Klinische Waldtherapie

Für die Forschung im Harzer Wald unterwegs

In Wernigerode läuft in diesen Tagen eine Studie zur klinischen Waldtherapie. Rund 80 Teilnehmer gehen dabei an mehreren Tagen für jeweils zwei Stunden in den Forst.

Von Rita Kunze 08.05.2022, 16:00
Kein Stress: Bei der klinischen Waldtherapie sollen Menschen lernen, zur Ruhe zu kommen und ihre Sinne zu schärfen. Foto: Infta

Wernigerode/MZ - „In Hamburg sagt man: Nicht sabbeln!“ Freundlich, aber bestimmt macht Dr. Hannelore „Lara“ Zapp-Kroll die Gruppe darauf aufmerksam, dass jetzt Stille angesagt ist. Und so machen sich die Männer und Frauen am Stadtrand von Wernigerode im schweigenden Gänsemarsch auf den Weg durch den Wald. Sie sind Teil eines Forschungsprojekts.

Zwei Stunden lang werden sie an diesem Vormittag unterwegs sein, geführt von ihrer Waldtherapeutin. Lara Zapp-Kroll hat in Hamburg als Psychiaterin gearbeitet, jetzt, im Ruhestand, hilft sie Menschen auf andere Weise. Sie hat sich zur Waldtherapeutin ausbilden lassen und leitet in Wernigerode die Probanden an, ihre innere Balance zu finden. In ihrem Rucksack hat sie dafür klappbare Sitzkissen, Lupen und ein Glöckchen dabei.

Die Charité Berlin und der Verein Infta (International Nature and Forest Therapy Alliance) Germany wollen in ihrem gemeinsamen Forschungsprojekt mehr Erkenntnisse zur klinischen Waldtherapie gewinnen. Die Betonung liegt auf „klinisch“ und „Therapie“. Mit „Waldbaden“ hat das nichts zu tun, auch nicht mit einem einfachen Spaziergang im Wald, sagt Dr. Dieter Kotte, Präsident von Infta Germany. Deswegen - und das sei wichtig - würden die Teilnehmer ja auch von einem ausgebildeten Therapeuten begleitet.

Studie wird an vier Standorten geführt

Wernigerode ist einer von vier Standorten des vom Bundeslandwirtschaftsministerium geförderten Forschungsprojektes. Auch in Hamburg, Berlin und Barntrup in Nordrhein-Westfalen wird die Wirkung der klinischen Waldtherapie untersucht. „Eine erste Studie, ein erster Versuch, ein erster Ansatz“, sagt Kotte, um das Heilverfahren als „bezahlte, standardisierte Kassenleistung“ zu etablieren.

Dass der Bund die aktuelle Untersuchung fördere, zeige das Interesse des Staates angesichts steigender Kosten im Gesundheitssystem. „Die Menschen haben extrem viel Stress, die Kosten durch Arbeitsausfälle gehen in die Milliarden“, sagt Kotte. Prävention sei umso wichtiger.

In Asien sei man da schon deutlich weiter: „China investiert mit Blick auf die Gesundheitskosten Milliarden in den Aufbau waldtherapeutischer Zentren“, sagt er. In Japan und Südkorea habe man schon in den 80er Jahren damit begonnen. Auch in Australien werde die Wirkung der klinischen Waldtherapie erforscht, dafür werden botanische Gärten in Melbourne und Sidney genutzt. Ergebnis: „In zwei Stunden sinkt das Stressniveau um über 40 Prozent.“

Im Normalfall dauert eine Therapieeinheit drei Stunden. „Das wäre ideal, dann könnte man die Übungen intensivieren“, sagt Kotte. Im aktuellen Forschungsprojekt habe man sich auf zwei Stunden konzentriert, das sei für die Probanden zeitlich einfacher.

