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Niels Wittich und sein Aus Ex-Rennleiter der Formel 1 über „die enttäuschende Wahrheit“

Während einer Grand-Prix-Pause wird Niels Wittich nach Genf zu einem Meeting geladen. Nach dem Treffen ist der Deutsche seinen Job als Renndirektor der Formel 1 los. Wie kam es dazu?

Von Martin Moravec, dpa 06.01.2026, 10:12
Niels Wittich war dafür verantwortlich, dass Formel-1-Rennen sauber ablaufen. (Archivbild)
Niels Wittich war dafür verantwortlich, dass Formel-1-Rennen sauber ablaufen. (Archivbild) Hasan Bratic/dpa

Frankfurt/Main - Niels Wittich reiste als oberster Schiedsrichter der Formel 1 an einem Novembertag nach Genf. Zwischen den Grand Prix in Brasilien und Las Vegas legte die Rennserie eine zweiwöchige Pause ein, mehr als ein Jahr ist das mittlerweile her. Wittich, damals Rennleiter der Motorsport-Königsklasse, flog in die Schweiz zu einem Meeting des Motorsport-Weltverbands Fia, seinem Arbeitgeber.

„Das ist an sich nichts Außergewöhnliches, es kam zuvor schon ab und zu mal vor, dass wir vor Ort mit Kollegen etwas beraten oder abgestimmt haben“, erzählte der Hesse der Deutschen Presse-Agentur. Aber ohne, dass etwas zwischen der Fia und ihm vorgefallen war, zumindest nach Wittichs Erinnerung, war der Deutsche am Ende des Meetings seinen Job los.

Auf eine Antwort wartet Wittich immer noch

„Ich habe in dem Gespräch mehrfach nachgefragt, was denn der Grund für diesen Schritt sei. Die Antwort ist man mir bis heute schuldig geblieben. Ich kenne den Grund einfach nicht“, sagte Wittich.

Die Fia schrieb damals, dass Wittich zurückgetreten sei, er wolle sich „neuen Möglichkeiten“ zuwenden. „Niels hat seine zahlreichen Aufgaben als Renndirektor mit Professionalität und Engagement erfüllt. Wir danken ihm für sein Engagement und wünschen ihm für die Zukunft alles Gute.“

Einfach „entsorgt“

Zurückgetreten sei er nicht, das ist Wittich wichtig zu betonen. Er gehört vielmehr zu einer Vielzahl von Fia-Angestellten, die unter Präsident Mohammed Ahmed Ben Sulayem gehen mussten.

Darunter waren etwa der langjährige Chefsteward Tim Mayer oder die stellvertretende Formel-2-Renndirektorin Janette Tan. „Es hat in der Tat einen faden Beigeschmack, dass so viele Leute gehen mussten. Darunter waren nicht nur Freelancer, sondern auch viele, die ohne Angabe von Gründen aus der Festanstellung heraus entsorgt wurden“, berichtete Wittich.

Klar, verlässlich - penibel? 

Wittich, nach dem Aus von Michael Masi erst im Wechsel mit Eduardo Freitas, von 2023 an als alleiniger Rennleiter, hatte keinen leichten Job. Die Schiedsrichter, man kennt es aus dem Fußball, bekommen eine Menge ab. Wittich aber war für seine Klarheit und Verlässlichkeit bekannt. Selbst wenn man bei Debatten etwa um ein Schmuckverbot für die Fahrer schnell zwischen den Stühlen sitzt.

„Die Fia hat den Ansatz vertreten, dass es ein gültiges Regelwerk gibt, das durchgesetzt werden soll. Und ich habe mich darum gekümmert, dass man sich an die Regeln hält. Man darf nicht vergessen, dass die Formel-1-Stars auch Vorbilder sind, der Nachwuchs schaut zu ihnen auf“, sagte Wittich, der nach dem Geschmack des einen oder anderen Fahrers allerdings zu penibel war. Das übliche Schicksal eines Schiedsrichters eben.

Wittich erklärt jetzt als TV-Experte Hintergründe

Der frühere Formel-1-Pilot Ralf Schumacher wähnte hinter der Trennung von Wittich einen Alleingang des Fia-Präsidenten und bezeichnete die Freistellung als „absolute Fehleinschätzung“ Ben Sulayems. Dem Topfunktionär wurde von Fahrerseite Gängelei vorgeworfen, weshalb er diese mit der Freistellung Wittichs etwas besänftigen wolle, so die Mutmaßung. 

„Ich würde es verstehen, wenn man irgendeinen Fehler gemacht hätte oder die Zusammenarbeit nicht mehr funktioniert hätte. Das ist der Lauf der Dinge, dass man dann getrennte Wege geht“, sagte Wittich, der mittlerweile permanenter Rennleiter der GT World Challenge ist und als Experte für den TV-Sender Sky arbeitet. „Aber wenn dahingehend nichts vorgefallen ist, dann macht man sich schon Gedanken, was es denn gewesen sein könnte.“

„Ich werde auch in 100 Jahren keine Antwort bekommen“

Sein Aus ohne Vorwarnung hat ihn geschmerzt. „Offensichtlich wurden wir alle nicht wertgeschätzt und offensichtlich hatten andere Themen höhere Priorität als die Leistung des Einzelnen. Das ist die enttäuschende Wahrheit, mit der ich auf einmal konfrontiert wurde“, sagte Wittich.

Das Thema sei für ihn nun aber „abgehakt, ich werde auch in 100 Jahren keine Antwort darauf bekommen“, meinte er. „Es war eine schöne Zeit, sie ist aber zu Ende gegangen.“