RB-Profi bei der U13

RB Leipzig: Stürmer Terrence Boyd trainiert bei der U13

Leipzig - Terrence Boyd erobert den Ball in der gegnerischen Hälfte, passt zu seinem Mitspieler an die Eckfahne, der ihn mit einer perfekten Flanke bedient. Boyd schraubt sich hoch, steht ein Stockwerk über seinem Gegenspieler in der Luft und köpft den Ball wuchtig ins Tor. „Das kann er”, ruft sein Trainer Tom Stuckey lachend. Denn Boyds Gegenspieler hätten sich schon Huckepack nehmen müssen, um dem übermächtigen Konkurrenten im Luftduell Paroli bieten zu ...

Von Ullrich Kroemer 09.06.2016, 16:00

Terrence Boyd erobert den Ball in der gegnerischen Hälfte, passt zu seinem Mitspieler an die Eckfahne, der ihn mit einer perfekten Flanke bedient. Boyd schraubt sich hoch, steht ein Stockwerk über seinem Gegenspieler in der Luft und köpft den Ball wuchtig ins Tor. „Das kann er”, ruft sein Trainer Tom Stuckey lachend. Denn Boyds Gegenspieler hätten sich schon Huckepack nehmen müssen, um dem übermächtigen Konkurrenten im Luftduell Paroli bieten zu können.

Seit vergangener Woche ist RB Leipzigs langzeitverletzter Stürmer Terrence Boyd wieder im Mannschaftstraining. Nach über anderthalb Jahren Verletzungs-Odyssee mit Kreuzbandriss und insgesamt vier Knie-Operationen muss der 25-Jährige wieder ganz klein anfangen – bei den D-Junioren von RB Leipzig.

Boyd bat, mit den D-Junioren trainieren zu dürfen

Boyd selbst hatte die Idee für die ungewöhnliche Wiedereingliederungs-Maßnahme. Weil er sich gut mit U13-Trainer Stuckey versteht, fragte er ihn, ob er bei den Kleinen mittrainieren dürfe. Ein starkes Zeichen für einen, der unter Jürgen Klopp bei Borussia Dortmund trainierte, unter Jürgen Klinsmann 13 Spiele in der US-Nationalmannschaft absolviert hat und bei RB Leipzig in der zweiten Liga Tore schoss.

Wohl die wenigsten Profifußballer würden freiwillig mit Kindern üben. Doch Boyd hat nach den quälenden Monaten in der Reha keine andere Wahl, um sich peu á peu wieder an das Training mit Ball heranzutasten. „Es ist gut für mich, einfach wieder in einem Mannschaftsgefüge zu sein”, sagt er. „Zwar ist das Level nicht so hoch, aber ich kann dadurch selbst sehen, ob ich schon wieder mithalten kann.”

An diesem Mittwoch absolvierte der bullige 1,88-Meter-Mann seine fünfte Einheit mit den 11- und 12-Jährigen, die er um mehrere Köpfe überragt. Die Freude, endlich wieder Fußball spielen zu können, ist Boyd anzumerken. Wie ein großer Bruder scherzt er mit den kleinen Kollegen herum, gibt da einen Hinweis, macht hier einen lockeren Spruch. „Das ist eine Win-win-Situation”, sagt Boyd. „Mir bringt es viel, ich bin einfach wieder in einem Team. Und ich kann den Jungs etwa in einigen taktischen Dingen auch Hinweise geben und sie unterstützen.”

„Nichts zum Aufstieg beigetragen”

Bei seinem eigentlichen Team war Boyd in der gesamten Aufstiegssaison nur Statist. „Klar, habe ich versucht, die Jungs zu pushen und positive Stimmung zu verbreiten. Aber es ist seltsam etwas zu feiern, an dem man gar keinen Anteil hatte”, sagte er. „Es ist cool, wie die ganze Mannschaft hinter mir steht, und beim Aufstieg freut man sich mit, aber man hat einfach nichts dazu beigetragen.” Höchstens verbal, als er den Kollegen in der Kabine gut zugeredet hat. „Genervt hat mich die Phase im Frühjahr, als einige nach den Niederlagen gegen Freiburg und Nürnberg angefangen haben zu rechnen”, sagt Boyd. „Das hatten wir gar nicht nötig. Wir sind auf allen Positionen so stark besetzt, dass ich genau wusste, dass wir es packen.”

