den Charts. Nur wie weiter?

Springsteen selbst war Anfang der 80er Jahre verunsichert und auf der Suche nach seiner Art, mit dem Ruhm umzugehen, wie er in seiner eben erschienenen Autobiografie „Born to Run“ beschreibt.

„Born to run“

Nach seinem ersten Konzert in Berlin im April 1981 fährt der Prediger des amerikanischen Traums gemeinsam mit seinem Freund und Gitarristen Little Steven van Zandt hinüber nach Ostberlin.

Ein Ausflug, der ihr Leben verändern wird. „Man konnte regelrecht die Knute spüren, den lähmenden Stillstand und die ganz reale Erfahrung von Unterdrückung“. Die DDR erscheint dem Songwriter aus den Staaten, aufgewachsen im bitter armen Haushalt eines depressiven Vaters und im Kreise eines irisch-italienischen Clans, albtraumhaft.

Als einen „Schlag ins Gesicht der Menschlichkeit“ empfindet der Autor von ur-amerikanischen Hymnen wie „Thunder Road“ und „Born in the U.S.A.“ den Anblick, der ihn verwandelt.

Aus dem Musiker, bis dahin ohne politische Ambitionen, wird der gesellschaftlich engagierte, auf vielen Hochzeiten mit Greenpeace, Amnesty und der Friedensbewegung tanzende „Boss“.

Die Mauer als Auftrag, so beschreibt Springsteen 35 Jahre später seine Empfindungen. „Wenn du sie erstmal gesehen hattest, konntest du sie nie wieder abschütteln.“

In seiner mit entwaffnender Ehrlichkeit geschriebenen Lebensbeichte lotet der heute 67-Jährige seinen Weg vom Hobbymucker in lokalen Kneipen zum multimillionenschweren Megastar im Stil seiner großen Balladen „The River“ und „4th of July, Asbury Park“ aus.

Lakonisch und humorvoll, über lange Strecken erstaunlich selbstkritisch und konzentriert auf die Zufälle, Freunde und Wegbegleiter, die ihm auf die Sprünge halfen, wird die 1970 beginnende Reise aus dem 50 Meilen südlich von New York City gelegenen Küstenstädtchen Long Branch bis ins Heute zu einer begeisternden Lektüre.

Das liegt auch an Springsteens Art, unaufgeregt zu berichten, aber vor allem daran, dass hier einer der wirklichen Magier der Musikwelt der letzten 30 Jahre ernsthaft Einblicke in seine Gedankenwelt, seine Produktionsmethoden und seine Gefühlsmechanik gibt.

Angefangen von den verqueren Familienverhältnissen über die ersten brotlosen Versuche, sich als Musiker zu etablieren, bis hin zum Durchbruch an die Spitze in einem Moment, als der Künstler glaubt, sein Pulver verschossen zu haben, bleibt nichts verborgen.

Auf der Basis seiner Tagebücher beichtet der Komponist, Texter, Sänger und Gitarrist ein Leben am Abgrund. Hinter der Fassade des Kleinstadt-Romantikers versteckte sich über viele Jahre hinweg ein Junge, der einfach nicht erwachsen werden wollte. Und hinter der rauen Schale des umjubelten Rockgottes lauerte ein Kerl, der für seine geistige Gesundheit selbst keine Hand ins Feuer gelegt hätte.

Ein Jahrzehnt brauchte er, um sich als Profi-Musiker zu etablieren. Ein halbes dann noch, um in die Nähe eines Plattenvertrages zu kommen. Zwei Alben spielte er ein, beide bekamen höflichen Applaus.

Danach, erinnert sich Springsteen, hätten die Leute von der Plattenfirma „geglaubt, wir würden aufgeben und zu unseren Brotjobs zurückkehren oder in den Sümpfen von Jersey verschwinden“. Nur dass er und die Männer, die zum Teil bis heute seine E-Street-Band bilden, „nichts hatten, zu dem wir hätten zurückkehren können“.

In einem kleinen, gemieteten Bungalow gelingt Springsteen der Befreiungsschlag. Auf der Bettkante sitzend, schreibt er „Born to Run“, ein Lied über amerikanische Träume, verchromte Radkappen, Highways und bedingungslose Teenagerromanzen. Es ist der Tag, an dem der wahre Springsteen die Bühne betritt.

Der „Boss“ vor 160.000 Ostdeutschen

Die Straßen führen den bis dahin nahezu einkommenslosen Musikanten zum Reichtum, in den Alkohol, in schnelle Affären und verzweifelte Versuche, sich selbst durch exzessives Herumreisen quer durch die USA irgendwo zu finden.

Vergebens. Der „Boss“, der Zehntausende in seinen Bann schlägt, ist seiner Selbstbeschreibung zufolge abseits von Tonstudio und Arena ein von Dämonen gejagter, zutiefst verunsicherter Kerl, dessen im Verlauf der triumphal erfolgreichen 80er aufgebaute Muskelberge nichts weiter sind als ein Panzer.

Mit ihnen habe er so ausgesehen, wie sein Vater ihn sich immer gewünscht habe, knirscht Springsteen.

Den natürlich nur eine Frau retten konnte, wie in seinen Liedern geträumt. Der ist Springsteen schon begegnet, als er 20 und sie 16 war. Patti Scialfa hatte sich als Background-Sängerin beworben.

Zu jung, sagte Springsteen. 1984 wird sie Mitglied der Band, 1988 steht sie beim Ostberliner Konzert vor 160.000 Fans neben ihrem Boss und erlebt „eine der großartigsten Shows unseres Lebens“ (Springsteen). 14 Monate später fällt die Mauer. Kurz danach heiraten Springsteen und Scialfa. Es war kein guter Tag für die Dämonen.

(mz)