Babelsberg

Babelsberg: Wo Hitchcock in die Lehre ging

Halle (Saale)/MZ. - Da sind Sie jetzt aber wirklich zu spät", zuckt Janine Schumann die Schultern. Die letzte Klappe ist längst gefallen, die Produktion des Hollywood-Epos "Der Wolkenatlas" ist Geschichte. "Ich habe Tom Hanks auch nicht gesehen", tröstet die 24-Jährige vom Sicherheitsdienst des Studio ...

Von ELKE RICHTEr

Da sind Sie jetzt aber wirklich zu spät", zuckt Janine Schumann die Schultern. Die letzte Klappe ist längst gefallen, die Produktion des Hollywood-Epos "Der Wolkenatlas" ist Geschichte. "Ich habe Tom Hanks auch nicht gesehen", tröstet die 24-Jährige vom Sicherheitsdienst des Studio Babelsberg.

An diesem Tag steht die junge Frau im verglasten Häuschen am Haupteingang zum Filmgelände. Hin und wieder öffnet sie die Schranke für ein Auto. Oder sie schaut prüfend zu den jungen Leuten, die, Wollmützen tief ins Gesicht gezogen, an ihr vorbei zu den Gebäuden links und rechts der Straße eilen. Sicher GZSZ-Stars, die am Set erwartet werden.

Es ist kurz vor zehn und ziemlich ruhig zwischen den schmucklosen Gebäuden, die so ganz und gar nichts haben von einer cineastischer Traumfabrik. Nichtsdestotrotz befindet sich genau hier, eine halbe Stunde S-Bahnfahrt von Berlin entfernt, die Wiege des deutschen Films. Hier entstanden zu einer Zeit, als Oscar noch ein ganz gewöhnlicher Name war, Meisterwerke der Filmkunst. Der Science-Fiction-Stummfilm "Metropolis" von Fritz Lang etwa oder "Nosferatu" von Friedrich Wilhelm Murnau. Hier drehte die Defa Kassenschlager wie "Ein heißer Sommer" oder Filme, die in der DDR nie gezeigt wurden ("Das Kaninchen bin ich"). Hier wurden Schauspieler wie Marlene Dietrich und Heinz Rühmann, Erwin Geschonneck oder Angelica Domröse zu Stars.

Kein anderes Filmstudio weltweit kann mit solch bewegender Geschichte aufwarten wie das in Babelsberg, das, gegründet in der Kaiserzeit, zwei Weltkriege überstand und auch zwei Diktaturen und das nun im wiedervereinten Deutschland an alte Ufa-Glanzzeiten anknüpft.

Genügend Stoff gäbe es für einen spannenden Mehrteiler über die illustre Geschichte dieses Filmstudios, das am Sonntag seinen 100. Geburtstag feiert. Ein erster Drehbuch-Entwurf könnte der gerade erschienene bildreiche Jubiläumsband sein, in dem Eike Wolf grad blättert. "Schon Mitte der 20er Jahre", taucht der Chef für Unternehmenskommunikation kurz mal ab in die Vergangenheit, "ist die Ufa das größte und einflussreichste Studio in Europa." Ab 1926 wird im neu gebauten Großatelier, 5 400 Quadratmeter groß und 14 Meter hoch, gedreht. Ein größeres Studio gibt es zu dieser Zeit nirgendwo in Europa. Und auch das drei Jahre später errichtete Tonstudio gilt als der Technik letzter Schrei.

So etwas macht die internationale Filmprominenz neugierig. Sergej Eisenstein, der begnadete Regisseur, schaut sich hier um. Und auch einen unbekannten Regieassistenten zieht es ins Brandenburgische. Er heißt Alfred Hitchcock und dreht 1924 / 25 seinen ersten Film. Jahre später, da ist er schon ein ganz Großer seines Fachs, wird der Regisseur schwärmen: "Alles, was ich über das Filmemachen wissen musste, habe ich in Babelsberg gelernt."

"Hitchcock war unser erster Praktikant", scherzt beim Betriebsrundgang denn auch Angelika Müller, die ins Unternehmen kam, als es noch VEB Defa Studio für Spielfilme hieß und rund 2 400 Beschäftigte zählte. Und die nach der Wende 16 Geschäftsführer hat kommen und gehen sehen. Darunter Regisseur Volker Schlöndorff, der mit seinem Versuch scheiterte, Babelsberg zum europäischen Hollywood zu machen.

