BVB gegen RBL

BVB gegen RB Leipzig: Die Fan-Ausschreitungen und ihre Auswirkungen

Dortmund - Ein Bundesliga-Topspiel wird zum Aushängeschild für Fehlentwicklungen einer Fankultur: Nach dem 1:0-Sieg von Borussia Dortmund gegen RB Leipzig spricht kaum jemand über die sportliche Leistung, im Fokus stehen die erschreckenden Ausschreitungen durch Dortmunder Fans vor dem Spiel. Die MZ listet auf, was bislang über die Ausschreitungen und ihre Konsequenzen bekannt ...

07.02.2017, 16:04
Die Dortmunder Südtribüne und ihre Spruchbänder gegen RB Leipzig vor dem Anpfiff.
Die Dortmunder Südtribüne und ihre Spruchbänder gegen RB Leipzig vor dem Anpfiff. imago sportfotodienst

Ein Bundesliga-Topspiel wird zum Aushängeschild für Fehlentwicklungen einer Fankultur: Nach dem 1:0-Sieg von Borussia Dortmund gegen RB Leipzig spricht kaum jemand über die sportliche Leistung, im Fokus stehen die erschreckenden Ausschreitungen durch Dortmunder Fans vor dem Spiel. Die MZ listet auf, was bislang über die Ausschreitungen und ihre Konsequenzen bekannt ist.

BVB gegen RB Leipzig: Was ist überhaupt passiert?

Rund um das Bundesliga-Topspiel kam es zu zahlreichen Vorfällen, im Mittelpunkt stehen aber vor allem die Ausschreitungen, bei denen zehn RB-Fans verletzt wurden.

Gegen 17 Uhr erreichte ein Großteil der rund 1000 per Sonderzug angereisten RB Leipzig-Fans das Stadion, unter ihnen viele Familien. Um zum Eingang des Signal-Iduna-Parks zu gelangen, mussten sie auch vorbei am benachbarten Stadion Rote Erde, welches an diesem Tag Treffpunkt der Dortmunder Fanszene war. Hier stehen die Ultra- und Hooligangruppen, aber auch normale Fanclubs, die sich im Bündnis „Südtribüne Dortmund“ organisiert haben.

Als die RB-Fans vorbeizogen, eskalierte die bereits angespannte Situation schnell. In Kleingruppen – so berichten Augenzeugen später gegenüber N-TV – griffen die BVB-Anhänger immer wieder gezielt Leipziger Fans an. Von außerhalb flogen Bierflaschen, Leuchtraketen, Steine, Farbbeutel, Mülleimer und Essensreste. Zehn Leipziger Fans wurden verletzt, konnten aber noch am Spieltag die Rückreise nach Sachsen antreten.

BVB gegen RB Leipzig: Wie konnte es dazu kommen?

Rund 8000 Gästefans reisten an diesem Tag nach Dortmund – normalerweise ein Grund für die Polizei, das Spiel als Hochsicherheitspartie zu deklarieren. Nicht so in diesem Fall. Einsatzleiter Edzard Freyhoff gab im WDR-Fernsehen offen zu: „Wir haben nicht erwartet, dass es zu einer solch massiven Explosion der Gewalt kommt.“ Der Deutschlandfunk berichtet über Bitten des BVB an die Polizei, das Spiel als "Rotspiel" - also ein Spiel der höchsten Sicherheitsstufe - einzustufen. Es wurde ein "Gelbspiel", die normale Stufe.  

Die schließlich eingesetzten Einsatzkräfte reichten nicht aus, um Leipziger- und Dortmunder Fans zu trennen, zumal fast zeitgleich zu den Angriffen vor dem Stadion Rote Erde auch noch die Anfahrt des Leipziger Mannschaftsbusses zum Stadion gesichert werden musste. Diesen hatten die BVB-Fans ursprünglich als Angriffsziel ausgemacht, erklärte Freyhoff: „Wir wussten, dass sich diese Gruppen an der Strobelallee sammeln, mit dem Ziel, den Mannschaftsbus von RB Leipzig zu stoppen und dann massiv zu attackieren.“ Ähnliche Aktionen gab es bereits bei den RB-Auswärtsspielen in Köln und Leverkusen.

BVB gegen RB Leipzig: Wieso griffen Dortmunder Fans die Leipziger an?

