Interview zu Salzburg und Leipzig

Red Bull: Salzburgs Geschäftsführer Jochen Sauer spricht Klartext zu RB Leipzig

Salzburg - Der Königstransfer von Bundesliga-Aufsteiger RB Leipzig ist Naby Keïta und kommt - wieder einmal - aus Salzburg, vom dortigen Red Bull-Ableger. Denselben Weg gingen zuvor schon unter anderem Stefan Ilsanker oder Péter Gulácsi. Die MZ sprach mit Salzburgs Geschäftsführer Jochen Sauer über den vermeintlichen Verschiebebahnhof zwischen den beiden ...

Von Ullrich Kroemer 04.07.2016, 13:32
Verhandlungspartner: Ralf Rangnick und Sauer dealten schon so manchen Spieler zwischen Leipzig und Salzburg.
Verhandlungspartner: Ralf Rangnick und Sauer dealten schon so manchen Spieler zwischen Leipzig und Salzburg. imago sportfotodienst

Der Königstransfer von Bundesliga-Aufsteiger RB Leipzig ist Naby Keïta und kommt - wieder einmal - aus Salzburg, vom dortigen Red Bull-Ableger. Denselben Weg gingen zuvor schon unter anderem Stefan Ilsanker oder Péter Gulácsi. Die MZ sprach mit Salzburgs Geschäftsführer Jochen Sauer über den vermeintlichen Verschiebebahnhof zwischen den beiden Brause-Clubs.

Herr Sauer, Red Bull Salzburg wird wahlweise als Schwesterklub oder auch als Farm-Team von RB Leipzig bezeichnet. Wie beschreiben Sie das Verhältnis zwischen beiden Klubs?
Jochen Sauer: Das ist einfach eine Zusammenarbeit zwischen zwei Vereinen, die sich sehr gut kennen, die sehr eng zusammenarbeiten und den gleichen Hauptsponsor haben, aber völlig eigenständig sind. Natürlich verbinden die Klubs viele Gemeinsamkeiten: Wir wollen vergleichbaren Fußball spielen und legen Wert auf ähnliche Spielertypen. Wir absolvieren auch mal gemeinsame Fortbildungen oder laden uns gegenseitig zu Nachwuchsturnieren ein. Insofern ist das schon eine noch engere Kooperation als wir sie etwa mit dem SV Ried oder dem SV Grödig pflegen, mit denen wir hier in Österreich ein gutes Verhältnis haben. Aber wir haben mit RB Leipzig keine vertraglichen Vereinbarungen oder Ähnliches im Hinblick auf eine Zusammenarbeit.

Was hat sich seit dem Abschied von Ralf Rangnick als Sportdirektor in Salzburg im vergangenen Sommer verändert?
Sauer: Im Grunde hat sich seitdem nicht viel verändert. Wir spielen nach wie vor Offensivfußball, bei dem wir auf sehr viele junge Spieler setzen. Wir suchen diese Spieler weiterhin in Österreich, aber auch auf dem internationalen Markt. Sie sollen die österreichische Bundesliga als Möglichkeit ansehen, sich weiterzuentwickeln. Wenn man die Transfererlöse der vergangenen Jahre ansieht, scheint uns das ganz gut gelungen zu sein. Ralf Rangnick konzentriert sich als Sportdirektor seit vergangenem Jahr voll und ganz auf Leipzig. Aber wir kooperieren nach wie vor auf vielen Ebenen. Allerdings kennen wir uns gut, tauschen uns ganz automatisch aus und besprechen Dinge miteinander.

"Wir werden Topakteure nicht in Salzburg halten können"

Im vergangenen Sommer hatte man den Eindruck, dass es durch die Abgänge von fünf prägenden Salzburger Spielern nach Leipzig einen Riss im guten Miteinander gab. In diesem Sommer mussten Sie mit Naby Keita wieder den besten Spieler nach Leipzig ziehen lassen.
Sauer: Auf Vereinsebene gab und gibt es da keine Schwierigkeiten. Ich sehe das aus Salzburger Perspektive ganz realistisch, weiß, mit welchen Rahmenbedingungen wir hier arbeiten und in welchem Markt wir uns bewegen. Für uns ist völlig klar, dass wir für viele hochtalentierte Spieler nur eine Zwischenstation sein können. Wir werden Topakteure wie Sadio Mané oder Naby Keita nicht bis zum Karriereende in Salzburg halten können. Das wissen wir alle. Auch ein sehr großer Teil der Fans sieht das so. Außerdem ist es so, dass Spieler von Red Bull Salzburg nicht nur nach Leipzig, sondern auch zu anderen Klubs ins Ausland wechseln. Kevin Kampl ist zu Borussia Dortmund gegangen, Andre Ramalho hat uns Richtung Leverkusen verlassen und Sadio Mané ist zu Southampton.