In Wernigerode sind die meisten der rund 80 Teilnehmer Einheimische, einige kommen aus Quedlinburg. An zwei, einige auch an drei Tagen, sind sie in kleinen Gruppen für jeweils zwei Stunden im Wald unterwegs. Ihr Durchschnittsalter: „45 bis 55“, schätzt Kotte. „Überwiegend Frauen.“

Dass Charité und Infta im Harz aktiv werden, ist vor allem Wernigerodes Bürgermeister Peter Gaffert zu verdanken. Denn in der näheren Wahl stand auch Bad Harzburg, aber Gaffert habe sich sehr engagiert, sagt Kotte. Infta will nun ein klinisches Waldtherapiezentrum in der Stadt etablieren. In ein, zwei Jahren wäre es aufgebaut, sagt Kotte. „Wir brauchen ja nicht viel.“ Man sei in Verhandlungen mit der Stadt; Standort-Favorit ist die ehemalige Kinderklinik.

Körperlich anstrengend ist die klinische Waldtherapie nicht. Aber sie kann zur mentalen Herausforderung werden, schließlich geht es darum, ein anderes Tempo aufzunehmen als jenes, das von vielen im Alltag gefordert wird: Es geht um die Wiederentdeckung der Langsamkeit.

Wahrnehmung wird trainiert

Wer den Wald betritt, soll den Alltag ausblenden. Es zählt das Hier und Jetzt: das Rauschen der Blätter im Wind, der Gesang der Vögel, die wärmenden Strahlen der Sonne, der Duft der Nadelhölzer.

Darin besteht dann auch die erste Übung. An einer kleinen Lichtung stellt sich die Gruppe im Kreis auf, alle schließen die Augen und wecken ihre Sinne: Was ist zu hören? Was zu spüren, zu riechen? Mit ruhiger, sanfter Stimme lenkt Lara Zapp-Kroll die Aufmerksamkeit der Gruppe auf das, was unsichtbar ist. Die Medizinerin spricht auch von Phytonzinen - antibiotischen Wirkstoffen, mit denen sich Pflanzen gegen Krankheitserreger und Schädlinge wehren und die in die Umgebung abgegeben werden. Wer im Wald unterwegs ist, nimmt sie auf.

Der Aufenthalt im Forst stärkt allgemein Gesundheit und Wohlbefinden. Mit gezielten Übungen soll das intensiviert werden. Viele Menschen seien kurzatmig, stellt Kotte fest. „Zum Durchatmen fehlt oft die Zeit.“ Und so besteht eine der im Wald praktizierten Übungen auch darin, bewusst langsam zu atmen.

Enge Verbindung mit der Natur

Die Bäume stehen über ein unterirdisches Pilzgeflecht in Verbindung, erklärt Zapp-Kroll, die ihre Gruppe an einer Hainbuche versammelt hat. „Man spricht da vom Wood Wide Web.“ Nun sollen die Probanden versuchen, ihrerseits eine Verbindung mit dem Wald einzugehen, sich als Teil dieses Ökosystems zu begreifen: Jeder sucht sich einen Baum, mancher umarmt ihn, andere lehnen sich an oder setzen sich hin. Nach einer Viertelstunde läutet Zapp-Kroll das Glöckchen. Es geht weiter.

„Der Wald ist Ihr Therapeut“, erklärt Zapp-Krolls Berufskollegin Gesche Markus. Die Internistin aus Apolda ist in Wernigerode ebenfalls als Waldtherapeutin im Einsatz. Auf der Hälfte des Weges drückt sie den Probanden Lupen in die Hand: Sie sollen links und rechts des schmalen Pfades auf Entdeckungstour gehen. Die Männer und Frauen schwärmen aus, entdecken Insekten auf den Zweigen, die ersten dunkelroten Brombeerblütenknospen im Unterholz. Manche freuen sich auch einfach nur über die optischen Effekte, die der Blick durch das Vergrößerungsglas mit sich bringt.

