Der HFC und die Stasi

Der HFC und die Stasi: Torwart Ralf Heine wurde über Nacht kaltgestellt

Halle (Saale) - Fußballer ist man mit Leidenschaft oder gar nicht. Ralf Heine, heute 75 Jahre alt, war seit der Saison 1966/67 der Star im Tor des HFC. Die „Freiheit“ lobte den gebürtigen Leipziger 1968 nach einem Spiel gegen Zwickau über alle Maßen: „Die Mannschaft besaß in Ralf Heine einen Schlussmann, der gestern einfach nicht zu bezwingen war und in schwierigsten Situationen richtig ...

Von Silvia Zöller

Fußballer ist man mit Leidenschaft oder gar nicht. Ralf Heine, heute 75 Jahre alt, war seit der Saison 1966/67 der Star im Tor des HFC. Die „Freiheit“ lobte den gebürtigen Leipziger 1968 nach einem Spiel gegen Zwickau über alle Maßen: „Die Mannschaft besaß in Ralf Heine einen Schlussmann, der gestern einfach nicht zu bezwingen war und in schwierigsten Situationen richtig reagierte.“

Doch schon zwei Jahre später musste die damals 26-jährige Nachwuchshoffnung seine Profikarriere an den Nagel hängen: „Heine hat eine Schwester in Westdeutschland und zeigt seit einiger Zeit unbefriedigende sportliche Leistungen“, heißt es in den Akten der Staatssicherheit, die die MZ jetzt eingesehen hat.

Heine und ein weiterer Spieler, dessen Namen in den Akten geschwärzt ist, wurden von heute auf morgen aus dem Nachwuchskader geworfen. „Mit der Leitung des HFC besteht dazu Übereinstimmung“, heißt es weiter in den Akten. Hintergrund war ein neues Gesetz aus dem Jahr 1970, das festlegte, dass Fußballspieler mit Verwandten im Westteil Deutschlands nicht in der DDR-Oberliga spielen durften.

Ralf Heine über Verbannung aus DDR-Oberliga: „Eine Demütigung“

In der neuen Serie berichtet die MZ, wie die Staatssicherheit ab den 1970er Jahren den Fußball überwacht hat. Welchen Einfluss hatte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auf Spieler und Fans in Halle? Wo setzte die Stasi Spitzel ein und was berichteten sie? Auch über die Konsequenzen dieser Beobachtungen wird in der Serie berichtet.

Teil 1 der Serie beschäftigt sich mit den Anfängen in den 1970er Jahren, die Reihe wird fortgesetzt mit den Versuchen in den 1980er Jahren, die Fanszene zu zerschlagen. In der Folge wird über einzelne Inoffizielle Mitarbeiter aus den Reihen der Ordner des HFC berichtet und in einem weiteren Teil über die Situation kurz vor der Wende im Jahr 1989.

„Das war ein tiefer Einschnitt in mein Leben, eine Demütigung“, sagt Heine, der heute noch im Fußball aktiv ist - als Geschäftsführer des SV Leipzig Nordwest. Er erinnert sich, wie er 1966 von Leipzig zum HFC kam: „Horst Sindermann, der erste Sekretär der SED-Bezirksleitung, hatte mich persönlich im Auto abgeholt“, sagt er.

Sportlich ging es steil aufwärts, Heine rückte sogar in die Nachwuchsauswahl der DDR-Nationalmannschaft auf. Auch bei Spielen in Afrika und Schweden kam er zum Einsatz. „Und die Stasi war überall mit dabei“, berichtet er.

Um so erstaunlicher ist, dass Heine nach der Flucht seiner Schwester 1968 über die Ostsee im Schlauchboot in den Westen erst einmal unbehelligt blieb. 1970, nachdem das neue Gesetz in Kraft trat, „da wurde ich dann über Nacht kaltgelegt“, sagt Heine. „Ich hatte das Gefühl, dass an mir ein Exempel statuiert werden sollte“, erinnert er sich. Möglicherweise, weil der HFC damals einer der führenden Clubs werden wollte „und eine saubere Weste haben sollte“.

Stasi hatte große Angst vor Westflucht der DDR-Fußballstars

Auf dem Stasi-Papier jedoch aus dem Jahr 1970 ist eindeutig die Westverwandtschaft und die damit verbundene mögliche Flucht aus der DDR der Grund. Etwas lapidar hängt der Stasi-Oberleutnant noch die Begründung für den zweiten Spieler an, dessen Name geschwärzt ist: „Ungenügende sportlich-technisch Voraussetzungen, politisch uninteressiert.“

Ralf Heine weiß, dass er keineswegs der einzige ist, der wegen Westverwandtschaft nicht mehr als Profifußballer tätig sein durfte. Auch bei Chemie Leipzig habe es solche Fälle gegeben. „Es gab auch Untersuchungshaft gegen diejenigen, die gegen solche Entscheidungen demonstriert haben.“

Die Sorge der Stasi, dass die Creme de la creme des Fußballs die DDR verlässt, sollte sich wenig später als begründet erweisen: Nach einem Spiel im November 1976 der Nachwuchs-Nationalmannschaft in der Türkei setzten sich der HFC-Mittelfeldspieler Norbert Nachtweih gemeinsam mit dem Teamkollegen und Torwart Jürgen Pahl ab.

Norbert Nachtweih: Aus Instabul floh er in die Bundesliga

Die Stasi tappte laut eines Berichts danach im Dunkeln: „Der derzeitige Aufenthalt ist nicht bekannt.“ Die beiden, damals 19 und 20 Jahre alt, hätten die DDR „ungesetzlich verlassen und um Asyl in der Türkei gebeten“. Westliche Massenmedien, so heißt es weiter, hätten verbreitetet, dass „beide in der BRD ein neues Leben beginnen wollen“.

Dabei lagen der Stasi damals konkrete Informationen vor: Die Mannschaft, so der Bericht in den Akten, sei am Vormittag des 17. Novembers mit dem Bus nach Istanbul gefahren, von wo die Kicker zurück in die DDR fliegen sollten. Vor dem Abflug gab es den Beschluss, dass die Sportler Istanbul in Gruppen besuchen dürfen. Nachtweih und Pahl erklärten jedoch während des Ausflugs, dass sie kein Interesse am Besuch des Bazars hätten.

„Sie trafen um 14 Uhr nicht am Treffpunkt ein“, endet der Bericht. Für Nachtweih folgten sechs Jahre bei Eintracht Frankfurt und sieben bei Rekordmeister Bayern München, dann wechselte er zum AS Cannes in Frankreich und beendete seine Profikarriere 1996 bei Waldhof Mannheim.

Im Dezember 1989 sagte er in einem Interview in der „Freiheit“ auf die Frage, wie er heute seine Entscheidung sieht, in den Westen zu gehen: „Mir ging es damals in der DDR nicht schlecht. Doch ich wollte einfach mal ausprobieren, ob ich es in der Bundesliga schaffen würde.“ (mz)