Während sich seine Mitspieler nun im Urlaub erholen, muss Boyd schuften, um irgendwie wieder Anschluss zu finden. Maximalkraft, Schnelligkeit, Explosivität und Grundausdauer stehen auf dem Reha-Trainingsplan, den er mit Physiotherapeutin Anja Strobel abarbeitet.

Im D-Junioren-Training absolviert er Passübungen, übt Eins-gegen-Eins-Situationen und Spielformen mit Pässen in die Tiefe auf Kleinfeld. Die jungen Kicker spielen bereits beeindruckend schnell und technisch versiert. Gegen Ende der Einheit sind Boyd die konditionellen Probleme nach über anderthalb Jahren, in denen er teilweise nicht einmal joggen oder Radfahren durfte, anzumerken. „Konditionell ist mein Leistungsstand gerade noch sehr ausbaufähig”, sagt er. „Aber es ist gut zu wissen, dass das Knie die Belastung aushält.” Zwar müsse er aufpassen, keinen Spieler im Training umzurennen. „Aber einmal hat mich auch ein kleiner Zwölfjähriger weggedrückt, weil ich mit der Kondition am Ende war”, berichtet Boyd.

Bild der Zyste auf dem Smartphone

Immer wieder hatte der gebürtige Bremer mit US-amerikanischem Pass in den vergangenen Monaten Anlauf genommen. Doch nach zwei Kreuzbandverletzungen schwoll sein rechtes Knie immer wieder an. Zuletzt hatte Boyd im Gespräch mit der MZ im vergangenen September gehofft, wieder ins Teamtraining einzusteigen und sich im Trainingslager anbieten zu können – bei den Profis wohlgemerkt. Doch im Oktober 2015 musste er erneut unters Messer.

In seinem Knie hatte sich eine etwa golfballgroße Zyste gebildet, die nicht wie normalerweise mit Flüssigkeit gefüllt war, sondern aus fleischigem Gewebe bestand. Noch immer hat Boyd ein Bild des Fleischklumpens auf seinem Mobiltelefon gespeichert. Vielleicht, um den Feind in seinem Knie zu visualisieren. Nach dem erneuten Rückschlag musste er wieder einmal von vorn beginnen.

Auch für einen positiven Typen wie Boyd, der bei seiner Geburt in einen Kessel Gute-Laune-Zaubertrank gefallen sein muss, eine mentale Herausforderung. „Ich hatte Abende, als das Knie wieder dick wurde, an denen ich gedacht habe: Es kann doch nicht sein, dass es einfach nicht voran geht”, sagt Boyd. „Da ist es ist wichtig, dass du Menschen hast, die dir gut zureden und dir sagen: Irgendwann wird es ein Ende finden und wenn nicht, dann geht’s auch weiter im Leben.”

Boyd: „So lange verletzt, jetzt werde ich schon Vater”

Seine hochschwangere Freundin Jasmine begleitet Boyd zum Gespräch mit der MZ. Sie sagt: „Terrence macht das toll. Er hat einfach die nötige Ausdauer dafür und ist immer so positiv. Ich hätte in seiner Situation wohl schon längst aufgegeben.” Im Juli erwartet das Paar eine Tochter. Auch das hat Boyd durch die schwierigste Phase seines Lebens getragen. „Jetzt bin ich schon so lange verletzt, dass ich unterdessen schon Vater werde”, sagt er grinsend.

Doch dass er künftig eine Familie zu ernähren hat, begreift Boyd auch als Bürde. „Als Fußballer will ich was abliefern, auch für meine Familie. Aber es ist schwer, für sie zu sorgen, wenn ich die ganze Zeit verletzt bin”, sagt er nachdenklich. „Fußball ist alles, was ich kann. Da mache ich mir natürlich Gedanken, wie es weiter gehen kann.” Ob der einstige US-Nationalspieler seine Karriere überhaupt wird fortsetzen können, steht derzeit in den Sternen.

„Im Moment ist gar nichts klar. Alle meine Betreuer und ich geben alles und hoffen, dass es diesmal endlich klappt. Immerhin geht es aktuell in kleinen Schritten nach vorn”, sagt er. Boyd hat aufgehört, sich ambitionierte Comeback-Pläne zu erstellen. „Ich habe mir jetzt sieben, acht Mal verschiedene Ziele gesetzt. Es hat nie geklappt”, sagt er. Jetzt ist seine Devise: „Wenn’s klappt, klappt’s. So einfach ist das. Mein Körper wird mir sagen, wann es wieder so weit ist.” Immerhin hat Boyd derzeit bei den Kids von RBL wieder Spaß an seinem Job.