Comeback bei RB Leipzig

Comeback bei RB Leipzig: Rani Khedira: „Ich lebe noch”

Leipzig - Termin im Leistungszentrum am Cottaweg. Rani Khedira hat sich vor dem Nachmittagstraining Zeit für ein längeres Gespräch genommen. Der 22 Jahre alte Schwabe zeigt sich im Interview reflektiert, redegewandt und ...

Von Ullrich Kroemer
"Es ist nicht mein Anspruch, nur zehn Saisonspiele zu machen und davon sieben Mal nur eingewechselt zu werden." Rani Khedira (rechts) will bei RB wieder angreifen.
"Es ist nicht mein Anspruch, nur zehn Saisonspiele zu machen und davon sieben Mal nur eingewechselt zu werden." Rani Khedira (rechts) will bei RB wieder angreifen. imago sportfotodienst

Termin im Leistungszentrum am Cottaweg. Rani Khedira hat sich vor dem Nachmittagstraining Zeit für ein längeres Gespräch genommen. Der 22 Jahre alte Schwabe zeigt sich im Interview reflektiert, redegewandt und offen.

Rani, Sie haben gegen Union Berlin erst ihr drittes Saisonspiel von Beginn an absolviert. Wie gut tut es, seit Anfang November mal wieder von Anfang an gespielt zu haben und in der Kicker-Elf des Spieltages zu stehen?

Rani Khedira: Das Wochenende war richtig positiv. Es gibt nichts Schöneres, als mit dem Wissen aufzuwachen, am Vorabend drei Punkte geholt und auch persönlich ein erfolgreiches Spiel abgeliefert zu haben. Nach drei Monaten endlich wieder über 90 Minuten hinweg die Chance zu bekommen, zu zeigen, dass die Qualität noch da ist und dass ich noch lebe – das war ein perfektes Gesamtpaket.

Wie sehr entspricht es Ihren Ansprüchen, was Sie bisher im Saisonverlauf zeigen konnten?

Ich war natürlich sehr unzufrieden mit der Situation. Es ist nicht mein Anspruch, nur zehn Saisonspiele zu machen und davon sieben Mal nur eingewechselt zu werden. Ich habe mir zu Saisonbeginn deutlich mehr vorgenommen. Aber es ist nun mal so gekommen, es bringt mir nichts, darüber traurig zu sein. Man muss in dieser Situation an Dingen ansetzen, die man noch verbessern oder ändern kann. Vielleicht hat die Phase auch einen Sinn gehabt, dass ich mich noch mehr fokussiere und neue Dinge ausprobiere.

Was haben Sie alles dafür getan, um noch ein paar Prozent mehr herauszuholen?

Ich wollte mich einfach noch mehr optimieren, habe mir Gedanken gemacht, wo ich noch mehr herausholen kann. Angefangen habe ich mit einer Umstellung meiner Ernährung. Dazu absolviere ich noch mehr Stabilisationsübungen. Das gehört auch dazu, um seinen Körper auf Vordermann zu bringen, dass man nicht mehr verletzt und stärker in den Zweikämpfen ist. Du hast dann einfach mehr Athletik im Spiel, fühlst dich frischer, fitter, giftiger. Seit drei Wochen versuche ich auch verstärkt, mehr und effektiver aufs Tor zu schießen. Das ist vorletzte Woche in der U23 gleich doppelt erfolgreich gewesen. An diesen Schwächen will ich weiter arbeiten, alles herausholen, um ein noch kompletterer Spieler zu werden.

Absolvieren Sie auch privat noch zusätzliche Einheiten?

Sowohl in der Akademie als auch zu Hause. Das Athletiktrainerteam gibt mir Hinweise und Übungen an die Hand, die ich auch zuhause noch umsetze. Ich habe mir auch daheim einen kleinen Kraftraum eingerichtet, gehe auch mal in Fitnessstudios. Dazu bin ich beispielsweise gerade auf der Suche nach einer Yoga-Lehrerin.

Ralf Rangnick hat von Ihnen gefordert, mehr spezielle Fähigkeiten zu entwickeln, in denen Sie herausragen können. Welche Spezialisation genau ist da gemeint?

Bei unserem Spielsystem ist es auf der Sechser-Position enorm wichtig, die Balance zwischen Offensive und Defensive herzustellen. Wir dürfen keinen Harakiri-Fußball spielen. Dazu gilt es erstens, die richtige Positionierung zu finden und zweitens, in den Balleroberungen extrem aktiv zu sein. Drittens betrifft das noch das Spiel mit dem Ball, dass ich meinen Mitspielern immer die Möglichkeit gebe, mich anzuspielen, dass ich da bin und ihnen helfen kann.

Wie haben Sie es geschafft, während der langen Phase mit wenigen Einsätzen, positiv zu bleiben?