Aber Fans in Deutschland und Österreich haben die Transferverschiebungen zwischen den Red-Bull-Standorten kritisiert.
Sauer: Zunächst möchte ich betonen, dass es keine – wie Sie es nennen – Transferverschiebungen zwischen Red-Bull-Standorten gibt. Es ist die freie Entscheidung jedes Spielers, einen Vertrag zu unterschreiben oder nicht zu unterschreiben. Das von den Medien und manchen Kollegen in der Branche gezeichnete Bild eines Verschiebebahnhofs ist schlichtweg falsch. Klar ist aber auch, dass jene Vereine, die ein ähnliches Spielsystem wie der FC Red Bull Salzburg spielen, verstärkt ein Auge auf unsere Spieler werfen. Natürlich verstehe ich, dass manche unserer Fans enttäuscht sind, wenn uns einer oder mehrere sehr gute Spieler verlassen, egal wohin. Als etwa Kevin Kampl nach Dortmund gewechselt ist, habe ich ebenso enttäuschte Briefe oder Mails bekommen wie jetzt nach dem Abgang von Naby Keita.

"Es ist völlig unmöglich, dass Spieler verschenkt werden"

Gibt es ein Vorkaufsrecht für RB Leipzig?
Sauer: Überhaupt nicht, es gibt kein Vorkaufsrecht und auch keine Sonderkonditionen für RB Leipzig. Wenn ein Spieler wechseln möchte, dann muss der interessierte Verein ihn davon überzeugen, dahin zu gehen. Und er muss sich mit uns über die Transfermodalitäten einigen. Natürlich bekommen RB Leipzig und Ralf Rangnick detailliert mit, wie sich ein Spieler von uns entwickelt. Ich bin mir aber sicher, dass die Verantwortlichen von RB Leipzig die Entwicklung von zig Spielern anderer Vereine genauso intensiv beobachten. Klar ist: Es geht mir und unserem Sportdirektor Christoph Freund darum, sportlich und wirtschaftlich das Beste für unseren Verein herauszuholen. Und ich sage ganz klar: Das ist meine Verantwortung hier als Geschäftsführer.

Inzwischen, so heißt es, fließen von Leipzig nach Salzburg auch marktübliche Preise für die transferierten Spieler.
Sauer: Das „inzwischen” können Sie streichen. Es ist schon aus steuerrechtlichen Gründen völlig unmöglich, dass Spieler hin- und hergeschoben oder verschenkt werden können. Seit jeher werden alle Wechsel zwischen Salzburg und Leipzig nach den gültigen steuerrechtlichen Vorschriften und den internationalen Transferregelungen zu marktgerechten Bedingungen abgewickelt, wie zwischen anderen Vereinen auch. Das ist schon aufgrund der Fifa-Transferstatuten gar nicht anders möglich. Sie sollten mal einen österreichischen Steuerbeamten fragen, wie er es fände, wenn ich Spieler verschenken würde.

Die Summen waren allerdings lange Zeit nicht bekannt.
Sauer: Natürlich ist da nichts bekannt geworden, weil wir noch nie Zahlen irgendeines Transfers kommentiert haben. Nochmal: Die Spieler können nur zu marktangemessenen Transfersummen wechseln.

Würden Sie sich auf öffentlich heftig kritisierte Leihgeschäfte wie die von Marcel Sabitzer oder Massimo Bruno noch einmal einlassen?
Sauer: Die Diskussion rund um den Transfer von Marcel Sabitzer war eine rein mediale. Zwischen den drei involvierten Klubs war der Transfer und auch das anschließende Leihgeschäft von Anfang an klar und transparent besprochen und auch vereinbart. Wenn ein Spieler perspektivisch in die deutsche Bundesliga möchte und gar keinen langfristigen Vertrag mehr in Österreich unterschrieben hätte, ist ein Transfer nach Leipzig und eine einjährige Ausleihe nach Salzburg nichts Unmoralisches. Die Diskussionen rund um Massimo Bruno sind wohl auch entstanden, weil sich offensichtlich andere Klubs auf den Schlips getreten gefühlt haben. Fakt ist, dass auch andere Vereine auf nationaler und auch auf internationaler Ebene ähnliche Transfers tätigen, wir aber offensichtlich mehr im Rampenlicht stehen.