Lara Zapp-Kroll fordert ihre Gruppe auf, sich die Hände wie Schalltrichter an die Ohren zu halten und sie zu bewegen, so wie Tiere ihre Ohren in verschiedene Richtungen drehen. Und, ja, man hört tatsächlich besser. „Störgeräusche“ werden ausgeblendet.

Wenig später schlägt die Stunde der Pflanzenkenner in der Gruppe. Sie fachsimpeln über die Gewächse am Wegesrand und ihre Erfahrungen im heimischen Garten. Tannennadeln und Blätter werden in den Händen zerrieben, die so hervorgelockten Aromen analysiert. Gesche Markus geht mit einer Hand voll Kälberkropf durch die Runde: Gut riecht das Kraut nicht. Zum Glück steht eine Douglasie in der Nähe, ihr zitrischer Duft vertreibt den unangenehmen Geruch aus der Nase.

Waldtherapie soll Stress abbauen, zu hohen Blutdruck senken und zu niedrigen erhöhen. „Aus klinischen Beobachtungen und ersten Studien ... gibt es Hinweise, dass waldtherapeutische Interventionen insgesamt eine stressreduzierende Wirkung aufweisen und besonders geeignet sind, kardiovaskulären und respiratorischen Erkrankungen entgegenzuwirken“, schreibt die Charité auf ihrer Internetseite. „Vorliegende Studiendaten weisen auf positive Auswirkungen von Natur-/Waldtherapie auf Bluthochdruck, Herz- und Lungenfunktion, Immunfunktion, aber auch auf psychische Parameter wie Stress, Angst und Depression hin.“

Messgeräte sind immer dabei

In einer so genannten Kohortenstudie mit Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes werden in Berlin mehr Daten gesammelt als in Wernigerode, erklärt Dieter Kotte. Bluthochdruck-Patienten würden während der Waldtherapie mit einem Messgerät begleitend kontrolliert, auch der Sauerstoffgehalt im Blut werde gemessen.

In Wernigerode geht man nicht so weit, dort geben die Teilnehmer vor und nach jeder „Sitzung“ eine Selbsteinschätzung ihres körperlichen und seelischen Befindens ab. Die Daten, die während der kommenden Wochen an den vier Standorten von Infta und Charité gesammelt werden, sind die Vorlage für ein Symposium.

In dessen Ergebnis soll schließlich eine Empfehlung an das Landwirtschaftsministerium gegeben werden, damit eine nationale Studie zur Wirksamkeit der klinischen Waldtherapie erfolgen kann. Bereits ab diesem Hebst sollen die ersten Ausbildungen für Haus- und Fachärzte erfolgen - denn sie müssen schließlich entscheiden, für welche ihrer Patienten diese Therapieform in Frage kommt.

Das Forschungsprojekt in Wernigerode läuft noch bis zum 14. Mai. Wer sich daran beteiligen will, kann sich online unter https://infta.org und dem Link „Forschung/national/Wernigerode“ registrieren. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Wernigerode/MZ - „In Hamburg sagt man: Nicht sabbeln!“ Freundlich, aber bestimmt macht Dr. Hannelore „Lara“ Zapp-Kroll die Gruppe darauf aufmerksam, dass jetzt Stille angesagt ist. Und so machen sich die Männer und Frauen am Stadtrand von Wernigerode im schweigenden Gänsemarsch auf den Weg durch den Wald. Sie sind Teil eines Forschungsprojekts.

Weiterlesen mit MZ+

Unser digitales Abonnement bietet Ihnen Zugang zu allen exklusiven Inhalten auf MZ.de.

Sie sind bereits MZ+ oder E-Paper-Abonnent?

Flexabo MZ+

MZ+ für nur 1 € kennenlernen.

Sparabo MZ+

MZ+6 Monate für nur 5,99 €.

Wenn Sie bereits Zeitungs-Abonnent sind, können Sie MZ+ >>HIER<< dazubuchen.