Wie bei vielen Anhängern der sogenannten Traditionsvereine stößt RB Leipzig und sein Vereinsmodell auch in Dortmund auf breite Ablehnung. So waren an den Angriffen auf die Leipziger Fans nicht nur die radikalen Ultras oder gewaltsuchende Hooligans sondern auch ganz normale Fans beteiligt, wie Jakob Grudzinski vom Leipziger Fanprojekt dem Spiegel berichtete. Nach Grudzinskis Erfahrungen ist RB Leipzig „auch für Fußballfans, die sonst nie auffallen, so ein großes Feindbild ist, dass auch der Familienvater mit Kind an der Hand völlig durchdreht“.

Polizei-Einsatzleiter Freyhoff vermutet jedoch auch: „Dadurch, dass der Mannschaftsbus nicht wie geplant vorbeigefahren ist, hat sich Frust bei den Dortmunder Fans breit gemacht und sich dann auf die übrigen Leipziger Fans entladen.“

Darüber hinaus spiegeln die Ausschreitungen auch eine besorgniserregende Entwicklung in der Dortmunder Fanszene wider: Denn neben den drei Ultragruppen von „The Unity“, „Desparados“ und „Jubos“ – die RB Leipzig besonders feindlich gegenüberstehen – macht dort seit rund 1 1/2 Jahren eine Hooligan-Gruppe namens „0231 Riot“ von sich Reden. Sie gilt als rechtsoffen und extrem gewaltsuchend. Szenekenner machen sie auch für den Gebrauch von Pyrotechnik und antisemitische Beleidigungen gegen die Leipziger Fans verantwortlich.

BVB gegen RB Leipzig: Was passiert innerhalb des Stadions?

Knapp 60 Banner zeigten die BVB-Fans vor dem Anstoß des Bundesliga-Topspiels, darunter extrem beleidigende Formulierungen, u.a. gegen RB-Sportdirektor Ralf Rangnick und Red Bull-Fußballchef Oliver Mintzlaff oder auch Red Bull-Gründer Dietrich Mateschitz. Ein Großteil der Spruchbänder wurde im Bereich der Ultra-Gruppierungen gezeigt. Aber auch zahlreiche Fanclubs zeigten Plakate mit teils beleidigenden Inhalten gegen RB. Das wohl übelste Spruchband - „Burnout Ralle: Häng dich auf!“ – wurde beispielsweise nicht in den Ultra-Blöcken hochgehalten.

Unklar ist aktuell noch, wie die Banner ins Stadion gelangten. In der Regel werden mitgebrachte Spruchbänder an den Eingängen durch den Ordnungsdienst auf beleidigende Inhalte, die gegen die Dortmunder Stadionordnung verstoßen, kontrolliert.  

Auch nach dem Anpfiff kam es zu unschönen Szenen. So wurden Leipziger Spieler von einem Laserpointer von der Tribüne aus geblendet. Erst eine Durchsage des Stadionsprechers beendete die unfaire Aktion. In der Halbzeitpause flog plötzlich eine Metallstange auf den Platz und verfehlte einen Mitarbeiter des TV-Senders Sky nur knapp. Moderator Sebastian Hellmann zeigte das 30 Zentimeter lange Wurfgeschoss vor laufender Kamera. Nicht bekannt ist bislang, von welcher Tribüne der Gegenstand geworfen wurde. Die Polizei ermittelt auch in diesem Fall.

BVB gegen RB Leipzig: Welche Rolle spielte die Dortmunder Vereinsführung?

Gerade BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke steht in der Kritik. Er hatte RB Leipzig und das Modell mit Red Bull als Hauptgönner des Vereins immer wieder scharf kritisiert, er sagte unter anderem: „Bei Rasenballsport, wie sie ja tatsächlich heißen, haben wir das erste Mal – auch im Gegenteil zu Hoffenheim oder Wolfsburg – den Fall, dass da nichts, aber auch gar nichts historisch gewachsen ist.“

Der renommierte Fanforscher  Gütner A. Pilz sagte, Watzke habe mit seinen Aussagen zusätzlich Öl ins Feuer gegossen. Pilz erklärte gegenüber dem Sport-Informationsdienst: „Watzke sollte mal in sich gehen und seine Aussagen überprüfen. Das würde wenn schon nicht zu einer Beruhigung, so wenigstens zur Verhinderung der Eskalation der Lage beitragen. Dies gilt im Übrigen für Vereinsverantwortliche aller Bundesligavereine, wenn sie sich vor brisanten Spielen öffentlich äußern.“

Allerdings erhielt der BVB-Chef auch Rückendeckung – ausgerechnet vom Dortmunder Erzrivalen Schalke 04. Sportvorstand Christian Heidel nannte die Vorwürfe „in keiner Weise gerechtfertigt“, den Zusammenhang zwischen Gewalt und Watzkes RB-Kritik nannte er grenzwertig. „Ich habe nichts an seinen Aussagen finden können, was den Vorwurf der Anstifterei rechtfertigt. Er hat niemanden dazu aufgefordert, dass sich Fans so benehmen, wie das am Samstag passiert ist", relativierte Heidel.