"Red Bull wurden Sonderrechte gestrichen"

Salzburg gehört seit vergangenem Jahr nicht mehr zum Team Global Soccer bei Red Bull, wo die Fußball-Aktivitäten aller anderen Standorte von Oliver Mintzlaff koordiniert werden. Warum?
Sauer: Wir haben im vergangenen Sommer einige Satzungsänderungen beschlossen. Dabei ging es um Statuten, die das Verhältnis zwischen dem Verein Red Bull Salzburg und dem Hauptsponsor betreffen. Red Bull hat da in der Vergangenheit einige Sonderrechte genossen, welche gestrichen wurden. Wir haben uns damit als unabhängiger Verein positioniert. Red Bull ist Hauptsponsor mit einem herkömmlichen Sponsoringvertrag.

Welchen Hintergrund hatten die Umstrukturierungen?
Sauer: Das hat mit den Vorgaben des Financial Fairplays der Uefa zu tun. Durch die Klublizenzierung wird auch das Verhältnis zwischen einem Verein und seinem Hauptsponsor geregelt. Dabei ging es vor allem darum, dass Einnahmen durch einen „normalen” Sponsor anders bewertet werden als Zuwendungen eines Sponsors, der mit dem Verein verbunden ist und Einfluss auf ihn hat. Das haben wir im Sommer 2015 bearbeitet und die Rechte, die Red Bull als Hauptsponsor hatte, wurden entsprechend angepasst.

Red Bull ist anders als in Leipzig nicht mehr Investor bei Red Bull Salzburg?
Sauer: Richtig, der Verein ist statutarisch völlig eigenständig. Und lediglich der Vollständigkeit halber: Red Bull war auch in der Vergangenheit kein „Investor“. Die Mitgliederversammlung wählt den Vorstand, und der Vorstand setzt die Geschäftsführung ein – aktuell Christoph Freund und mich. Genau wie mit unseren anderen Partnern haben wir auch mit der Red Bull GmbH einen fremdüblichen Sponsoringvertrag abgeschlossen.

Wie viel Prozent des Gesamtetats des Klubs trägt Red Bull?
Sauer: Das kommunizieren wir nicht. Aber das variiert natürlich auch immer und kommt auf unsere sonstigen Einnahmen an. Wenn wir einen Spieler für 20 Millionen Euro verkaufen, ist das Verhältnis des Red-Bull-Sponsorings im Vergleich zu den Gesamteinnahmen natürlich deutlich geringer als in einem Jahr ohne große Transfereinnahmen.

Welche Laufzeit haben die Verträge über Namens- und Trikotsponsoring mit Red Bull?
Sauer: Das kommunizieren wir ebenfalls nicht. Aber Sie können davon ausgehen, dass sich die Verträge im üblichen Rahmen bewegen – inhaltlich ebenso wie finanziell und was die Laufzeiten anbelangt.

"Wir werden weiter freundschaftlich zusammenarbeiten"

Glauben Sie, dass die sogenannte Filialstruktur mit festen Kooperationspartnern als Erfolgsmodell im Fußball immer wichtiger wird?
Sauer: Ich glaube schon, dass sich Klubs, die mit einem Verein in einer anderen interessanten Liga kooperieren, einen Wettbewerbsvorteil erarbeiten können, weil sich ein talentierter Spieler möglicherweise besser entwickeln kann als im eigenen Klub. Nicht zuletzt deshalb beobachten wir schon seit längerem entsprechende Entwicklungen auf nationaler und auch internationaler Ebene. Sich auf diese Art und Weise einen Vorteil zu sichern, ist im Übrigen auch völlig legitim. Jeder Klub schaut, wie er durch Zusammenarbeit und Kooperationen seine Position verbessern kann. Bei Chelsea etwa wird das schon deutlich länger gemacht, als das hier bei den von Red Bull unterstützten Klubs umgesetzt wird.

Wie sehen Sie die künftige Zusammenarbeit von RBL und RBS?
Sauer: Wir werden weiter freundschaftlich zusammenarbeiten. Und es wird auch weiter Transfers von Salzburg nach Leipzig geben, vielleicht auch mal umgekehrt. Aber genauso finden Transfergeschäfte mit anderen Klubs statt. Da gibt es keinerlei Mechanismen. Das Verhältnis zwischen beiden Vereinen wird sich in den nächsten Jahren weiter frei entwickeln.