Sparkasse Leipzig

Sparkasse Leipzig: Schweigen, Wegsehen und Schönreden

Berlin/ddp. - Spätestens bei Punkt 3 derTagesordnung, «Risikostrategie», muss der Chef der zweitgrößtenSparkasse in den ostdeutschen Bundesländern den Mut haben, einenhohen Verlust für das Jahr 2007 zu offenbaren, so ein Insider.Ursache sind eine Reihe erheblicher Wertberichtigungen, vor allemdurch fragwürdige Geschäfte unter dem früheren VorstandsvorsitzendenPeter Krakow, die durch Überprüfung einzelner Kreditengagementsseitens der Bank ans Licht gekommen ...

Fahnen wehen in Leipzig vor dem Hochhaus der Sparkasse Leipzig und der Sachsen-LB. (Foto: ddp) ddp

Spätestens bei Punkt 3 derTagesordnung, «Risikostrategie», muss der Chef der zweitgrößtenSparkasse in den ostdeutschen Bundesländern den Mut haben, einenhohen Verlust für das Jahr 2007 zu offenbaren, so ein Insider.Ursache sind eine Reihe erheblicher Wertberichtigungen, vor allemdurch fragwürdige Geschäfte unter dem früheren VorstandsvorsitzendenPeter Krakow, die durch Überprüfung einzelner Kreditengagementsseitens der Bank ans Licht gekommen sind.

Seit Wochen streut Langenfeld Hiobsbotschaften: Reduzierung vonPersonal und Sponsoring, Schließung von Filialen, keine Ausschüttungan die Sachsen Finanzgruppe - die Dachorganisation der sächsischenSparkassen. Nach einem Jahresüberschuss von rund 21 Millionen Euro imvergangenen Jahr hatte Langenfeld den Verwaltungsrat, dasAufsichtsgremium des Leipziger Geldhauses, bereits auf einendramatischen Gewinneinbruch eingeschworen. Es droht neuerdings einMinus in zweistelliger Millionenhöhe für 2007, erzählt ein Insider.Grund seien die erhöhten Einzelwertberichtigungen aus diesem Jahr,die bei einer bankinternen Prüfung der letzten Wochen festgestelltworden seien - ein Ergebnis, das der Politik, vor allem nach derKrise der Sachsen LB, ungelegen kommt. Die Sparkasse selbst wollteauf Anfrage der Nachrichtenagentur ddp «interne Vorgänge in derÖffentlichkeit nicht kommentieren». Für den Verwaltungsrat kann dieGeschäftsentwicklung eigentlich keine Überraschung sein. Im Mai 2006hatte die Wirtschaftprüfungsgesellschaft Deloitte & Touche einen114-seitigen Bericht zu fragwürdigen Kreditengagements der Sparkassevorgelegt. Darin hieß es, dass es «wiederholt zu Auffälligkeitengekommen ist».

Einer der Nutznießer war beispielsweise der ImmobilienentwicklerOliver Hirt, ein Golfpartner und enger Freund von Ex-SparkassenchefKrakow. Krakows Wohnung befindet sich in einem Haus, das einerHirt-Firma gehört. Hirt und einer seiner Geschäftspartner hatten imJahr 2000 über eine andere Bank einen Kredit aus Japan in Höhe von11,8 Millionen Euro erhalten. Damals lagen die Zinsen in Japan beinur 2,28 Prozent, weit unter deutschem Niveau. Für diesen Kredit, soder Bericht, hatte «die Sparkasse unwiderrufliche Garantienabgegeben». Gleichzeitig schloss die Sparkasse mit Hirt und seinemPartner Vermögensverwaltungsverträge über insgesamt 5,6 MillionenEuro ab und sagte eine Verzinsung von neun Prozent zu. Sollte dasErgebnis unter- oder oberhalb dieses Ziels liegen, würde dieSparkasse zur Hälfte an der entsprechenden Differenz beteiligt.

Dieses großzügige Geschäft wurde genehmigt, obwohl die zuständigenMitarbeiter auf «die im Vergleich zu den üblichen Verträgenvorgesehenen Besonderheiten und das damit verbundene erheblicheRisikopotenzial» hinwiesen. Im Deloitte-Bericht wird betont, dass dieSparkasse die Zielrendite von neun Prozent in der Folgezeit nichterreicht hat. Sie musste für das Geschäft mit Hirt deshalb Rücklagenin Höhe von 1,7 Millionen Euro bilden. Die Prüfer bemerkten: «WeitereVerträge dieser Art mit anderen Kunden hat die Sparkasse nichtabgeschlossen.»