Kommunikations-Mitarbeiterin Müller erinnert sich auch an die Zeit vor 20 Jahren, als auf dem Gelände 60 alte Gebäude abgerissen, denkmalgeschützte saniert und später viel Geld reingepumpt wurde, um neue Studios zu bauen und die Technik auf Höchststand zu bringen. Als Glücksgriff erwies sich 2005 auch die Anmietung des benachbarten Grundstücks mit zwei ungenutzten Werkhallen, die zum Neue Studio 1 und Neue Studio 2 ausgebaut wurden. Damit konnte Babelsberg seine Kapazitäten verdoppeln und verfügt heute mit einer Gesamtfläche von 156 000 Quadratmeter inklusive Außensets über Europas größten zusammenhängenden Studiokomplex. Dazu kommt der größte Wassertank Deutschlands für Dreharbeiten über und unter Wasser, der weltgrößte Requisitenfundus sowie ein üppig bestückter Kostümfundus, aus dem sich auch Fernsehsender, Theater oder Privatpersonen bedienen können. "Und was fehlt, das nähen wir," sagt Ilona Kühne, die gerade einen Uniformrock zuschneidet. "Wir orientieren uns an historischen Vorlagen", sagt die Herrenmaßschneiderin, die wie viele andere der knapp 100 Festangestellten des Studios ihr Handwerk in der DDR gelernt hat. "Alles muss stimmen." Wenn hier Fehler gemacht werden, muss schlimmstenfalls die Szene noch mal gedreht werden. Und das kann teuer werden. Deshalb gibt es im Studio Babelsberg mit André König auch einen Experten für Uniformen und Rangabzeichen. Er hat manches Team durch seine Fachkenntnis vor Fehlern bewahrt, erzählt der 39-Jährige.

"Wir bieten optimale Bedingungen für Film-, TV- und Werbeproduktionen", sagt Eike Wolf selbstbewusst und zählt neben den 20 Studios und der ausgezeichneten technischen Ausstattung weitere Gründe auf, warum Babelsberg seit der Jahrtausendwende verstärkt im Scheinwerferlicht internationaler Filmemacher steht. "Unser Plus ist die Nähe zu Berlin und zu vielen historischen Drehorten, die internationale Fluganbindung sowie die gute Infrastruktur mit noblen Hotels und einem facettenreichen Kulturangebot", sagt Eike Wolf und fügt an: "Sicher haben die großen Regisseure den Mythos im Kopf, wenn von Babelsberg die Rede ist, aber eine 100 Millionen Dollar teure Produktion geht dahin, wo die meisten Fördergelder fließen. Und da haben wir rund um den Globus 60 Konkurrenten."

Trotzdem war Babelsberg im letzten Jahrzehnt immer mal wieder erste Wahl bei der Film-Prominenz. Da jagte 2007 Regisseur Tom Tywker das Schauspieler-Duo Clive Owen und Naomi Watts für den furiosen Dreh des Agentenstreifens "The International" durch den täuschend echten Nachbau der Rotunde des New Yorker Guggenheim Museums. Im gleichen Jahr schlüpfte Tom Cruise in Bryan Singers "Operation Walküre" als Stauffenberg in die Wehrmachtsuniform. Quentin Tarantino, nach dem übrigens auch eine Straße auf dem Studiogelände benannt ist, beendete seine Dreharbeiten zu "Inglourious Basterds", da stand schon Regisseur Roman Polanski in den Startlöchern und produzierte nach seinem oscar-gekrönten Holocaust-Drama "Der Pianist" mit "The Ghostwriter" seinen zweiten Streifen im Brandenburgischen.

"Bei solch einem Promi-Auflauf musste ich mich manches Mal kneifen, um zu sehen, ob ich träume. So ähnlich dürfte es auch zu Ufa-Zeiten gewesen sein, als sich hier Stars wie Marlene Dietrich, Henry Porten und Emil Jannings die Klinke in die Hand gaben", vermutet Eike Wolf. Von ihm ist auch zu erfahren, das Szenen für "In Darkness", oscar- nominierter Film des Halleschen Teams "Schmidtz Katze", in Babelsberg gedreht wurden.

Große Ateliers und modernste Technik - das bieten rund um den Globus auch andere Studios. Babelsbergs größtes Potenzial ist sein Art Department, eine über ein Jahrhundert gewachsene künstlerische Abteilung. Hier lassen Tischler und Architekten, Kunstmaler und Stuckateure, Bildhauer und Kostümbildner mit Styropor, Gips, Bitumen, Pigmentfarbe, MDF-Platten und Schellack die kühnsten Träume der Filmschöpfer Wirklichkeit werden. An der Kulisse der gerade abgedrehten Paramount-Produktion "Hansel and Gretel", arbeiteten insgesamt 30 Bildhauer. Roland Emmerich, der im vorigen Jahr sein Shakespeare-Drama "Anonymous" komplett in Babelsberg produzierte, ließ 70 Sets bauen. Robert Krüger, seit 1986 für den Kulissenbau zuständig, legte sich mit seinem Team mächtig ins Zeug und schuf mit der Kopie des Londoner Globe Theatre nebst einer Straßenzeile aus dem 16. Jahrhundert einen Hingucker. Inzwischen ist das Gros der Kulissen abgebaut. Auch die Sets von "Wolkenatlas", der mit 100 Millionen Dollar übrigens der teuerste jemals in Deutschland produzierte Film ist. Jetzt heißt es warten - auf den nächsten Dreh in Babelsberg. Und vielleicht spielt da Tom Hanks auch wieder eine Hauptrolle.