Erlebnistour

Erlebnistour: „Im Hintergrund brüllen Löwen“

Erster Tag, 17. Oktober: Nach einem etwas turbulenten zehnstündigen Flug von Frankfurt/Main landeten wir in Windhoek. Viereinhalb Stunden mussten wir auf unser Einreisevisum warten. Erst dann begann nach der Übernahme unseres Autos das Abenteuer Afrika. Das Auto war ein neuer Toyota-Hillux, der mit Schränken, Bett, Kühltruhe, Dusche und einer Kochecke mit Gaskocher ausgestattet war. Nach zweistündiger Fahrt erreichten wir Gobabis. Von den 30 000 Einwohnern lebt die Hälfte in den Armutsvierteln, den sogenannten Townships am Rande der Stadt. Dort befindet sich auch die Vorschule, für die unsere Spenden bestimmt waren. Wir wurden sehr herzlich von den zwei deutschen Volontärinnen Sophia und Milena begrüßt. Sie führten uns durch das Gelände, zeigten uns die Werkstatt, den Computerraum, das Pilzhaus, die Gewächshäuser und das Gästehaus. Da wir auch die Steps Homes besichtigen wollten, organisierten die Volontärinnen einen Fahrer und Dolmetscher. Steps Homes sind Familien im Armenviertel, die drei bis vier eigene Kindern haben und zusätzlich Waisenkinder aufnehmen und dafür von der Stiftung „Steps for Children“ mit umgerechnet 20 Euro pro Kind im Monat und materiell durch größere Wellblechhütten unterstützt werden. Um es vorweg zu nehmen: Für uns Europäer war es ein Schock. Teilweise bis zu 13 Menschen „wohnen“ in einem Raum, der nicht größer als drei mal fünf Meter groß ist. Dort findet das „Leben“ statt - ohne Wasser, Toilette und ...

Von Silke Schoder 08.01.2014, 08:33

Dorthinauf kommt der Mensch selten, es sei denn, er wohnt hier. Gut 100 Meter aufwärts von der Unstrut über Berg und Tal geht es nach Größnitz und Städten. Größnitz liegt auf der höchsten Erhebung am linken Ufer der Hassel, die von Marienthal kommend der Unstrut bei Balgstädt zufließt. Talabwärts und dann wieder ein Stück bergauf, gut einen Kilometer weiter, ist Städten erreicht. Hier endet die offizielle Straßenführung. Nur Insider wissen von der so genannten LPG-Straße, die schmal, aber ausgebaut in Richtung Obermöllern führt.

Im Winterquartier meckert's

Aber Moment mal: Einmal im Jahr zieht es auch Ortsfremde in die abgeschiedene Landschaft - zur Orchideenblüte im Mai. Von Größnitz aus gelangt man in die Toten Täler, ein 827 Hektar großes Naturschutzgebiet, wo unter 400 verschiedenen Pflanzenarten auch acht verschiedene Orchideenarten wachsen. Doch damit das alles blüht und gedeiht, sind vierbeinige Helfer von Nöten: Konik-Wildpferde auf der einen, der Großwilsdorfer/Kleinjenaer Seite, Buren-Ziegen im hangreichen Größnitzer Bereich. Für dieses unterholzvertilgende Bataillon von 60 Tieren ist Klaus Wolf (55) von der Agrargesellschaft Größnitz verantwortlich. Während es um uns herum im Winterquartier kräftig meckert, erzählt Wolf von dem Kooperationsprogramm der Agrargesellschaft Großwilsdorf, eingeschlossen Größnitz, mit der Naturschutzbehörde und der Hochschule Anhalt. Es geht um die Beweidung des orchideenreichen Kalk- und Magerrasens und des Gebüschs, eine Arbeit, die von Schafen allein nicht bewältigt werden kann. Seine Genossenschaft unterhält zudem noch eine Herde von 40 Galloway, frosterprobten Rindern aus dem Schottischen Hochland mit lockigem Dichthaar. Diese Tiere sind vor allem auf den zahlreichen Streuobstwiesen im Naturschutzgebiet im Einsatz. Mit 300 Hektar Ackerland ist die Agrargesellschaft Größnitz eine der kleinsten im Burgenlandkreis. Neben der Tierhaltung zur Naturpflege wird Winterweizen angebaut, und im Wiederaufbau ist eine sanierte und modernisierte Sauenaufzucht und -mast mit etwa 2000 Tieren. Geschnattert wird dagegen in Städten schon lange nicht mehr. Einst gehörte die Entenbrüterei zu den leistungsfähigsten der DDR-Wirtschaft. Jährlich bis zu 90000 Kücken wurden an individuelle Tierhalter in den Bezirken Halle, Gera und Erfurt geliefert und nochmals 40000 zur Serumgewinnung.