In dem Bericht findet man viele ähnlich fragwürdige Kredite derSparkasse mit Hirt und mit Firmen, deren Gesellschafter er ist, sowiemit seinem Geschäftspartner Johannes Schamburg. Im Jahr 2003 wurdenSchulden in Höhe von 4,6 Millionen Euro bei Hirt und Schamburgs FirmaWHD abgelöst durch einen Kredit an eine «im Wesentlichenvermögenslose Gesellschaft» namens Dorana (AlleingesellschafterSchamburg) in Höhe von 11 Millionen Euro. In ihrem Votum meinte dieKreditabteilung der Sparkasse, das Engagement entspreche «nicht dergeltenden Kreditrisikostrategie der Sparkasse».

Besonders kritisieren die Prüfer die Auszahlung von zwei MillionenEuro des Kredits auf ein Privatkonto Schamburgs. LautKreditbeschlussvorlage sollte die Dorana als «eine ArtFinanzierungsgesellschaft der WHD» eingesetzt werden. Dieungewöhnliche Auszahlung auf ein Privatkonto, so die Prüfer, vonKrakow und einem Bevollmächtigten der Bank freigegeben, verstoße«gegen die Beschlussvorlage des Kreditausschusses, gegen dieRegelungen des Kreditvertrages und gegen banküblicheSorgfaltspflichten».

Der Bericht beeindruckte Jung und den restlichenSparkassen-Verwaltungsrat offenbar wenig. Das Gremium sprach «demVorstand mit großer Mehrheit sein Vertrauen» aus. «Verstöße» desVorstands seien «nicht erkennbar». Auf Anfrage zum Vorgang verwiesder Verwaltungsratsvorsitzende Jung an die Sparkasse Leipzig.

Während in Sachsen der Fall langsam verblasste, beschäftigten dieGeschäftspraktiken der Sparkasse Leipzig die darauf aufmerksamgewordene Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin).Die von außen auf den Fall blickende BaFin kam zu einem anderenErgebnis: «Sowohl die Vielzahl als auch der zum Teil sehr gravierendeCharakter dieser Prüfungsfeststellungen machen auch hier weitereErmittlungen erforderlich», teilte die Aufsichtsbehörde der Sparkassein einem der Nachrichtenagentur ddp vorliegenden Brief vom Februar2007 mit. Weiter heißt es, «personen- oder institutsbezogenebankaufsichtliche Maßnahmen» seien nicht mehr auszuschließen. WenigeTage später meldete sich die Bankenaufsicht erneut beimVerwaltungsratsvorsitzenden Jung und monierte die Kreditzahlung aufdas Privatkonto Schamburgs. Krakows Anweisung dafür habe «objektiveine andere Verwendung» gehabt, als in der Beschlussvorlagefestgelegt worden sei. Dem hat Krakow in einer Stellungnahme an dieBaFin vom 29. März 2007 widersprochen: Der Kreditvertrag enthalte«keine Vorgaben bezüglich des Zahlungsweges».

Der BaFin platzte endgültig der Kragen, als sie feststellte, werihre Fragen zu der Schamburg-Gruppe beantwortet hatte: Die Sparkassehatte einen Anwalt beauftragt, der «selbst ein Teil derverfahrensgegenständlichen Johannes Schamburg Gruppe ist.»

Laut einem Mitglied des Verwaltungsrats, das anonym bleiben will,war Krakow Ende März 2007 wegen der Befunde der BaFin nicht mehrlange zu halten. Die Sparkasse verkaufte Krakows frühzeitigesAusscheiden zum Ende August als Erfolg: «Generationswechsel bei derSparkasse Leipzig». Krakow schrieb in einer persönlichen Erklärungebenfalls vom Generationswechsel. Der restliche Vorstand entschiedsich kurzfristig, künftig anderen Aufgaben nachzugehen.

Insgesamt laufen zum Komplex «Sparkasse Leipzig» inzwischenmehrere Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft Leipzig,darunter gegen Krakow wegen Untreue (Aktenzeichen 601 Js 11799/06).Krakow hat auf Anfragen von ddp nicht reagiert.