BVB gegen RB Leipzig: Welche Konsequenzen haben die Ausschreitungen?

Die Polizei ermittelt nun zunächst wegen der Vorfälle außerhalb des Stadions. Insgesamt elf Personen aus Dortmunder Fankreisen wurden noch unmittelbar während der Angriffe festgenommen, weitere sollen durch Videoaufnahmen identifiziert werden. Die Polizei sucht dafür nach Video- und Fotoaufnahmen. Sie hat dazu am Dienstag ein Hinweisportal freigeschaltet, auf dem Zeugen Bilder und Videos hochladen können.

Im Fall der Spruchbänder im Stadion ist der BVB gefordert. Der Verein kündigte bereits an, mittels umfangreicher Videoüberwachung die Verantwortlichen der beleidigenden Banner ausfindig zu machen. BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hatte am Montag gesagt, er habe „das Gefühl, dass wir erste Täter haben ermitteln können“. Ihnen droht ein mehrjähriges Stadionverbot (maximal drei Jahre), welches der Verein dank seines Hausrechts aussprechen kann.

Wegen der Spruchbänder ermittelt auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB). Dem BVB droht auf jeden Fall eine Strafe durch das Sportgericht - möglicherweise sogar ein Teilausschluss der Zuschauer. Nach Krawallen beim letztjährigen DFB-Pokalfinale gegen Bayern München wurde Dortmund zu 75.000 Euro Geldstrafe verurteilt und mit einer noch bis zum 31. Mai laufenden Bewährung belegt. Betroffen sind die Blöcke im Unterrang der Südtribüne, hier stehen auch die Ultras der Borussia.

BVB gegen RB Leipzig: Wie gehen die Fans mit den Vorfällen um?

Die Dortmunder Fan- und Förderabteilung, in der rund 15.000 BVB-Mitglieder organisiert sind, teilte mit: „Die BVB Fan- und Förderabteilung hat in der Vergangenheit mit kreativen und friedlichen Aktionen gegen das Konstrukt RB Leipzig protestiert und steht auch weiterhin zu dieser Kritik. Doch nichts rechtfertigt die Gewalt gegen Personen und wir verurteilen etwaige Angriffe auf die Unversehrtheit des Einzelnen auf das Schärfste.“

RB-Klubchef Mintzlaff sagte der Mitteldeutschen Zeitung: „Wir stehen in Kontakt mit den betroffenen Fans.” Auch am Montag hätten sich noch einige gemeldet, „die durchaus traumatisiert sind. Wir erwarten eine lückenlose Aufklärung und werden uns mit allem, was uns zur Verfügung steht, dafür einsetzen, dass alle wieder sorgenfreie Auswärtsfahrten erleben.”

Das Leipziger Fanprojekt kritisierte im Spiegel die Sicherheitsmaßnahmen rund um das Dortmunder Stadion: „Das Sicherheitskonzept war von vorne bis hinten katastrophal“, beschreibt Mitarbeiter Jakob Grudzinsk die Situation für die mit einem Sonderzug anreisenden RB-Fans. Vom Bahnhof bis kurz vor dem Stadion habe es keine begleitenden Polizeikräfte gegeben, sodass die Anhänger laut dem Fanprojektler immer wieder angegriffen und beworfen werden konnten.

BVB gegen RB Leipzig: Was sagen die Mannschaften nach den Ausschreitungen?

Am Dienstag redete RB-Trainer Ralph Hasenhüttl mit seinen zumeist jungen Fußball-Profis noch mal über die Attacken auf Fans und die beleidigenden Spruchbänder gegen den Verein. Gegenüber Medienvertretern auf dem Trainingsgelände der Leipziger fand Hasenhüttl jedenfalls klare Worte: „Es hat einen sportlichen Verlierer gegeben mit uns, der vollkommen zurecht verloren hat. In Wahrheit hat auch der Fußball verloren.“ Mit negativen Reaktionen durch die eigenen Fans rechnet Hasenhüttl nicht. „Wir haben auch das Gefühl, dass unsere Fans das so einordnen wie es ist und nicht mit irgendwelchen Gegenaggressionen reagieren, sondern weitere unsere Fankultur pflegen und dafür stehen, dass wir anders sein wollen“, betonte er nach der Übungseinheit. Etwa 60 Anhänger hatten diese auf dem Trainingsgelände verfolgt.