Junge Leute ziehen ins Dorf

Größnitz hat 106 Einwohner, 48 Frauen und 58 Männer. Von denen ist tagsüber allerdings kaum jemand zu sehen. Wir klopfen trotzdem ans Hoftor der Familie Noth, deren Haus durch seine helle Fassade und dem roten Ziegeldach auffällt. Glück muss man haben. Obwohl beide berufstätig, Philipp Noth (28) in Naumburg als Dreher und seine Frau Janine (26) in Weißenfels als Logopädin tätig sind, treffen wir sie zu Hause an. Dieses schöne Heim haben sie sich seit 2010 aufgebaut, nachdem sie das Grundstück gekauft hatten. „Leben auf einem kleinen Dorf - warum nicht?“, meinen die Noths. Einerseits bringt das mehr Arbeit mit, als in der Stadt zur Miete zu wohnen, schafft aber auch viel Freiräume. Vor allem für die Kinder. Die Familie hat zwei: Der Junge ist zwei Jahre alt, das Mädchen vier Monate. „Es ziehen durchaus noch jungen Leute ins Dorf“, sagt Bürgermeister Arno Krause (64), zu dessen Gemeinde Balgstädt Größnitz und Städten und drei weitere Ortsteile gehören. Immerhin wurden in den letzten drei Jahren in Größnitz sechs Kinder geboren, und gegenwärtig werden wieder zwei erwartet.

Mit Arno Krause und Klaus Wolf, der vor der Gemeindereform letzter amtierender Bürgermeister von Größnitz-Städten war, gehen wir durch Größnitz, das sich freundlich zeigt. Auch der noch aus sozialistischen Landwirtschaftszeiten stammende, 1988 bezogene Wohnblock, hat ein neues Gesicht bekommen und ist saniert worden. „Die Dorferneuerung war ein Glücksfall für Größnitz“, sagt Krause. „Da gehörte das Dorf zu den ersten, noch vor Balgstädt, die die Fördermittel nutzten.“ Straßen, Gehwege und die Straßenbeleuchtung wurden erneuert und ein Dorfgemeinschaftshaus in der ehemaligen Gaststätte eingerichtet. Die meisten Grundstücksbesitzer erneuerten Dächer und Fassaden.
Die Dorfkirche bekam sogar eine hundertprozentige Förderung für die Erneuerung des einsturzgefährdeten Turmes, für Dacheindeckung, Fassadenputz und neue Türen. Kurios: Das kleine, aber feine Gotteshaus ist vom Dorf aus nicht zu sehen, es liegt im Tal. Die slawische Siedlung Graßenitz– so vermutet die Chronik – lag einst etwa 400 Meter nördlich des heutigen Ortes. Ende des 13. Jahrhunderts wählten die Bewohner die günstigere heutige Ortslage. Die Kirche ließen sie am alten Ort zurück, wo sie noch heute samt Friedhof zu finden ist.

Napoleons Sessel verschwunden

Städten hat zwar nie Geschichte geschrieben, ist aber dennoch in diese eingegangen, wie vom Ortschronisten Kurt Lautenschläger (90) aufgezeichnet ist. Vor 200 Jahren zogen die bei Leipzig geschlagenen Truppen Napoleons über die alte Post- und Heerstraße in Dorfnähe gen Westen. Der Kaiser höchstpersönlich rastete am 21. Oktober 1813 beim Orts- und Friedensrichter Gottfried Lautenschläger und ließ sich reichlich bewirten. Und mit ihm die gesamte Entourage vom operettenhaft herausgeputzten König Murat bis zu Marschall Berthier und General Flahaut. Der lange Zeit gehütete Sessel, auf dem Bonaparte saß, ist verschwunden, und das Lautenschlägersche Gehöft drohte zu verfallen.
Aber mitunter geschehen noch Zeichen und Wunder: Erwin Busse (67), der in Wuppertal einen größeren mittelständischen Betrieb für Klimatechnik führt, kam zufällig in die abgeschiedene Gegend, hörte die Geschichte von der Brotzeit des Kaisers und kaufte den großen Dreiseithof, den er dann denkmalgerecht Stück um Stück sanierte. Busse, ein großer Freund der Historie, hat darin ein Napoleonzimmer eingerichtet. Und so sitzt der Kaiser wieder nahe des Fensters, aus dem er einst den Rückzug seiner Armee beobachtete.

Gaststätten gibt es nicht mehr

Zur Sanierung des Gebäudes hat ein wenig auch der Städter Udo Mänicke beigetragen. Den Namen kennt man doch! Richtig: Udo Mänicke, ehrenamtlicher Bürgermeister von Freyburg und gelernter Bau- und Möbeltischler, betreibt in dem Dorf in dem er geboren wurde, eine Tischlerei für Fenstermontage im Denkmalschutz. Er war vor der Gebietsreform von 1997 bis 2008 Bürgermeister von Größnitz-Städten.
Gaststätten gibt es in keinem der beiden Dörfer mehr. Für Familienfeste, geselliges Beisammensein und als Treff der Seniorensportgruppe dient das Größnitzer Gemeinschaftshaus. Es ist auch Mittelpunkt der vom Dorfklub organisierten Feste: Angrillen, Sommerfest, Herbstfeuer.

Eine Anekdote zum Schluss. In Frieda Kaufmanns Küche in Städten versammelten sich noch Ende der 1979er Jahre regelmäßig die Alten und erzählten von Sagen, die heute kaum einer kennt. Von Puntchen, Sabine, dem Kinderschreck aus der Ponikau, von der weißen Hebbe aus dem Größnitzer Matzloch und vom Pastor ohne Kopf. Den wollten eines nachts vom Tanz in Möllern Heimkehrende doch tatsächlich gesehen haben. Als aber Mutige nachschauten, da war es nur einer, der seinen Rausch ausschlief und den Mantel über den Kopf gezogen hatte. Darüber wurde bei Frieda Kaufmann oft gelacht.