Joshua Kimmich

Joshua Kimmich: Mit RB Leipzig in Liga drei und jetzt bei der EM 2016

Leipzig/mz - Es war kalt auf dem Trainingsgelände am Cottaweg, als Joshua Kimmich sich erklärte. Bibbernd und mit blauen Lippen erzählte er, dass er RB Leipzig verlassen und zum FC Bayern München wechseln werde. Kimmich stand vor einer Traube von Reportern und sprach. Schüchtern-reserviert, aber klar und zielstrebig: „Man muss das Selbstbewusstsein haben, dass man sich dort durchsetzt. Dieses Selbstvertrauen habe ich, deshalb gehe ich ...

Von Ullrich Kroemer 02.06.2016, 09:32
Joshua Kimmich stieg mit den roten Bullen einst in die zweite Liga auf.
Joshua Kimmich stieg mit den roten Bullen einst in die zweite Liga auf. imago sportfotodienst

Es war kalt auf dem Trainingsgelände am Cottaweg, als Joshua Kimmich sich erklärte. Bibbernd und mit blauen Lippen erzählte er, dass er RB Leipzig verlassen und zum FC Bayern München wechseln werde. Kimmich stand vor einer Traube von Reportern und sprach. Schüchtern-reserviert, aber klar und zielstrebig: „Man muss das Selbstbewusstsein haben, dass man sich dort durchsetzt. Dieses Selbstvertrauen habe ich, deshalb gehe ich dorthin.“

Vor gut einem Jahr war das. Und es gab damals nicht viele unter den Anwesenden, die Kimmich eine große Chance beim Rekordmeister zugetraut hätten. Auch der damalige RBL-Trainer Alexander Zorniger hatte seine Zweifel: „Ich bin sicherlich ein noch größerer Fan von Jo als Matthias Sammer oder Pep Guardiola. Aber er muss auf diesem Niveau erst einmal zeigen, dass er mithalten kann“, sagte Zorniger.

„Vorteil, flexibel zu sein“

Inzwischen hat Joshua Kimmich eindrucksvoll bewiesen, dass er mithalten kann. Mehr sogar. Der inzwischen 21-Jährige hat in dieser Spielzeit 36 Einsätze - 23 in der Bundesliga, vier Pokal, neun Champions League - für den großen FCB bestritten. Und seit Dienstag gehört er auch endgültig zum Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft bei der EM in Frankreich. Mit nur einem A-Länderspiel – sein Debüt gab er am Sonntag beim 1:3 gegen die Slowakei – gehört Kimmich zu den großen Überraschungen im EM-Kader von Bundestrainer Jogi Löw.

Zwar offenbarte Kimmich bei seiner Premiere Schwächen im Stellungsspiel und in der taktischen Abstimmung mit seinen Nebenleuten. Doch aufgrund seiner Passsicherheit, seines Spielverständnisses sowie seiner Variabilität könnte er ein kleiner, aber wichtiger Baustein im DFB-Team werden. „Es ist schon ein Vorteil, wenn man flexibel einsetzbar ist“, sagte Kimmich jüngst. „In einem Turnier passiert viel. Da ist es wichtig, Spieler zu haben, die auf mehreren Positionen spielen können.“

RB Leipzig als perfekte Plattform

Beim FC Bayern war er in der vergangenen Saison so variabel zum Einsatz gekommen, dass seine eigentliche Qualität auf seiner ursprünglichen Position im zentralen Mittelfeld beinahe in Vergessenheit geraten ist. Pep Guardiola setzte ihn nicht nur als Innen-, sondern auch Rechts- und Linksverteidiger ein. „Ich bin viel herumgekommen“, sagte Kimmich schmunzelnd. „Das hat mir dabei geholfen, das Spielfeld und das Spiel allgemein aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.“ So habe er „speziell im Spiel mit dem Ball“ Fortschritte gemacht. „Er hat mir auf den unterschiedlichen Positionen viele Räume gezeigt, die ich vorher gar nicht so gesehen habe.“

Beim VfB nicht mal im Training

Die Pressingarbeit gegen den Ball hatte Kimmich zuvor zwei Jahre lang in der Schule von Alexander Zorniger verfeinert und war in dieser Zeit vom Talent zum Stammspieler gereift. „Ausschlaggebend für seine Entwicklung vom Nachwuchs- zum Seniorenspieler war der Wechsel zu RB Leipzig. Dort hat er von Anfang an Vertrauen und Einsatzzeiten bekommen“, hatte Kimmichs Berater Uli Ferber 2015 gesagt. Anders als andere Jungstars im Nationalteam wählte Kimmich den Umweg über die dritte Liga, um zu lernen, sich auch körperlich zu behaupten.

Eine kluge Entscheidung. Dass der VfB Stuttgart Kimmich leihweise zu RB ziehen ließ, gehört zu den vielen Irrtümern der jüngeren Klubgeschichte bei den Schwaben. „Als wir von seiner Unzufriedenheit erfuhren, waren Ralf Rangnick und ich uns sofort einig, dass ich Joshua anrufe, um ihn zum Gespräch zu uns einzuladen“, berichtet RBL-Nachwuchschef Frieder Schrof. „Eine Woche später war er mit seinen Eltern hier.“

„Vorbild und Führungsspieler“

Schrof leitete knapp 30 Jahre lang die Nachwuchsarbeit beim VfB, ehe er 2013 zu RB Leipzig wechselte und das Leistungszentrum dort aufbaute. Kimmichs Weg hat er von Beginn an begleitet. „Joshuas besondere Fähigkeiten haben wir bereits damals erkannt, als wir ihn für den VfB Stuttgart gewonnen haben“, sagt Schrof und zählt viele Punkte auf: „Spielintelligenz, Technik, Fleiß, Lernwilligkeit, Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Siegeswille, Verantwortung übernehmen, auf jeglichen Schnick-Schnack verzichten.“

Bereits als Kimmich 16 Jahre alt war, sagte sich Schrof: „Wenn der Junge gesund bleibt, kann das gar keiner verhindern, dass er Profi wird.“ Doch damit, dass er nun bereits in so jungen Jahren die deutschen Farben bei der EM vertritt, hat Joshua Kimmich die ohnehin schon hohen Erwartungen noch übertroffen.