Borussia Dortmunds Trainer Thomas Tuchel hat unterdessen zu einer differenzierten Betrachtung der Ereignisse vom vergangenen Samstag beim Heimspiel gegen RB Leipzig aufgefordert. „Ich habe die Wand nicht als Wand des Hasses wahrgenommen. Die Spruchbänder habe ich in der Vielzahl gesehen, aber nicht einzeln gelesen“, sagte der Coach vor dem DFB-Pokal-Achtelfinale am Mittwoch (20.45 Uhr/Sky und ARD) gegen Hertha BSC. Natürlich distanziere man sich von den Inhalten, so Tuchel. „Ich kenne aber Menschen, die in der Wand stehen und in keinster Weise gewalttätig sind. Bei aller Aufklärung sollte es keine Pauschalverurteilung geben“, äußerte der BVB-Trainer. Er selbst und die Mannschaft hätten erst nach Ende des Spiels gegen Leipzig von den Vorkommnissen außerhalb des Stadions, als sogar Familien mit Kindern von BVB-Hooligans mit Flaschen und Steinen attackiert wurden, erfahren: „Es muss möglich sein, mit Kindern und Familie ins Stadion zu gehen. Wir distanzieren uns von Gewalt, das ist eine Selbstverständlichkeit.“ Es sei eine Grenze überschritten worden, davon werde man natürlich niemanden freisprechen, so Tuchel.

BVB gegen RB Leipzig: Was sagen die Vereine zu den Gewaltexzessen

Beide Vereine äußerten sich noch am Sonntag per Stellungnahme. Der BVB entschuldigte sich im Namen von Präsident Reinhard Rauball und Geschäftsführer Watzke bei den Verletzten aus dem Leipziger Fanlager und den vier verletzten Polizisten. Der Vizemeister kündigte eine umfassende Aufarbeitung und harte Strafen gegen identifizierte Täter an.

Die "Roten Bullen" forderten in einer ersten Stellungnahme: „Dass Menschen beim Fußball mit Gewalt konfrontiert werden, ist inakzeptabel. Wir erwarten von Herrn Watzke und Herrn Rauball, dass diese von mehreren Tätern verübten Vorfälle – die diese Saison erstmals unsere Fans betrafen – lückenlos im Interesse der gesamten Bundesliga aufgeklärt werden.“

BVB gegen RB Leipzig: Weitere Reaktionen von Politik und Polizei

Die Oberbürgermeister aus Dortmund und Leipzig meldeten sich in einer gemeinsamen Stellungnahme zu Wort und fordern ein hartes Durchgreifen gegen die Gewalttäter. Leipzigs OB Burkhard Jung sagte: „Ich erwarte vom Fußballbund, von der Vereinsführung wie auch von Polizei und Justiz, dass mit aller Härte gegen diese Kriminellen vorgegangen wird. Wer Familien angreift, hat keine Nachsicht verdient.“

Dortmunds Stadtoberhaupt Ullrich Sieraus ergänzte: „Ich erwarte von Polizei, Justiz, DFB und BVB ein rigoroses Vorgehen gegen die Straftäter, die in meinen Augen keine Fans sind. Im Gegenteil: Sie haben dem sportlichen Miteinander einen maximalen Schaden zugefügt. Der Ruf der so genannten besten Fans der Liga wurde massiv beschädigt.“  Sierau lud seinen Leipziger Amtskollegen Jung und die zu Schaden gekommenen Familien zu einem gewaltfreien Wochenende nach Dortmund inklusive Kulturprogramm ein. Auf dem Programm soll auch ein Besuch des Deutschen Fußballmuseums stehen.

Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt griff unterdessen den Dortmunder Ordnungsdienst an: „Man wird sich natürlich die Frage stellen müssen, wie es möglich ist, dass solche Hass-Transparente ins Stadion kommen. Da wird sich sicherlich auch die Einlasskontrolle die eine oder andere Frage gefallen lassen müssen. Das muss besser kontrolliert werden. Denn solche Parolen über 90 Minuten lang zu sehen, das ist schon sehr schwer verdauliche Kost", so Wendt gegenüber Sport1.de. Seinen Forderungen nach, hätte das Spiel aufgrund der Ausschreitungen und beleidigenden Banner gar nicht erst angepfiffen werden dürfen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière forderte indes harte Konsequenzen. "Ich hoffe auf eine schnelle und harte Reaktion der Justiz, damit alle wissen, was ihnen droht, wenn man sich so verhält", sagte der CDU-Politiker der Bild-Zeitung. (cbo mit sid und dpa)