Jeder Spieler weiß, dass wir ein großes Ziel haben. Das lautet, Mitte Mai den Aufstieg perfekt gemacht zu haben. Das verfolgt jeder hier von Anfang an ganz klar, und dann muss man sich einfach auch mal unterordnen. Dabei lässt man sich eben gerade nicht hängen, wenn es mal nicht so läuft, sondern versucht die Qualität im Training nach oben zu treiben. Dadurch verbessert sich das Niveau der Konkurrenten, aber natürlich auch Deine eigene Leistungsfähigkeit. Dass wir alle jeden Tag an unser Maximum gehen, ist eine unserer Stärken. Dadurch bekommt auch jeder irgendwann seine Chance. Es wir registriert, wenn du harte, ehrliche Arbeit ablieferst. Das wird früher oder später auf jeden Fall belohnt.

Auf der nächsten Seite: Über seine Rolle im Team, die Sehnsucht nach der Bundesliga und den Kontakt zu Bruder Sami.

Glauben Sie, dass die aktuelle Situation eine Wende in Ihrem Sinne ist? Oder sitzen Sie wieder auf der Bank, wenn der derzeit verletzte Stefan Ilsanker zurückkommt?

Es kann eine Wende sein. Das liegt auch an mir, daran, was ich im Training anbiete. Ich versuche, es dem Trainer so schwer wie möglich zu machen, dass er gar nicht an mir vorbeikommt. Ich probiere mich so engagiert zu empfehlen, dass Ralf Rangnick spürt, dass er sich voll auf mich verlassen kann. Das hat er jetzt am Freitag gesehen, und das will ihm jeden Tag zeigen, dass ich einer der Besten auf der Sechser-Position bin.

Sie haben noch Vertrag bis 2017. Hatten Sie Befürchtung, dass Sie den Verein eher verlassen müssen, weil Sie nicht regelmäßig spielen?

Ich habe nicht einmal daran gedacht, den Verein zu verlassen. Ich glaube an meine Qualität, dass ich es hier immer noch schaffen kann. Irgendwann wird kein Weg mehr an mir vorbeiführen, wenn ich weiter hart arbeite. Was bleibt mir denn auch anderes übrig, als einfach nur alles zu geben und dann zu schauen, was dabei herauskommt. 

Sie sind einer von vier Spielern im Kader, die schon Bundesligaspiele bestritten haben. Wie groß ist Ihre Sehnsucht, wieder in der 1. Liga auf dem Platz zu stehen?

Es gibt als Fußballer nichts Schöneres als in der höchsten Liga zu spielen. Wenn man einmal da war, will man am liebsten da bleiben oder wieder dahinkommen. Das war mein Ziel, als ich vor anderthalb Jahren nach Leipzig kam, und das ist es immer noch. Mich konstant in der Bundesliga zu bewähren, ist ein Traum von mir, den ich mir erfüllen will. 

Sie haben zuletzt gesagt, den Aufstieg vielleicht schneller klar machen zu können, als man denkt. Haben Sie auch das Gefühl, dass man dem Team gerade förmlich bei den großen Entwicklungsschritten zusehen kann?

Wir festigen uns einfach. Jeder weiß, was er auf seiner Position zu tun hat. Egal, ob er regelmäßig gespielt hat oder nicht. Wir bekommen einen klaren Plan mit, und den verfolgen wir. Am Anfang fiel das einfach etwas schwerer, da das Team mit zahlreichen neuen Spielern, auch aus unterschiedlichen Kulturen, zusammengesetzt wurde. Mit der Zeit sind wir ein immer verschworenerer Haufen geworden.

Sie sind ein offener redegewandter Typ. Sind Sie auch Integrationsmotor im Team?

Ich versuche gern, jedem Spieler zu helfen. Aber da kann ich jeden aus der Mannschaft dazuzählen, der genauso tickt wie ich. Es gibt bei uns keine Einzelgänger. Das Teamgefüge passt sehr gut, da muss man nicht viel dran arbeiten.

Familie ist ein wichtiger Ankerpunkt für Sie. Haben Sie in der Winterpause wieder Urlaub mit Ihrer Familie gemacht und daraus Kraft für die Rückrunde geschöpft?

Genau, so wie jedes Jahr. Diesmal waren wir allerdings nicht in den Bergen, sondern mit der kompletten Familie in der Sonne. Ich habe mit meinen beiden Brüdern viel Sport getrieben: Tennis gespielt, Beachvolleyball, gepaddelt. Mal mit unserem Vater, aber auch mal mit den anderen Hotelgästen.

Am Dienstagabend haben Sie Ihrem Bruder Sami beim Champions-League-Achtelfinale gegen Bayern München zugesehen. Melden Sie sich gegenseitig nach den Partien?

Klar, wir stehen in ständigem Kontakt. Er hat mir nach dem Spiel gegen Union gratuliert, hat mir gesagt, dass ich jetzt dranbleiben soll und an den Dingen arbeiten muss, die noch verbesserungswürdig sind. Und natürlich verfolge ich auch intensiv, was er bei Juventus Turin macht. (mz)